Peter Heuell, Geschäftsführer von EMH Metering.

Peter Heuell, Geschäftsführer von EMH Metering.

Bild: © Hannelore Förster/ZVEI

Herr Heuell, teilen Sie die Meinung des BDEW, dass sich die Markterklärung des BSI bis ins nächste Jahr hinauszögern wird?
Zunächst möchte ich betonen, dass das BSI sehr kooperativ ist. Deshalb habe ich die Hoffnung, dass es vielleicht doch noch in diesem Jahr klappt. Für eine Markterklärung braucht es allerdings mehr als lediglich drei zugelassene Gateways. Und meistens dauert es ja doch immer etwas länger, als man dachte. Deshalb ist die BDEW-Meinung nicht ganz unbegründet. Ich denke, dass wir im Oktober auf den „Metering Days“ mehr wissen.

Warum dauert das eigentlich so lange mit dem Rollout?
Zum einen hat das BSI uns Herstellern viele Freiräume und Interpretationsspielräume offen gelassen. Das liegt daran, dass das „Common Criteria Protection Profile“ und die Technischen Richtlinie TR03109 als Basis für die Zertifizierung gewählt wurden. Im Laufe des Zertifizierungsprozesses wurden dann immer mehr Unterschiede zwischen den Herstellern deutlich. Diese mussten nivelliert werden. Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: Wir und viele andere Hersteller sind davon ausgegangen, dass für die Datenübertragung nur ein so genannter „Container“ mit Messwerten signiert werden muss. Ein Hersteller hat allerdings auch Einzelwerte signiert. Das BSI hat daraufhin beschlossen dies zum Standard für alle zu machen. Es entsteht dadurch immer wieder neuer Anpassungsbedarf. Das verzögert den Prozess erheblich.

Der Zertifizierungsprozess dauert aber auch deshalb so lange, weil er nicht nur die Überprüfung von Technik und Funktionalität der Geräte umfasst. Der gesamte Lebenszyklus der Geräte muss unter Security-Gesichtspunkten dokumentiert werden: von Entwicklung und Herstellung über den Auslieferungsprozess, die Verpackung, den Einbau und die sichere Wartung bis zur sicheren Außerbetriebnahme und Verschrottung. Hier besteht derzeit die Herausforderung, für einheitliche Prozesse zu sorgen. Beispielsweise wäre es für die Messstellenbetreiber völlig unwirtschaftlich, wenn ihnen der eine Hersteller für die Installation der Geräte aus Sicherheitsgründen den Einsatz von zwei Monteuren vorschreibt, während ein anderer die Sicherheitsfrage löst, indem ein Monteur sämtliche Geräte stets in einem Rucksack dabei haben muss. Eine Arbeitsgruppe im FNN wurde gegründet, um eine Vereinheitlichung dieser Punkte zu sorgen.

Einige Stimmen sagen, der verzögerte Rollout liege auch am Wirtschaftsministerium, weil dieses nicht lenkend eingreife. Das Ministerium sieht wiederum die Zählerhersteller und Messstellenbetreiber in der Verantwortung. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Die Verantwortung für die Verzögerungen lässt sich nicht einer Seite zuschieben. Die Aufgabenteilung ist dazu viel zu komplex. So ist der Dienstherr des BSI das Innenministerium und das Eichrecht ist föderal geregelt. Diese verschiedenen Verantwortlichkeiten müssten eigentlich von einem übergeordneten Projektmanagement betreut werden. Werden sie aber nicht. So haben wir beispielsweise aktuell eine absurde Situation, was die Lebensdauer der Zähler angeht: Der Bundestag hatte im „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“ eine Abschreibungsdauer der modernen Messeinrichtung von 13 bis 18 Jahren angesetzt. Jetzt hat die AGME (Deutschen Akademie für Metrologie) einen Entwurf für eine neue „Verfahrensanweisung für Stichprobenverfahren“ vorgestellt. Die könnte dazu führen, dass die Geräte bereits nach acht Jahren ausgetauscht werden müssen. Wir Hersteller bauen dann Geräte mit einer Lebensdauer von 20 Jahren nach FNN und die sollen nach nur acht Jahren zu Elektroschrott werden? Das ist völlig unökologisch, unökonomisch und widerspricht der Idee eines effizienten und nachhaltigen Rollouts. Und es widerspricht der gesetzlich angestrebten Abschreibungsdauer. 

Manche spekulieren schon, dass es nie zu dem Rollout der intelligenten Messsysteme kommen wird, was sagen Sie?
Ganz klar: Der Rollout kommt. Welche Alternative haben wir denn zur Digitalisierung der Energiewende? „Smart Meter“ legen dafür die entscheidende Basis. Das haben viele Studien gezeigt. Die Marktteilnehmer erkennen das und investieren längst in den Rollout. 

Wo steht EMH Metering derzeit selbst beim Zertifizierungsprozess?
Was den Zertifizierungsprozess angeht, so befinden wir uns auf der Zielgeraden. Alle für ein G1-Gateway geforderten Funktionen sind in unserem Gateway CASA implementiert. Derzeit läuft der Test zur Bauartzulassung bei der PTB – das ist ein wichtiger Meilenstein. Entscheidend ist zudem: Wir haben in eine hochmoderne Produktion am Standort Deutschland investiert. Unsere Fertigung in Gallin ist für eine Kapazität von 600 000 Gateways pro Jahr ausgelegt. Sobald die Zertifizierung vorliegt, sind wir startklar für den Rollout.  

Sie werben damit kein reiner Zählerhersteller zu sein, sondern auch individuelle Kunden-Lösungen für den Rollout anzubieten. Was sind das für konkrete Ansätze?
Das geht von der kundespezifischen Beschriftung über die Logistik bis hin zu Geräten, die wir vollständig auf Kundenwünsche hin entwickeln und fertigen. Insgesamt haben wir heute über 20 000 verschiedene Produktvarianten in unserem Portfolio. Auch beim Gateway bedienen wir mit unseren Kundenlösungen den so genannten „Mehrwertmarkt“. Ein Beispiel sind unsere Module, die das Gateway mit Zusatzfunktionen ausstatten. Sie ermöglichen eine Visualisierung des Stromverbrauchs per WLAN oder das Schalten von Anlagen. Energieversorger können mit diesem Angebot ihre Geschäftsmodelle im Rollout entwickeln und umsetzen. Auch Sonderanwendungen für Flughäfen, Industrieparks und Arealnetze können wir bereits heute bieten.

Wie sieht es beim Thema Steuerbox aus? Sie arbeiten hier ja bereits mit Robotron zusammen. Meines Wissens ist auch noch nicht so ganz klar, ob es für die Geräte Zertifizierungen geben soll oder nicht. Heißt das, Sie müssen Ihre Steuerboxen noch weiterentwickeln?
Mit Robotron haben wir nachgewiesen, dass ein EMH-Gateway mit einer Prolan-Steuerbox und einem Robotron-System interoperabel ist. Wir selber haben aber auch eine eigene Steuerbox als Zusatzmodul entwickelt.  Es sieht tatsächlich derzeit so aus, als ob die Geräte weiterentwickelt werden müssten – das zählt zu unserem unternehmerischen Risiko. Für den Rollout spielt das aber derzeit keine Rolle. Ich gehe nicht davon aus, dass das Schalten ein Teil der Markterklärung wird.  

Die Fragen stellte Stephanie Gust

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