Ralf Strothteicher (links), technischer Geschäftsführer, und Gunda Röstel, kaufmännische Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden.

Ralf Strothteicher (links), technischer Geschäftsführer, und Gunda Röstel, kaufmännische Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden.

Bild: © Stadtentwässerung Dresden

Wann haben Sie die ersten Vorkehrungen zum Corona-Virus getroffen und wann wurden Maßnahmen in der Öffentlichkeit sichtbar?
Gunda Röstel, kaufmännische Geschäftsführerin: Unser Unternehmen, die Stadtentwässerung Dresden, hat unter Federführung des Technischen Geschäftsführers bereits seit Anfang März sehr frühzeitig einen Krisenstab gebildet mit der klaren Zielstellung, gesundheitliche Risiken für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu minimieren und gleichermaßen den vollständigen Betrieb bestmöglich aufrechtzuerhalten. Erste Mitteilungen an unsere Mitarbeiter zu geeigneten Verhaltensweisen erfolgten in der letzten Februarwoche.

Wie bewerten Sie das politische Krisenmanagement in Deutschland? Wünschen Sie sich mehr Unterstützung?
Grundsätzlich sind wir sehr froh, dass unsere politischen Verantwortlichen auf nationaler, regionaler und kommunaler Ebene mit Ernsthaftigkeit und Umsicht das Krisenmanagement betreiben. Dass dies in unserem föderalen und subsidiären System eine besondere Herausforderung darstellt, lernen wir gerade. Sehr hilfreich wäre, wenn kritische Infrastrukturunternehmen – wie das unsere – mit in Teilen sehr eigenen Problemstellungen besser als bisher Gehör finden würden. Dies betrifft beispielsweise die Sicherstellung der Klärschlammentsorgung, die Zuteilung hochwertiger Atemschutzmasken, die zwingend für die Gesundheit unserer Mitarbeiter im Netz- und Anlagenbereich notwendig sind, wenn das Abwasser wie gewohnt laufen soll oder die Unterstützung in der Chemikalienbelieferung.

Was passiert, wenn eines Ihrer Back-up-Teams im Bereich Kritische Infrastrukturen ausfällt ?
Ralf Strothteicher, technischer Geschäftsführer: Unser Unternehmen ist seit mehreren Wochen im Krisenmodus. Dies bedeutet, dass Homeoffice, Besetzung mit nur noch einem Mitarbeiter pro Zimmer sowie von vorn herein getrennte Teams im Schichtbetrieb, Tagdienst oder den Werkstätten organisiert sind, sodass zunächst die Kontakte und damit die Ansteckungsgefahr weiter deutlich minimiert wurden. Drastische Zugangsbeschränkungen, insbesondere zu den Warten, aber auch zu allen Betriebsgebäuden im Mitarbeiterbereich selbst, folgen dem gleichen Ziel. Mithilfe dieser Maßnahmen verfügen wir über mehr als ein Back-up-Team und greifen nötigenfalls zur Unterstützung auch auf Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus anderen geeigneten Struktureinheiten zurück. Für den Fall, dass auch dies durch weiter steigende Fallzahlen so nicht mehr aufrecht zu halten ist, bereiten wir sogenannte „Insel-Quarantäne“ als Lösungsmöglichkeit vor. Für diesen Extremfall sind Schutzausrüstungen in größerem Umfang erforderlich, die derzeit am Markt nicht erhältlich sind sowie ggf. eine entsprechende gesetzliche Legitimation.

Welche finanziellen Auswirkungen wird die Epidemie auf Ihr Unternehmen haben?
Gunda Röstel: Klar ist, dass uns erhebliche Marktrisiken durch Produktionseinschränkungen oder Schließungen drohen, und dass Forderungsausfälle durch Insolvenzen und die gesetzgeberisch beschlossenen „Lockerungen“ der Zahlungsmodalitäten Liquiditätsrisiken erhöhen und das Betriebsergebnis beeinträchtigen. Hinzu kommt, dass  Investitionsvorhaben wahrscheinlich nicht im geplanten Umfang erfolgen können, gegebenenfalls durch Insolvenzen von Unternehmen auch Schäden in einer dann neu entstehenden Kette von Ausschreibungen und Neuverträgen zustande kommen oder avisierte Vorhaben im Dienstleistungsbereich Umstände bedingt nicht oder später erbracht werden. Dies sind nur einige der Punkte, die in Abhängigkeit der Dauer der Krisensituation erst zu gegebenem Zeitpunkt gesamthaft bewertet werden können.

Es droht eine schwere Rezession, die Wirtschaft steht derzeit still, was bedeutet dieser Einbruch für Ihre Umsatz- und Ergebnisplanung?
Gunda Röstel: Wie schon gesagt, auch wir befürchten durch Produktionsrückgänge oder durch den Stillstand von Unternehmen nicht unerhebliche Umsatz- und Ergebniseinbußen. Für Dresden insgesamt macht der Einfluss von gewerblichen und Industrieeinleitern im Gebührenbedarf rund 20 bis 25 Prozent aus.

