Julian Stenzel ist Geschäftsführer der IVU Informationssysteme sowie von Meterpan und von Tremondi.

Julian Stenzel ist Geschäftsführer der IVU Informationssysteme sowie von Meterpan und von Tremondi.

Bild: © IVU Informationssysteme GmbH

Herr Stenzel, 2019 hatten Sie gewarnt, „die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass der Rollout scheitern wird.“ Inzwischen gibt es das Gesetz zum Neustart der Digitalisierung der Energiewende, sind jetzt die Probleme gelöst?
Julian Stenzel, Geschäftsführer bei IVU Informationssysteme GmbH: In der Tat hat das neue Gesetz für Vereinfachungen gesorgt. So gab es im Rahmen der Zertifizierung der technischen Anforderungen an das Smart-Meter-Gateway Entwicklungen, die den Rollout unglaublich verkompliziert und erschwert haben. So waren die sicherheitstechnischen Anforderungen überholt, die Gateways selbst waren nur eingeschränkt in der Lage, Updates durchzuführen, weil der regulatorische Rahmen so eng gezogen war, dass das nicht mehr leistbar war. Man merkt heute noch, dass die Geräte einen erheblichen Update-Bedarf haben.

Gab es noch weitere Hemmnisse?
Die im Gesetz definierte sternförmige Marktkommunikation, bei der jedes Smart-Meter-Gateway die jeweiligen Daten an die autorisierten Marktteilnehmer hätte verschicken sollen, war datenschutzrechtlich zwar sinnvoll, aber operativ technisch sehr komplex. Das Gateway müsste dann sämtliche Intelligenz und auch Kommunikation selbst abbilden, was die Kommunikationskosten nochmals erheblich erhöhen würde. Jetzt schickt das Gateway die Messwerte an den Messstellenbetreiber, der diese verteilt. Wir sind sehr froh darüber, dass hier nachgearbeitet wurde.

Auch, dass das intelligente Messsystem nicht mehr im Zählerschrank vor Ort verbaut werden muss, hat den Ansatz des 1:n-Metering, also mehrere Zähler, die an ein Gateway angebunden sind, erleichtert. Damit lässt sich der Rollout deutlich wirtschaftlicher umsetzen.

Sie sind jetzt also vollends zufrieden?
Wir sind jetzt zuversichtlicher als vor vier Jahren. Die aktuellen Geräte ermöglichen jetzt, künftige Anwendungsfälle zu implementieren. Das gilt auch für die Marktkommunikation. Es war ein wichtiger Schritt, dass AS4 eingeführt wurde. Nun hat man ein standardisiertes Verfahren für eine einheitliche und sichere Marktkommunikation etabliert.

Viele Marktteilnehmer finden die Umsetzung von AS4 allerdings sehr kompliziert?
Man hat jetzt mit AS4 eine Kommunikation aufgebaut, die permanent abgesichert ist, mit der permanent Daten verschickt werden und bei der es auch eine Rückmeldung gibt, dass die Nachricht angekommen ist. Das gab es vorher so nicht. Wenn man ein digitalisiertes Energiesystem aufbauen will, braucht man eine Kommunikationsinfrastruktur wie AS4. Erst damit wird ein einheitlicher Sicherheitsstandard zwischen Energiemarkt-Kommunikation und Netzbetrieb eingeführt. Und erst damit sind flexible Tarife samt Schalthandlungen standardisiert und für jeden zugänglich.

Die Technik dahinter ist natürlich sehr komplex, es ist die gleiche Verschlüsselung wie bei Smart-Meter-Gateways. Wir sehen aber auch, dass nicht unbedingt die Softwaresysteme der Flaschenhals bei der Einführung sind, sondern vielmehr das Beantragen der für die Kommunikation notwendigen Zertifikate. Aktuell sind alle Marktteilnehmer und Dienstleister dabei, diese Zertifikate zu beantragen, was ziemlich aufwändig ist. Wir selbst sind sehr zufrieden mit der Einführung bei unseren Kunden. Verzögerungen liegen nicht nur an uns, sondern auch an den Marktpartnern. Nur wenn alle es können, funktioniert es auch.

Wo haben Sie noch Verbesserungswünsche?
Grundsätzlich sehen wir, dass in Deutschland sehr stark sehr wenig auf Anwendungsfälle vor Ort geachtet wird. Wir beschäftigen uns zu sehr mit den technischen Problemen und viel zu wenig mit den Geschäftsmodellen. Das verhindert, dass digitalisierte Geschäftsmodelle schnell abgewickelt werden. Ein Beispiel ist der wettbewerbliche Messstellenbetrieb: Für diese Unternehmen ist es unglaublich schwer an intelligente Messsysteme zu kommen, weil diese nicht flächendeckend ausgrollt sind.


Wie sehen Sie die Einführung dynamischer Tarife?
Das ist eher ein Vertriebsthema, was wir noch als große Herausforderung sehen, sind die dynamischen Netzentgelte, die den größeren energiewirtschaftlichen Hebel haben. Das reduzierte Netzentgelt im Rahmen des §14a EnWG wird ein starkes Thema in den nächsten zwei Jahren, das die Branche sehr beschäftigen wird (warum?)


Kommen wir nochmals zu den dynamischen Tarifen zurück…
Grundsätzlich können wir dynamische Tarife abbilden. Das ist eher eine Frage der Tarifausgestaltung: Welche Modalitäten bevorzuge ich, etabliere ich ein echtes Vertriebsprodukt oder erfülle ich einfach nur meine rechtlichen Anforderungen? Dynamisch heißt ja mehr als ein NT/HAT-Tarif, zugleich muss es aber auch nicht gleich ein 15-Minuten-Börsenprodukt sein. Wir als IVU haben eine börsenpreisorientierte Abrechnung, die wir bereits anbieten. Es kommt auch immer darauf an, wie komplex man das Thema ausgestalten will.

Unsere Unternehmensphilosophie ist es, dass wir den Stadtwerken möglichst die Lasten abnehmen wollen, damit möglichst eigenständig bleiben können. Wir helfen den Stadtwerken, Themen wie AS4 oder Smart-Meter-Gateway-Administration, die viel großes Knowhow benötigen, vernünftig abzudecken. Alles an einen Dienstleister auszulagern sehen wir als große Gefahr, schließlich gibt man dann sein eigenes Wissen weg, das wollen wir möglichst verhindern. Das gelingt zum Beispiel durch Netzkooperationen und gemeinsame Tochtergesellschaften, die Know-how bündeln und die Wertschöpfung in der Region belassen. Auch so können Netzbetreiber in Zukunft das Energiesystem aktiv betreiben und auch steuern.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

Lesen Sie mehr in der akutellen Print-Ausgabe zum Thema Smart Metering. Hier geht es zum E-Paper.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper