Dieter Rehfeld, Vorsitzender der Geschäftsführung der regio iT GmbH, ist Mitbegründer und Leiter des Blockchain-Lab der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kommunalen IT-Dienstleister. „Es ist an der Zeit, mit den Möglichkeiten der Distributed Ledger Technology zu experimentieren und unterschiedliche Anwendungsszenarien zu entwickeln“, so Dieter Rehfeld. Der Mathematiker und Volkswirt gilt als gefragter Experte für Blockchain-Technologien und blogt unter govchain-blog.de zum Thema.

Dieter Rehfeld, Vorsitzender der Geschäftsführung der regio iT GmbH, ist Mitbegründer und Leiter des Blockchain-Lab der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kommunalen IT-Dienstleister. „Es ist an der Zeit, mit den Möglichkeiten der Distributed Ledger Technology zu experimentieren und unterschiedliche Anwendungsszenarien zu entwickeln“, so Dieter Rehfeld. Der Mathematiker und Volkswirt gilt als gefragter Experte für Blockchain-Technologien und blogt unter govchain-blog.de zum Thema.

Bild: © regio IT

Herr Rehfeld, die Bundesregierung begrüßt in ihrer Blockchain-Strategie ausdrücklich, dass auf kommunaler Ebene erste Blockchain-Infrastrukturen aufgebaut werden. Vor allen die Umsetzung von Verwaltungsdienstleistungen könne hier in Betracht gezogen werden. Was ist hier möglich?
Die Blockchain-Technologie macht es möglich, das Bescheinigungs- und Nachweiswesen der öffentlichen Verwaltung zu optimieren und deutlich zu vereinfachen. Man könnte hier schon von einer Revolutionierung des Bescheinigungswesens sprechen. Führerscheine, Studienbescheinigungen oder Zeugnisse geben ein gutes Beispiel. Das Wesen der Blockchain ist doch, Daten unveränderbar zu machen. Und inhaltlich können über die Blockchain Eigentumsrechte nachgewiesen werden, wie das Eigentum an einem Fahrzeug oder Grundstück. Dabei soll die Blockchain aber kein Register ersetzen, vielmehr ist sie als sichere Datendrehscheibe zwischen den Registern zu verstehen.

Und wenn wir uns unser virtuelles Ich anschauen, verspricht die Blockchain ebenfalls einen großen Schritt nach vorn. Und zwar in Richtung einer Rückeroberung unserer Daten. Sie ermöglicht es jedem Bürger, sich eine einmalige digitale Identität zu schaffen und sie selbst zu managen. Hier sprechen wir von der „Self-Sovereign-Identity“. Heute geben wir doch an zig Portalen unsere Daten ab, ohne zu wissen, was mit ihnen geschieht.

Und wie sieht es mit der Energiewirtschaft aus. In welchen Bereichen sehen Sie diese Technologie hier besonders geeignet?
Gute Möglichkeiten sehe ich aktuell im Bereich der dezentralen Energieabrechnung und beim Nachbarschaftsstrom – das heißt, der Strom wird dort genutzt, wo er herkommt und zwar gemeinschaftlich. Ebenso in der Marktkommunikation; immer dann, wenn es um Wissen, Vernetzung und Zusammenarbeit geht, birgt die Technologie großes Potenzial. Aktuell arbeiten wir mit Partnern aus Forschungsinstituten und der Wirtschaft unter anderem in zwei geförderten Projekten an Use Cases rund um die Daseinsvorsorge in den Bereichen Energie, Mobilität, Internet of Things und Smart City.   

Zur Blockchain in der integrierten Energiewende und möglichen Anwendungsszenarien hat die Deutsche Energie-Agentur (Dena) aktuell eine Studie vorgelegt. Sie beschäftigt sich auch mit den neuen Herausforderungen, die sich aus der digitalen Energiewende ergeben. Letztlich geht es auch um soziale Gerechtigkeit, wenn die Energiewende gesellschaftlich akzeptiert werden soll. Und auch hier dockt die Blockchain-Technologie an: Durch ihre Dezentralität fördert sie Machtverteilung und Partizipation.

Julian Stenzel, sagte unlängst: "Wir brauchen die Blockchain noch nicht, weil wir noch am Routing der Daten verdienen". Sehen Sie in der Blockchain auch eine Bedrohung der Energiewirtschaft?
Ich halte nichts davon, die Augen vor einer Technologie-Entwicklung zu verschließen. Den Kopf in den Sand zu stecken, ist nie eine gute Antwort. Vielmehr sollten wir die Technologie auch im Energiesektor als Chance sehen und neue Optimierungsmöglichkeiten nutzen, wie dies die Banken tun. Natürlich stehen wir hier noch am Anfang. Aber gerade, wenn sich die Energieversorger dem Thema Internet of Things zuwenden, sollten sie auch die Blockchain-Technologie betrachten. Wie gesagt: Wir sind am Anfang, da muss erst noch geprüft werden, ob Blockchain eine Lösung ist. Aber das ist es wert.

Der Vitako ist die Bundes-Arbeitsgemeinschaft der Kommunalen IT-Dienstleister. Sie beschäftigen sich intensiv mit den Möglichkeiten der Blockchain. So erproben acht kommunale IT-Dienstleister die Technologien seit 2017 in einem eigenen Blockchain-Labor. Könnten Sie uns diese Labore genauer schildern.
Das Reallabor im Rheinischen Revier ist erst im Aufbau, kann aber später als Erprobungsraum dienen. Vor allem dann, wenn neben der Technologie auch Regulierungen so gestaltet werden, dass die Technologie ihr Potential entfalten kann. Hier gibt die Dena-Studie wichtige Hinweise. Im Vitako-Blockchain-Labor erproben wir aktuell die Technologie am Beispiel der Führerschein- und Echtheitsprüfung von Zeugnissen. Auch haben wir einen Datennotar zur Echtheitsprüfung und zum sicheren Nachweis von Daten im Internet of Things im Einsatz. Unser Ziel ist es, eine Private Blockchain Infrastruktur für den Public Sector aufzubauen, also für die Verwaltung und öffentliche Unternehmen. Wir halten es für die einzig richtige Strategie, eine solche Infrastruktur in öffentlicher Hand zu halten.

Die Bundesregierung erwähnt in Ihrer Blockchainstrategie ausdrücklich, dass man prüfen wolle, ob Erzeuger- und Verbrauchsdaten DSGVO-konform für Dritte verfügbar gemacht werden könnten. Das heißt, es ist zum großen Teil auch abhängig von der DSGVO-Konformität, ob die Blockchain in die Energiewirtschaft einziehen wird? Wie sehen Sie hier die Perspektive?
Selbstverständlich spielen Datenschutz und Datensouveränität eine wichtige Rolle. Ich halte es auch für möglich, EU-DSGVO und Blockchain in Einklang zu bringen. Schließlich zielt der Kern des Blockchain-Konzeptes gerade auf einen guten Datenschutz. Ich halte nichts davon, personenbezogene Daten im Klartext in der Blockchain zu speichern. Die meisten Ansätze richten sich hierbei auch auf die Hashwerte und weitere Sicherheitsmerkmale. Aber richtig ist: Wir müssen die Diskussion zum Datenschutz führen. Das tun wir ja bei anderen Technologien auch.

Welche weitren regulatorischen Hemmnisse gibt es?
Unser Ansatz in Reallaboren ist es, die Technologie zu erproben und dann zu sehen, wo wir an Hemmnisse stoßen. Zuerst nach etwaigen Grenzen und Hemmnissen zu fragen, halte ich für den falschen Weg. Ich begrüße ausdrücklich den Ansatz der Regierung, mehr auszuprobieren und einen Rahmen für Lösungen zu schaffen. Meine Vorstellung ist auch, dass die Blockchain eher im Hintergrund arbeiten wird. Am besten ist, wenn wir mit dieser Technologie die Prozesse zwischen Verwaltungen oder Unternehmen verbessern, beispielsweise in der Marktkommunikation, und der Kunde es gar nicht merkt.  

Wann denken Sie wird sich die Blockchain im kommunalen Energiesektor durchsetzen?
Wir stehen hier am Anfang. Zunächst werden weitere Projekte und Modellversuche folgen. Nach meiner Überzeugung wird die Blockchain-Technologie, besser: die Distributed Ledger Technology, zukünftig die Basis für das Internet der Werte (Internet of Value) bilden. Wir werden sicher noch fünf bis zehn Jahre brauchen bis zur umfassenden Anwendung. Ich bin sicher, dass wir nach der Zentralisierung auch wieder verstärkt dezentrale Konzepte sehen werden, um die Systeme ausfallsicherer zu machen. Auch hier kann die Blockchain einen Beitrag leisten.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper