Die Digitalisierung eröffnet sehr viele Möglichkeiten, um den Kundenwünschen entgegenzukommen, etwa eine Allzeit-Verfügbarkeit, digitale Kontakt- und Bestellmöglichkeiten, Smart Home oder die Teilnahme an einem virtuellen Kraftwerk. In den Enterprise-Resource-Planning(ERP)-Systemen sind diese digitalen Anforderungen zu berücksichtigen. Die ZfK fragte bei einigen Software-Häusern nach, was die aktuellen Trends sind und welche Bereiche die Versorgungsunternehmen besonders nachfragen.
Die Anforderungen an automatisierte Prozesse und die Verfügbarkeit steigen, unterstreicht SIV aus Roggentin. Einerseits würden die Fristen für Reaktionszeiten innerhalb eines Prozesses sinken – dem begegne man mit einer integrierten Echtzeitlösung. Andererseits wird durch das verstärkte Aufkommen von Internet-Vertriebskanälen und die Verwendung mobiler Endgeräte zu jeder Zeit an jedem Ort der Endkundenkontakt auf 24 Stunden am Tag ausgedehnt.
Automatisierung ist Trumpf
Anbieter Schleupen, der nach eigener Aussage als einziger die Prozesse der Gateway-Administration vollständig durch ein eigenes Software-as-a-Service-Angebot unterstützt, kann viele seiner Prozesse im ERP schon jetzt automatisiert ablaufen lassen. Dies wolle man in Zukunft weiter ausbauen. Zusätzlich habe man die Systeme durch Monitoring- und BI-Module ergänzt.
Somentec, die Schwäbisch-Hall-Tochter, nennt vor allem Portallösungen, den elektronischen Rechnungsversand, Archivierungsfunktionen und Prozesssteuerung als wichtige neue Produkte, die man entwickelt habe.
ERP-Plattformen für die neuen digitalen Anforderungen
Powercloud als relativ neuer Anbieter hebt sich nach eigenen Angaben stark von den anderen Angeboten ab, da man noch ein vergleichsweise junges System habe. Die Anforderungen der Digitalisierung werden durch die ERP-Plattform getragen. Man könne daher neu denken und alles an den Anforderungen der Kunden ausrichten.
SDK weist zudem auf das wachsende Datenvolumen hin, das in den ERP verarbeitet werden muss. Gleichzeitig sei dabei die Datenschutzgrundverordnung einzuhalten.
Was Energieversorger wollen
Die Kunden wünschen laut Somentec höhere Transparenz der Berarbeitungsstati – wo stehen die Prozesse und wo klemmt es? Ebenso soll die zunehmende Komplexität der Prozesse verstärkt von Software abgefangen werden. Neue Geschäftsmodelle wie Heizkosten, Mieterstrom und E-Mobilität müssen abgebildet werden können.
Vereinfachte Prozesse und Onlineservices
Schleupen gibt an, dass nach wie vor das »papierlose Büro« nachgefragt werde. Die größte Nachfrage bestehe bei der Durchgängigkeit der Prozesse, der Vereinfachung der Prozesse sowohl für das Versorgungsunternehmen, als auch für dessen Kunden. Etwa bei der Multi-Channel-Kommunikation: die Integration von Internetportalen, vereinfachten Prozessketten und Automatisierung und Vernetzung.
SIV sieht ebenfalls eine verstärkte Nachfrage in Onlineservices. Sowie leicht und schnell individualisierbaren Produktgeneratoren und automatisierten Prozessen. Gleichzeitig soll eine maximale Verfügbarkeit gewährleistet werden. Das liege zum einen an den Endkundenanforderungen als auch an den sinkenden Margen im Vertriebsmarkt.
Mobile Endgeräte müssen Anwendungen abbilden können
Das Aufkommen von Smartphone, Tablet und Co. hebt Wilken aus Ulm hervor: Die Kunden verlangen nach Anwendungen, die sie auch auf ihren mobilen Endgeräten nutzen können. Ebenso die Integration mobiler Prozesse etwa im Lager oder beim Workforce-Management werde immer wichtiger. Zudem werden zunehmend Cloud-Lösungen nachgefragt.
Wohin geht die Reise?
Für die Zukunft prophezeit Wilken, dass Cloud-Technologien und die Einbindung von Apps weiter an Bedeutung zunehmen werden. Dies werde auch die Lizenzmodelle verändern. Die Wilken-Lösung P/5 wird in den kommenden Jahren prozessorientiert ausgebaut, so dass das ERP sich leichter an neue Anforderungen anpassen lasse und auch individuelle Prozesse abbildbar seien.
Steigender Margendruck erzwingt niedrigere Costs-to-Service
Powercloud geht davon aus, dass der Margendruck steigen wird, was sich in einem Zwang zu deutlich niedrigeren Costs-to-Serve (CTS) widerspiegeln wird. »Wir gehen derzeit von CTS von unter zehn Euro als Zielwert aus«, so das Unternehmen. Die Erwartungen der Kunden steigen. Versorger werden eine neue digitale Welt schaffen müssen und sich von dem reinen Anbieter von »nur« Strom oder Gas verabschieden müssen.
Als wesentliche Herausforderung im Energiemarkt sieht Schleupen, die IT so zu gestalten, dass sie effizient ist und dem Anwender Freiraum für das Wesentliche verschafft. Das setze Automatisierung von Standardprozessen voraus. Gleichzeitig wird es darum gehen, die Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit der Versorgungsunternehmen zu steigern. Das wiederum bedeute die Effizienz zu steigern und Sorge dafür zu tragen, die komplexen Prozesse möglichst einfach zu gestalten.
ERP soll Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit der Unternehmen steigern
Genau deshalb habe Schleupen schon vor einigen Jahren mit der Entwicklung einer völlig neuen Softwaregeneration begonnen, die schon im Einsatz ist. Zudem plane man das Portfolio auf Basis weiterer Kooperationen zu erweitern.
SDK geht davon aus, dass in Zukunft neue Daten und Funktionen für noch mehr Daten aus der Digitalisierung integriert werden müssen – Stichwort Internet der Dinge. Zudem werde sich die Marktkommunikation vollständig ändern. Das Versenden von Edifact-Files in Mails sei dann sicher nicht mehr zeitgemäß.
Pay-per-Use als neues Preismodell
Somentec sagt voraus, dass sich die Bedeutung von konsequenter Prozesssteuerung mit hohem Automationsgrad auf allen Funktionsbereichen und Prozessen eines ERP-Systems ausweiten werde. Zusammen mit der Bereitschaft zu höheren Standardisierungen der Abläufe, wird der Weg in die Cloud bereitet. Die daraus resultierenden Software-as-a-Service-Lösungen können auf Basis von vordefinierten Prozessen bei hoher Dynamisierung ein attraktives Kosten-Nutzen-Verhältnis bieten.
Gleichzeitig werden neue Preismodelle wie Pay-per-Use die starren Lizenzgebühren ablösen und eine größere Flexibilität für die Anwender-Unternehmen bieten. Größere Flexibilität werde den ERP-Anwendern auch die zunehmende Verbreitung von Service-orientierten Systemarchitekturen und das Angebot an allgemein nutzbaren Web-Services verschaffen. »Monolithische Softwaresysteme und die Abhängigkeit von einem einzigen Softwarehersteller werden in Zukunft mehr und mehr der Vergangenheit angehören«, so die Voraussage von Somentec.
Differenzierung, Spezialisierung und dezentrale Versorgung
Drei große Trends werden die nächsten Jahre bestimmen, antwortete SIV: Differenzierung, Spezialisierung und dezentrale Versorgung. Differenzierung bedeute, dass sich Energieversorger von ihrem Kerngeschäft mit Strom, Gas und anderen leitungsgebundenen Produkten von ihren Wettbewerbern unterscheiden wollen. Dies geschehe durch verschiedenste Maßnahmen wie die Abrechnung beliebiger Produkte im Non-commodity-Bereich, Treueprogrammen, regionalen Marktplätzen oder dem Auftreten als kommunaler Infrastrukturdienstleister.
Dies könne nur durch sehr flexible und automatisierte ERP-Anwendungen unterstützt werden. Gleichzeitig finde eine Spezialisierung der EVU im Rahmen der bestehenden Geschäftsfelder statt. Hier sei eine offene und flexible Softwarelösung wichtig. Für den Bereich der dezentralen Versorgung, zu dem auch Smart-Cities gehören, seien alle vorher genannten Eigenschaften in Summe von hohem Interesse. (sg)
Die ZfK hat in ihrer aktuellen Ausgabe ERP-Systemen im digitalen Wandel ein Schwerpunktthema gewidmet. Vorgestellt werden dabei die Stadtwerke Dachau, die ihr ERP-System gewechselt haben, Greenpeace Energy, die hier ganz neu anfangen, der Umstieg zu SAP HANA und ein Interview mit dem Geschäftsführer von "iS Software" Dirk Weiße. Zudem gibt es eine aktuelle Übersicht zu den bekanntesten ERP-Anbietern in der Kommunalwirtschaft. Das Abo können Sie hier bestellen.



