Im Vereinigtem Königreich ist Kraken Technologies einer der größten IT-Anbieter der Energiebranche und wächst immer weiter: Am Mittwoch, 28. Mai, kündigte das Unternehmen zusammen mit Eon Next die Einführung der flexiblen Nachfragesteuerung (Residential Flex) für rund fünf Millionen Eon-Energiekunden in Großbritannien an. In Deutschland wirbt Kraken auch für seine KI-basierten Technologien, berichtet CEO Amir Orad im Interview mit der ZfK.
Herr Orad, Kraken hat seine Präsenz in Deutschland deutlich ausgebaut. Was haben Sie auf dem deutschen Markt vor?
Orad: Die Hälfte des Stroms im Vereinigten Königreich läuft über ein Kraken-System. In Australien ist es ein Drittel. In Deutschland liegen wir weit darunter. Das liegt nicht an Kraken, sondern daran, dass die deutschen Versorgungsunternehmen noch nicht auf moderne KI-Cloud-Technologien umgestiegen sind.
Deutschland zählt neben Großbritannien, Australien und Japan zu unseren wichtigsten Märkten. Wir beobachten jedoch, dass das Land in einigen Bereichen deutlich langsamer vorankommt als andere Industriestaaten – insbesondere im Bereich der Smart-Meter-Technologie.
Diese technologische Rückständigkeit hemmt nicht nur Innovation, sondern schränkt auch das volle Potenzial im Energiemanagement ein. Trotzdem bleibt Deutschland ein hochattraktiver und wettbewerbsfähiger Markt. Viele Versorgungsunternehmen sind bereit, den nächsten Schritt in Richtung intelligentes Energiemanagement zu gehen.
Die neue Flexibilitätswelt wird auch in Deutschland alle drei zentralen Marktrollen beeinflussen – Erzeugung, Netz und Vertrieb. Kraken ist darauf ausgelegt, eine nahtlose Zusammenarbeit über alle drei Bereiche hinweg zu ermöglichen
Politisch hat die Energiewende in vielen Ländern an Fahrt verloren. Wie gehen Sie damit um?
Vor fünf bis zehn Jahren hatte das politische Klima einen direkten Einfluss auf klimarelevante Entscheidungen. Damals waren erneuerbare Energien für sich allein genommen finanziell nicht rentabel und Elektromobilität war eine neue Technologie, die man subventionieren musste. Das ist nicht mehr der Fall. Egal, wo man politisch steht: alle lieben preiswerte Energie. Solarstrom ist heute der preiswerteste Strom und Elektroautos sind attraktiv.
Wie weit ist Deutschland bei der Digitalisierung seines Netzes?
Die meisten deutschen Energieversorger verwenden immer noch die Technologie aus den 1980er-Jahren. Diese war damals auch die Beste. Allerdings ging es mehr um betriebliche Effizienz, was heutzutage ein sehr starrer Ansatz ist. Jede Änderung braucht ein oder zwei Jahre und hemmt so die Implementierung von KI und maschinellem Lernen. Wenn das Upgrade einer neuen Technologie zwei Jahre dauert, ist diese bei Abschluss bereits überholt. Das macht es extrem schwierig, am Puls der Zeit zu bleiben.
Ein aktuelles Beispiel macht das deutlich: Die anhaltenden Schwierigkeiten beim Lieferantenwechsel innerhalb von 24 Stunden zeigen, dass alte Plattformen nicht die nötige Agilität bieten, um heutige Anforderungen zu erfüllen.
Deshalb sind wir überzeugt: Die Zukunft liegt in Cloud-first und Data-first-Strategien. In solchen Systemen erfolgen Updates ständig – täglich, stündlich, ja sogar minütlich – und bringen kontinuierlich neue Funktionen.
Warum ist das so wichtig?
Ich habe mit einem sehr klugen Ingenieur gesprochen, der mir sagte: "Wir haben vor 18 Monaten versucht, das Problem mit KI zu lösen. Es hat nicht funktioniert." Ich antwortete ihm: "Das ist, als würde man sagen: Wir haben vor 20 Jahren ein Nokia-Handy ausprobiert – also funktionieren Smartphones auch heute noch nicht."
Technologie entwickelt sich rasant weiter. KI von vor 18 Monaten mit der heutigen zu vergleichen, ist wie ein Vergleich zwischen dem Ford Model T und einem Tesla – und das in gerade einmal anderthalb Jahren.
Genau deshalb müssen wir ständig weiterdenken, selbst mit den klügsten Köpfen. Nur weil etwas damals nicht gepasst hat, heißt das nicht, dass es heute oder in naher Zukunft nicht funktionieren kann. Ständiges Ausprobieren ist entscheidend.
Mit KI soll die Flexibilität des Strommarktes besser genutzt werden. Wer profitiert am Ende am meisten: der Kunde, der Energielieferant, der Netzbetreiber oder vielleicht sogar Kraken?
Zunächst einmal: Von Flexibilität profitieren alle. Es ist einer dieser seltenen Fälle, bei denen sowohl Verbraucher als auch Versorger und die Umwelt gewinnen. So etwas ist wirklich außergewöhnlich. Normalerweise geht es im Wettbewerb um Gewinner und Verlierer.
Natürlich kann man darüber diskutieren, wer wie viel vom Kuchen abbekommt. Fakt bleibt aber: Alle gewinnen. Für die Stadtwerke und Energieversorger gibt es ein großes Wachstumspotenzial durch die Ausbalancierung von Erzeugung und Nachfrage, sowie durch die Optimierung von Beschaffung und Handel mittels einem integrierten, einheitlichen Datenmanagement. Und wenn man so eine Chance hat, sollte man sie ergreifen.
"Um Flexibilität wirklich nutzbar zu machen, müssen Versorgungsunternehmen eingebunden werden."
Zweitens: Ich bin ein Verfechter freier Märkte. Das beste Konzept sollte sich durchsetzen – unabhängig davon, von wem es kommt. Aber die Praxis zeigt: Um Flexibilität wirklich nutzbar zu machen, müssen Versorgungsunternehmen eingebunden werden. Nur sie haben die Möglichkeiten, Batteriespeicher in großem Maßstab zu steuern, erneuerbare Anlagen zu managen, den Austausch mit den Verbrauchern zu übernehmen und Netzdaten zu analysieren. Das ist keine einfache Aufgabe. Dafür braucht es hochkomplexe maschinelle Lernalgorithmen, die all diese Dimensionen verknüpfen.
Die Energieversorger verfügen über mehr Daten und Schnittstellen als jeder andere Akteur. Das ist ein echter Vorteil. Aber: Einige von ihnen hängen technologisch noch in den 1980er-Jahren fest, während die Verbraucher längst weiter sind. Sehen Sie sich meine Kinder an: Die KI, die sie täglich auf dem iPhone nutzen, ist leistungsfähiger als die Systeme mancher milliardenschwerer Konzerne. Das ist eigentlich absurd – aber genau das ist die Realität.
Was müssen Netzbetreiber jetzt machen?
Sie müssen sich einer unbequemen Wahrheit stellen: Technologie aus den 1980er-Jahren passt nicht mehr in die heutige Welt. Sie ist schlicht nicht flexibel oder agil genug, um mit monatlichen Updates in der KI- und Datenwelt Schritt zu halten. Es ist niemandes Schuld – aber es ist ein fundamentaler Systembruch. Wer sich jetzt nicht auf Wandel und Anpassungsfähigkeit einlässt, wird den Anschluss verlieren.
Denn die Welt verändert sich gerade rasant: Autos werden zu mobilen Batterien, erneuerbare Energien wachsen dezentral, Kunden erwarten digitale Kommunikation in Echtzeit. Wer darauf nicht reagieren kann, wird in dieser neuen Realität irrelevant.
Wie meinen SIe das?
Ein Vergleich: Ich habe das Internet genutzt, noch bevor es so genannt wurde. Damals sagten manche Unternehmen: "Wir sind ein Internetunternehmen", andere nicht. Der Unterschied? Die einen hatten eine Website und schickten E-Mails. Heute gibt es kein Unternehmen mehr, das nicht in irgendeiner Form ein Internetunternehmen ist. Das Internet wurde zur Basis jeder Geschäftsaktivität.
Die aktuelle Welle – KI und Echtzeitdaten – ist noch größer als das Internet oder Mobilfunk. Wer sich darauf nicht vorbereitet, bleibt zurück. Es muss nicht Kraken sein – aber Sie brauchen eine agile, sichere und skalierbare Technologie, die Ihnen hilft, diese Entwicklungen zu nutzen. Sonst verlieren Sie nicht nur die technologische Führung, sondern auch Ihre Relevanz. Das gilt auch für Versorger.
Welche Risiken sehen Sie im KI-Bereich gerade?
Die Altsysteme aus den 1980er-Jahren stellen ein echtes Problem dar. Viele dieser Infrastrukturen arbeiten mit verstreuten, nicht verbundenen Datenbanken. Dadurch entstehen unvollständige, widersprüchliche oder fehlerhafte Datensätze. Und genau das ist besonders kritisch beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz.
Denn: KI verstärkt die Risiken schlechter Daten. Der Grundsatz "Garbage in, Garbage out" gilt mehr denn je. Wenn man schlechte Daten in ein KI-System einspeist, kann man auch keine guten Ergebnisse erwarten. Das ist ein grundlegendes Risiko.
Ein weiterer Punkt: KI sollte niemals ohne Schutzmechanismen eingesetzt werden. Verantwortungsvolle Systeme brauchen mehrstufige Sicherheits- und Kontrollmechanismen, die auf unterschiedlichen Technologien basieren. Viele vergessen, dass auch Menschen Fehler machen. Deshalb müssen KI-Systeme so konzipiert sein, dass sie Fehler erkennen und abfangen können.
Und zuletzt gilt: KI muss mit Bedacht eingesetzt werden. Ich würde zum Beispiel keiner KI erlauben, zu entscheiden, ob ein Kraftwerk ein- oder abgeschaltet wird. Aber ich würde sehr wohl zulassen, dass eine KI entscheidet, ob mein E-Auto um 1 Uhr oder 2 Uhr nachts geladen wird.
Was ist das nächste große Projekt für Kraken?
Wir haben ein klares, ambitioniertes Ziel: Einen großen grünen Fußabdruck in der Welt hinterlassen.
Neben neuen Kunden sind es auch die Meilensteine, die unseren Fortschritt sichtbar machen – und ein wichtiges steht an: Unser virtuelles Kraftwerk von Haushaltsgeräten ist bereits das größte dieser Art der Welt und knackt demnächst die 2-Gigawatt-Marke. Das entspricht etwa der Leistung von zwei Kernkraftwerken, die wir mit KI flexibel einsetzen können, um Energiekosten zu senken, CO2-Ausstöße zu minimieren und das Stromnetz zu schonen.
Wir reden nicht nur über die Energiewende — wir bauen sie.
Die Fragen stellte Pauline Faust.



