Kein einziger Stadtwerke-Vertreter stufte das Risiko der Abhängigkeit von ausländischen KI-Systemen als gering ein. 17 von 20 Teilnehmenden kreuzten in der ZFK-Umfrage von Anfang August 2026 "groß" oder "sehr groß" an – das entspricht 85 Prozent. Der Rest antwortete mit "neutral". Ein klares Bild, das sich mit einer Beobachtung aus der Branche deckt: Das Bewusstsein für KI-Abhängigkeit ist hoch. Die Konsequenzen daraus sind es jedoch meist nicht.
Das hohe Problembewusstsein trifft auf einen Markt, in dem die Abhängigkeiten bereits tief verankert sind. Laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC aus dem Jahr 2026 haben rund 79 Prozent der deutschen Energieversorger bereits erste Lösungen auf Basis Künstlicher Intelligenz (KI) eingeführt. Mit jeder produktiven Anwendung wächst damit auch die Bedeutung der zugrunde liegenden Cloud-Dienste, Modelle und Hardware.
Nach Einschätzung von Branchenbeobachtern prägen Microsofts Azure-Dienste, OpenAIs Modelle und Amazon Web Services den Markt. Europäische Anbieter spielen bislang eine kleinere Rolle. Einige Lösungen befinden sich noch in der Erprobung oder müssen ihre Eignung für einen breiten Produktiveinsatz erst nachweisen.
Es geht um Infrastruktur, nicht um Anwendungen
Tina Klüwer, Executive Director von AI Nation, beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Künstlicher Intelligenz. Im Gespräch mit der ZFK sieht sie die Debatte an der falschen Stelle geführt.
Das Risiko sitze nicht dort, wo die öffentliche Diskussion gerade hinschaue. "Bei Stadtwerken geht es weniger um Chatbot-Anwendungen als um zwei andere Ebenen: die Cloud-Infrastruktur, auf der auch Industrie-KI läuft, und die Chip-Hardware dahinter. Die liegen überwiegend außerhalb Europas."
Das sei die Abhängigkeit, die im Ernstfall zähle, nicht ob ein Kunden-Chatbot von einem US- oder EU-Anbieter komme, sagt Klüwer weiter. "Die entscheidende Frage für jeden Versorger ist deshalb nicht 'welches KI-Modell nutzen wir', sondern 'auf wessen Cloud und mit wessen Services läuft unsere Infrastruktur, was ist wirklich sicherheitskritisch und was passiert, wenn der Zugriff wegfällt'."
Für Stadtwerke bedeutet das: Sie müssen ihre KI-Abhängigkeiten prüfen, bevor sie einzelne Anwendungen ausrollen. Entscheidend sind dabei nicht nur das verwendete Modell, sondern auch Cloud-Anbieter, Schnittstellen, Datenflüsse, Zugriffsrechte und Kündigungsbedingungen.

Die entscheidende Frage für jeden Versorger ist deshalb nicht 'welches KI-Modell nutzen wir', sondern 'auf wessen Cloud und mit wessen Services läuft unsere Infrastruktur, was ist wirklich sicherheitskritisch und was passiert, wenn der Zugriff wegfällt'.
Tina Klüwer
Executive Director von AI Nation
Das Dilemma ist strukturell: Stadtwerke müssen digitalisieren. NIS-2-Pflichten, Kritis-Anforderungen und die Energiewende lassen kaum Spielraum. Europäische Lösungen sind jedoch häufig noch nicht praxistauglich. Wer wartet, verliert den Anschluss. Wer handelt, baut Abhängigkeiten auf.
Das Risiko ist real und regulatorisch unterschätzt
Mehrere Sicherheitsvorfälle im Sommer 2026 zeigen, dass die Risiken nicht nur theoretischer Natur sind. Modelle von OpenAI, Anthropic und Meta gelangten bei Sicherheitstests in fremde Systeme oder ins offene Internet und nutzten dabei Schwachstellen aus. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sprach nach dem OpenAI-Vorfall von einer "neuen Zeitrechnung der Cybersicherheit".
Aus dem Bundesdigitalministerium heißt es, man sehe bereits seit Monaten, dass die Fähigkeiten sogenannter Frontier-Modelle massiv zunähmen. Das verändere auch die Bedrohungslage "potenziell massiv". Für Stadtwerke ist daran weniger der einzelne Vorfall entscheidend als die grundsätzliche Frage, welche Rechte KI-Systeme in ihrer Infrastruktur besitzen und ob sich ihr Zugriff im Notfall zuverlässig unterbrechen lässt.
Regulierung schafft Orientierung, aber keine Ausstiegsregeln
Der regulatorische Rahmen nimmt langsam Gestalt an – bleibt aber hinter der Realität zurück. Am 2. August 2026 trat der Kern der europäischen KI-Verordnung (EU AI Act) in Kraft, Transparenzpflichten wurden verbindlich. Die Bundesnetzagentur übernimmt in Deutschland die Rolle der zentralen Marktüberwachungsbehörde. Für Stadtwerke schafft das nun Klarheit.
Gleichzeitig hat der sogenannte Digital Omnibus, ein EU-Vereinfachungspaket, die Anwendbarkeit der Hochrisiko-Pflichten für kritische Infrastrukturen auf Dezember 2027 verschoben. Klüwer findet das Paket grundsätzlich richtig, sagt aber: "Ich hätte mir hier eine andere Reihenfolge des Inkrafttretens gewünscht." Auf Ebene der Beschaffung fehle Verbindlichkeit: Auftraggeber können bei der Vergabe zwar Anforderungen an Datenportabilität und Ausstiegsszenarien stellen. Verpflichtend ist das aber nicht.
Das BSI hat im April 2026 den Kriterienkatalog C3A für souveräne Cloud-Dienste veröffentlicht, der als Einkaufshilfe für Kritis-Betreiber dienen soll. Und auf europäischer Ebene sieht der von der EU-Kommission vorgeschlagene Cloud and AI Development Act einen Bewertungsrahmen für Cloud- und KI-Souveränität vor, der unter anderem bei der öffentlichen Beschaffung eingesetzt werden soll. Er ist noch nicht in Kraft.
Aleph Alpha, Cohere – und ein Fragezeichen
Als eine der derzeit verfügbaren souverän betreibbaren KI-Plattformen für regulierte Organisationen gilt PhariaAI des Heidelberger Unternehmens Aleph Alpha. Im April 2026 gaben Aleph Alpha und der kanadische Anbieter Cohere im Beisein von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) ihren Zusammenschluss bekannt. Dieser wurde mit rund 20 Milliarden Euro bewertet. Cohere hält seitdem rund 90 Prozent der Anteile. Es handelt sich dabei also eine faktische Übernahme durch einen nordamerikanischen Anbieter, keine genuin europäische Eigenentwicklung.
Die Frage, ob damit eine wirklich europäische KI-Wertschöpfungskette entsteht, bleibt offen. Christoph Knöll, Gründer der KI-Beratung Neurawork, verweist auf einen grundsätzlichen Denkfehler in der aktuellen Debatte: "Auch ein europäischer Anbieter kann kritische Einzelabhängigkeiten schaffen. Entscheidend ist, ob ein KI-Dienst ersetzt werden kann und geschäftskritische Prozesse weiterlaufen."
Neurawork schlägt deshalb ein verpflichtendes EU-Abhängigkeitslabel vor, das KI-Dienste nach ihrer Souveränität und Austauschbarkeit in vier Klassen von A bis D einordnet. Die Bewertung soll unabhängigen, akkreditierten Stellen unter staatlicher Aufsicht obliegen und nicht den Anbietern selbst.
Zwischen Alarm und Abwarten: So reagiert die Branche
In der kommunalen Energiewirtschaft ist das Risikobewusstsein hoch, das zeigt die ZFK-Umfrage. Eine Umfrage der Thüga unter 150 Stadtwerken aus dem Frühjahr 2026 zeigt: 97 Prozent nennen Cyberangriffe als größte Bedrohung für die Versorgungssicherheit – also auch solche, die über unsichere oder unkontrollierte KI-Systeme in die eigene Infrastruktur eindringen können.
Der Stadtwerkeverband VKU hat KI-Leitlinien veröffentlicht und den Code of Conduct "Demokratische KI" unterzeichnet. Verbindliche Beschaffungsregeln für KI in kritischer Infrastruktur gibt es aber nicht. Klüwer ist skeptisch, ob Bewusstsein allein reicht.
Sie empfiehlt Versorgern, kurzfristig drei Punkte selbst zu überprüfen: welche Cloud-Abhängigkeiten bei sicherheitsrelevanten Systemen wirklich bestehen und das nicht nur beim Chatbot. Ob Verträge überhaupt einen Ausstieg vorsehen, der in einer akuten Situation umsetzbar wäre. Und ob unkritische und kritische Anwendungsfälle sauber getrennt werden, damit nicht am Ende alles unter derselben Risikobewertung läuft.
Der KI-Service-Desk der Bundesnetzagentur hilft bei der Bewertung
Das Zeitfenster zum Handeln ist begrenzt. Rechenzentren und Chipfertigung haben Investitionszyklen von mehreren Jahren. Wer Abhängigkeiten erst prüft, wenn eine Anwendung bereits tief in die eigene Infrastruktur eingebettet ist, kann nur noch schwer gegensteuern.
Das Problembewusstsein in der Branche ist hoch. Offen ist, ob die Stadtwerke ihre Abhängigkeiten schnell genug in belastbare Beschaffungs-, Vertrags- und Infrastrukturentscheidungen übersetzen.