ZfK: Wie ist aus Ihrer Sicht der Stand Deutschlands bei der digitalen Infrastruktur? Im europäischen Vergleich sind wir ja allenfalls im Mittelfeld. Im Koalitionsvertrag hat sich die neue Bundesregierung ehrgeizige Ziele gesetzt.
Prof. Dr. Pousttchi: Nun ja, soviel wirklich Neues haben wir nicht gesehen, und die Hausaufgaben der letzten großen Koalition sind ja noch übrig. Für mich ist unverständlich, dass Digitalisierung bei der Politik in Deutschland fast ausschließlich Breitbandausbau heißt. Natürlich ist das insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen ein Problem, gerade auf dem Land. Übrigens wird dieses Problem durch die politische Forderung nach Netzneutralität noch deutlich verstärkt. Wenn Sie als Jugendlicher in einem Dorf ein Videospiel übers Netz spielen oder Musikvideos streamen, wobei das Video dann oft gar nicht angeschaut wird, dann ist Ihr Datenpaket genauso priorisiert wie das der kleinen Firma nebenan, die CAD-Anwendungen auf Cloud-Lösungen bearbeitet und die ohne hohe Bandbreite ihre Arbeitsplätze auf Dauer nicht mehr im Ort halten kann. Das ist Netzneutralität in der Realität. Das gilt ebenso wie das Datenpaket der Klinik, die telemedizinische Anwendungen macht. Ganz zu schweigen von der faktischen Parteinahme für die Internetkonzerne und gegen die heimische Telekommunikationsindustrie. Die zweiteren und der Steuerzahler bezahlen die Digitalisierung, die ersteren verdienen das Geld damit. Ich glaube nicht, dass die meisten, die Netzneutralität wie eine Monstranz vor sich hertragen, wirklich bis zum Ende verstanden haben, was sie da tun. Der Breitbandausbau kostet sehr viel Geld und wenn ich mir dann anschaue, was für Forschung oder für die Universitäten, an denen die Leute für das digitale Zeitalter ausgebildet werden, ausgegeben wird, sollte man sich gut überlegen, ob wirklich jeder Euro richtig eingesetzt ist.
ZfK: Sie haben sich intensiv mit der Wirkung der Digitalisierung auf die Finanz- und Telekommunikationsbranche auseinander gesetzt. Gerade auch mit Blick auf das Endkundengeschäft. Was kann die Versorgerbranche, was können Stadtwerke von deren Erfahrungen lernen? Vor allem im Strom- und Gassektor gibt es ja einen sehr starken Wettbewerb?
Prof. Dr. Pousttchi: Sie sollten vor allem wissen, dass sich das Entscheidungsverhalten der Kunden durch die Digitalisierung ändert. Es wird auf eine ganz andere Art auch von Dritten beeinflusst. Es gibt zwei Seiten der Medaille: Die eine Seite ist eine sehr alte Seite – wir wollen ständig auf dem Laufenden sein, wir wollen ständig mit unserer "Sippe" in Verbindung sein. Die andere Seite ist eine sehr neue Seite – den Menschen ist langweilig. Ich sage es ungern, aber Zeit totzuschlagen ist mit Abstand der wichtigste handlungsauslösende Grund. Wenn dann noch Effizienzgründe dazukommen wie etwa Zeit sparen, Geld sparen, meine Arbeitsaktivitäten unterstützen, nimmt der Kunde das sehr gern mit – handlungsauslösend ist es nicht. Mit weitem Abstand auch handlungsauslösend sind Effektivität, also ich kann etwas tun, das ich vorher nicht konnte, und Pflege des eigenen sozialen Netzwerkes, sei es das aus der realen Welt oder sei es das virtuelle, wie etwa Facebook.
"Old Economy schafft Arbeitsplätze, New Economy schafft Börsenwert"
ZfK: Zeitvertreib ist der entscheidende Faktor bei der Nutzung mobiler Dienste?
Prof. Dr. Pousttchi: Ja, das ist so. Schauen sie sich um in der U-Bahn, im Café oder auf der Regierungsbank im Bundestag. Da sitzt keiner mehr still am Tisch, schaut in der Gegend herum oder flirtet mit der Nachbarin. Nach kurzer Zeit kommt das Telefon auf den Tisch und dann wird darauf herumgetippt. Das gibt den Besitzern der Betriebssysteme unheimliche Macht, einerseits durch die in Echtzeit gesammelten Daten und andererseits durch den stetigen Kommunikationskanal zum Kunden und dessen Wunsch nach Bestätigung durch das Gerät. Und wenn Sie sich das Ergebnis dieser Machtkonzentration anschauen, wird es unangenehm: Old Economy schafft Arbeitsplätze, New Economy schafft Börsenwert.
ZfK: Das Thema Blockchain erlebt ja einen Hype, auch in der Energiebranche. Es gibt vereinzelte Pilotprojekte zum Stromhandel über eine dezentrale digitale Buchführung. Hat die Blockchain wirklich Potenzial, die Branche zu revolutionieren?
Prof. Dr. Pousttchi: Die Blockchain ist ja nichts anderes als eine dezentrale Datenbank, die an alle verteilt wird, die beteiligt sind. Eine Art Grundbuch, wo jeder, der ein Grundstück besitzt, bei jeder Änderung des Buches eine neue Version davon bekommt. Wir sprechen also über eine extrem dezentrale Datenhaltung. Die spannende Frage ist doch, nützt uns das und wie sieht die Kosten/Nutzen-Rechnung aus? Wenn ich sehe, dass die Banken diesem Thema hinterherlaufen, weiß ich nicht so richtig ob ich lachen oder weinen soll. Warum gibt es eine Bank? Es gibt eine Bank weil Finanztransaktionen zentralisierte und übrigens auch regulierte Systeme erfordern und die Banken in Besitz dieser Systeme sind. Wenn ich also eine Bank bin und schaue, dass die Blockchain zum Organisationsprinzip wird, schaffe ich mich selbst ab. Und übrigens auch meine Arbeitsplätze. Das gilt übrigens besonders für die Sparkassen und VR-Banken, die viel für unser Gemeinwesen tun, aber behandelt werden wie die Großbanken.
"In China wird der Staat durch die Digitalisierung dramatisch an Einfluss gewinnen"
ZfK: Übertragen auf die Energiebranche könnte das heißen, wenn die Prosumer sich künftig untereinander Strom verkaufen und per Blockchain den Handel abwickeln werden Versorger nicht mehr benötigt?
Prof. Dr. Pousttchi: Im Endeffekt rücken wir von der eingeübten Arbeitsteilung unserer Gesellschaft wieder ein Stück zurück. Ich will nicht sagen Richtung Steinzeit, aber zumindest vor die arbeitsteilige Gesellschaft von Adam Smith. Wir wollen damit die zentralisierte Institution abschaffen. Es ist klar: Wenn ein zentralisiertes System nicht das leistet, was man von ihm erwartet, wie zum Beispiel die Finanzinstitute in der Bankenkrise, wollen die Leute etwas anderes haben. Mein Eindruck ist, dass viel von diesem Blockchain-Hype aus dieser Überlegung kommt.
ZfK: Führt die Digitalisierung in der Konsequenz dazu, dass die übergreifenden Institutionen und am Ende der Staat Einfluss und Macht verlieren?
Prof. Dr. Pousttchi: Die Technologie würde das ermöglichen. Aber wir sollten nicht nach Bauchgefühl entscheiden, sondern uns unter Anwendung ökonomischer und technischer Kompetenz fragen, welches Ergebnis gesellschaftlich vorteilhaft ist und ob wir das wollen. Und insbesondere, an welchen Stellen wir das vielleicht gut finden und an welchen Stellen wir das gar nicht so gut finden. Das kann am Ende so ausgehen, dass in den demokratisch verfassten Gesellschaften der Staat dramatisch an Einflussmöglichkeiten verliert, nicht unbedingt zum Nutzen seiner Bürger, jedenfalls in Deutschland. In anderen Gesellschaftsformen wie zum Beispiel in China wird der Staat durch die Digitalisierung dramatisch an Einfluss gewinnen. Denken Sie an das Social-Credit-System in China, wo alle Daten von ihrem Smartphone über Sie gesammelt werden. Und dann wird ihnen ein Social-Credit-Score zugeordnet. Übrigens, wo wir uns dabei so über die Chinesen erheben: Apple, Google, Facebook und Amazon sind auch nicht soweit von dieser Datenlage entfernt.
"Versorger sollten sich an die Spitze der datenwirtschaftlichen Entwicklung setzen"
ZfK: Wie beurteilen Sie die Open-Data-Debatte? Sollten die Betreiber öffentlicher Infrastrukturen nicht wie andere Marktteilnehmer auch Erlöse mit ihren Daten erzielen dürfen?
Prof. Dr. Pousttchi: Mein Appell an die Versorger ist, dass sie sich zunächst einmal an die Spitze der datenwirtschaftlichen Entwicklung setzen. Dass die kommunalen Unternehmen zeigen, was sie mit ihren Daten können, wenn sie sie innovativ und zum Nutzen des Verbrauchers anwenden. Die politische Debatte dazu sollte man sich genau anschauen. Zur Zeit läuft sie so ähnlich wie bei der Netzneutralität: Es wird ein gut klingende Forderung aufgestellt, gegen die ja wohl niemand etwas haben kann, der für eine offene demokratische Gesellschaft ist. Aber niemand nimmt einmal den Rechenschieber und prüft, wem dadurch tatsächlich wo welche Vor- und Nachteile entstehen. Wir Deutschen neigen leider heutezutage zu Ideologie und Prinzipenreiterei, auch dort, wo der spitze Bleistift der schwäbischen Hausfrau bessere Dienste leistet. Jeden, der sagt, ich will unbedingt Open Data, würde ich zwingen, eine systematische Folgenabschätzung mit Offenlegung aller Annahmen zu machen. Am Ende sollte ein Kompromiss stehen, mit dem eine Lösung gefunden wird, die für das öffentliche Wohl am besten ist.
ZfK: Glauben Sie, dass die Debatte um den Facebook-Skandal und den Datenschutz das Nutzerverhalten nachhaltig verändern wird?
Prof. Dr. Pousttchi: Die Datenschutzgrundverordnung hat einen Sinn, den ich uneingeschränkt teile. Ich finde nicht in Ordnung, wie heutzutage mit persönlichen Daten umgegangen wird. Insbesondere durch bestimmte Internet-Konzerne. Auch das europäisch zu regeln macht absolut Sinn. Wir in Europa bringen immerhin 500 Millionen Verbraucher auf die Waage. Aber die Art, wie wir das jetzt geregelt haben, erinnert mich doch sehr an „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“. Der Knackpunkt: Die Leute werden bei Apple, Google oder Facebook alles unterschreiben, was ihnen vorgelegt wird. Die würden sogar dahin reisen und 50 Seiten Papier unterzeichnen, nur damit sie ihr Smartphone oder ihren Facebook-Account weiter nutzen können. Doch wenn das Start-up kommt, der deutsche Mittelständler oder sogar die Sparkasse, sieht es anders aus. Wenn der ihnen etwas vorlegt, da schauen die Leute sehr genau darauf, überlegen lange und sagen im Zweifel nein.
"In einer solchen Welt lohnt es sich nicht mehr, gute Produkte herzustellen"
ZfK: Und am Ende sind es die wieder die Giganten aus dem Silicon Valley, die profitieren?
Prof. Dr. Pousttchi: Derzeit finden noch über 80 Prozent der Transaktionen in den Volkswirtschaften in der realen Welt statt. Damit die Tech-Riesen ihr Wachstumstempo halten können, müssen Sie aus der virtuellen Welt raus in die reale Welt. Und das tun Sie über Kundendaten. Die Internet-Konzerne schieben sich zwischen Kunde und Händler und werden erster Ansprechpartner des Kunden. Sie wissen genau, was der Kunde will und können es auch beeinflussen. Im Wörterbuch der Big-Data-Welt sprechen wir hier von predictive analysis und prescriptive analysis, sie können das aber auch künstliche Intelligenz nennen. Damit können sie das Interesse des Kunden auktionsweise versteigern und dadurch die komplette Marge des Realwelt-Unternehmens abschöpfen. Theoretisch nur die Marge, in Wirklichkeit schöpfen sie aber noch mehr ab. Es geht nämlich nicht nur runter bis zum Break-Even-Point, es geht noch tiefer bis der Deckungsbeitrag gleich Null ist. Und haben sie Player im Markt wie Zalando, könnten die noch unter Einstandspreis reingehen nach dem Motto „Ich mach das mal bis alle tot sind und dann ziehe ich die Preise wieder an“. In einer solchen Welt lohnt es sich nicht mehr, gute Produkte herzustellen, sondern nur die Vermittlung des Kundeninteresses wird belohnt. Das ist in der Plattform-Ökonomie bereits so, aber dort betrifft es nur eine einzelne Branche. Wenn Sie aber das Smartphone-Betriebssystem beherrschen oder das marktbeherrschende soziale Netzwerk sind, können sie das über alle B2C-Branchen hinweg machen. Daher ist es auch ein Irrtum zu sagen: „B2C haben wir verpasst, das lassen wir jetzt den Amerikanern und wir in Deutschland konzentrieren uns auf B2B“. Wer das fordert, hat keine Ahnung wie das Wertschöpfungsnetz funktioniert. Die Folge wäre ein massives Problem für unsere Volkswirtschaft und würde in der ersten Welle 20 Millionen Arbeitsplätze in Europa kosten.
"Ich wundere mich, dass so wenig passiert. Der Sicherheitszustand ist erbärmlich"
ZfK: Wie schätzen Sie die Gefahren durch technische Manipulationen kritischer Infrastrukturen ein? Jüngst gab es Schlagzeilen über einen Hacker-Angriff auf eine EnBW-Netztochter. Auch das Szenario eines großflächigen Blackout im Stromnetz wird immer wieder beschworen. Ist das eine hysterische Debatte?
Prof. Dr. Pousttchi: Meine ehrliche Antwort auf diese Frage ist: Ich wundere mich, dass so wenig passiert. Denn der Sicherheitszustand ist erbärmlich. Schon weil die grundlegenden Technologien und Protokolle überhaupt nicht auf Sicherheit ausgelegt sind. Sie als Unternehmen können alle Schlupflöcher schließen und haben selbst ein wirklich sicheres System gebaut, aber wenn das Betriebssystem auf ihrem Rechner oder irgendein Protokoll, das die Internetkommunikation regelt, eine Lücke aufweist, haben sie trotzdem ein Problem. Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten beibringen lassen, dass IT-Systeme nicht vollkommen sicher sein können. Das stimmt nicht. Man kann sie sinnvoll und sicher konzipieren, es rechnet sich nur nicht. Sicherheit ist kein Verkaufsargument. Das ist das Problem. Ganz ehrlich: Wenn jetzt eine Verbrecherorganisation oder ein Staat mit guten Hacking-Kapazitäten unsere kritischen Infrastrukturen manipulieren wollte, würden wir sehr schnell sehr große Probleme bekommen. Der Angriff auf die Rechner des Bundestages war dagegen ein Kindergeburtstag.
Interview: Klaus Hinkel
Key Pousttchi - Der Univ.-Prof. Dr. habil. ist Inhaber des SAP-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam. Von 2001 bis 2014 lehrte er Wirtschaftsinformatik und Mobile Business an der Universität Augsburg und war Leiter der Forschungsgruppe wi-mobile, die er ab 2001 als eine der ersten wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen im Fachgebiet M-Commerce und Mobile Business etablieren konnte. Von 1989 bis 2001 war er Offizier der Bundeswehr in verschiedenen Verwendungen mit den Schwerpunkten Führung und Strategie.