Rechnen Sie mit steigenden Energiepreisen, ÖPNV-Ticket-Preisen und Wasserpreisen?
Gunda Röstel: Wir hoffen sehr, dass die Krise nicht unmittelbar mit steigenden Preisen beantwortet werden muss, weil dies die wirtschaftliche Erholung sofort erneut deutlich schwächen würde. Von daher ist auch auf politischer Ebene nicht nur heute, sondern auch in den nächsten Monaten, mit Augenmaß zu agieren. Dies bedeutet nicht etwa Stillstand bei gesetzlich wie inhaltlich zwingenden Vorhaben, die im Kontext des Klimaschutzes ausstehen. Es bedeutet aber, dass neue Gesetzesvorhaben, deren Wirkweise und Sinnhaftigkeit noch zu diskutieren ist, mit besonderer Sensibilität zu behandeln ist. In unserem speziellen Fall wäre es beispielsweise ein völlig falsches Signal, wenn wir über die angezeigte Reform des Abwasserabgabengesetzes deutliche Gebührenerhöhungen im mittelfristigen Zeitraum anzeigen müssten. Bezüglich der Energiepreissteigerungen bauen wir darauf, dass sich unsere Anstrengungen über Faulung und Covergärung sowie weitere erneuerbare Quellen hin zu einem klimafreundlichen, energieautarken Abwasserunternehmen auszahlen werden in absehbarer Zeit.

Welche Auswirkungen hat das Virus auf laufende Projekte?
Ralf Strothteicher: Bezogen auf unsere laufenden Investitionsprojekte arbeiten wir hart daran, die negativen Auswirkungen der Virus-Pandemie möglichst zu verringern. Dies bedeutet, dass wir mit ganzer Kraft versuchen, die geplante Bau- und Investitionstätigkeit mit unseren Auftragnehmern fortzusetzen, über unseren kaufmännischen Bereich zeitnah Rechnungen zu begleichen und neue Aufträge weiter zu vergeben. So viel Normalität wie möglich bei gleichzeitiger gesundheitlicher Sicherung aller Mitarbeitenden – das ist unsere Devise. Inwieweit jedoch unsere Partnerfirmen und Auftragnehmer selbst als Unternehmen durch mangelnde Liquidität, Krankenstand oder Lieferengpässe in ihrer Leistungserbringung behindert sind, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.

Wie lange lässt sich dieser „Notbetrieb“ wie er jetzt vorherrscht aufrechterhalten?
Ralf Strothteicher: Da niemand weiß, wie lange wir benötigen, um uns aus der Pandemie einigermaßen sicher erholt zu haben, planen wir zunächst so, als müssten wir uns auch längerfristig auf Notbetrieb einstellen. Dies bedeutet, dass wir, wo immer möglich, geplanten Urlaub gewähren, Mehrarbeitsstunden vermeiden, um die ohnehin vorhandene Belastung nicht zusätzlich zu steigern. Wir sind auf mehrere Monate im aktuellen Notbetrieb eingestellt, hoffen aber sehr, dass dies nicht notwendig sein wird.

Wie viel Prozent Ihrer Mitarbeiter arbeiten im Homeoffice?
Ralf Strothteicher: Von unseren Mitarbeitenden arbeiten aktuell zwischen 20  und 30 Prozent über Homeoffice, wobei hiervon vorrangig Kollegen Gebrauch machen, die als Eltern häuslichen Betreuungsaufgaben nachkommen müssen. Darüber hinaus tauschen sich unsere Kollegen im Wochenwechsel, da wo sinnvoll, mit Homeoffice-Möglichkeiten untereinander aus. Datenschutz und IT-Sicherheit sind über die entsprechende Ausstattung und die notwendigen Informationen und Belehrungen gewährleistet.

Hatten Sie bereits einen Covid-19-Fall?
Gunda Röstel: Nein, glücklicherweise nicht, aber einige Verdachtsfälle. Möge es so bleiben! Um dem vorzubeugen, haben wir über den Krisenstab aller zwei Tage Mitarbeiterinformationen im Umlauf, die insbesondere der Risikominimierung und gesundheitlichen Vorsorge dienen. Einzelraumbesetzung, die Ausstattung mit eigengefertigten Mundschutzmasken aus Stoff nach Anleitung unseres Universitätsklinikums und zum Schutz anderer Menschen, die individuelle Essensversorgung anstelle des Betriebsrestaurants usw. sind nur einige Maßnahmen, die hoffentlich Erkrankungen vorbeugen.

Worin sehen Sie persönlich die größte Herausforderung bei der Bewältigung der Krise? Wo gibt es auch Chancen?
Gunda Röstel: Die größte Herausforderung für unser Unternehmen liegt ganz klar in der Aufrechterhaltung der adäquaten Sammlung der Abwässer und deren Klärung und aller hierfür nötigen Dienstleistungsprozesse. Chancen sehen wir unternehmensbezogen vor allem darin, dass wir alle miteinander in kürzester Zeit lernen, komplett neue Situationen erfolgversprechend zu meistern, von der Arbeit mit Videokonferenzen und digitalen Arbeitsplätzen bis hin zum wechselseitigen Einspringen für bisher nicht geübte Tätigkeiten. Die Hilfs- und Unterstützungsbereitschaft ist groß. Wir sind stolz auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und dankbar, dass sie diese Herausforderung mit uns unaufgeregt gemeinsam meistern. Ein neues digitales Level und diese Erfahrung gemeinsamen solidarischen Engagements unter extremen Bedingungen – das wird bleiben!

Die Fragen stellte Stephanie Gust

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper