Herr Fleischle, der verpflichtende Rollout intelligenter Messsysteme steht kurz bevor. Welche Änderungen sehen Sie hier auf die Energiebranche zukommen?
Der Start des Pflichteinbaus von Smart Metern mit der Markterklärung bedeutet einerseits eine grundsätzliche Zäsur, andererseits werden die Veränderungen erst langsam greifen, weil die Umsetzung Jahre dauert.
Zum einen bedeutet der Smart-Meter-Rollout-Start die Entscheidung für das Smart-Meter-Gateway als standardisierte, sichere Plattform für das Messwesen und für neue, digitale Geschäftsmodelle. Proprietäre – also herstellerspezifische Lösungen – werden in diesem Bereich sukzessive an Bedeutung verlieren, auch wenn lange Übergangsfristen gelten.
Zum andern sieht das Gesetz zur Digitalisierung des Messwesens für den Rollout der intelligenten Messsysteme einen großzügigen Zeitrahmen vor, so dass sich diese Phase über viele Jahre erstrecken wird. Und natürlich werden sich neue Geschäftsmodelle in diesem Bereich, zum Beispiel zeit- und lastvariable Tarife, auch nur in dem Maße verbreiten, in dem auch bereits intelligente Messsysteme eingebaut sind.
Zeitkritisch ist dabei die Frage, wann eine Steuerung der voraussichtlich stark ansteigenden Zahl von Ladesäulen für die E-Mobilität durch das Smart-Meter-Gateway verbindlich durch den Gesetzgeber vorgeschrieben werden kann. Sowohl der gesetzliche Rahmen, also der § 14a EnWG, als auch die Technologie befinden sich hier noch in der Weiterentwicklung. Hier besteht tatsächlich die Gefahr, dass es bei der netzdienlichen Steuerung der Ladeinfrastruktur zu technischem "Wildwuchs" oder Steuerungdefiziten kommt.
Viel diskutiert wird in diesem Zusammenhang auch, welche Geschäftsmodelle sich beim modernen Metering durchsetzen. Wo sehen Sie hier Potenziale für Geschäftsmodelle, die auch von den Kunden nachgefragt werden?
Auch unsere eigenen Erhebungen zeigen, dass die Kundennachfrage nach digitalen Energielösungen noch konstant gering ist, insbesondere auf Seiten der Privat- und Haushaltskunden. Die Praxis zeigt aber, dass sich technische Innovationen nicht etwa dadurch durchsetzen, dass die Anbieter eine Lösung für ein Problem präsentieren, auf die die Kunden schon lange gewartet haben. Es ist vielmehr oft so, dass die Anbieter neue Produkte und Dienstleistungen, die den Kunden einen Mehrwert bieten, entwickeln und im Markt erstmals etablieren. Dabei lernen die Kunden die neuen Angebote langsam zu schätzen und die Anbieter optimieren diese aufgrund des Kundenfeedbacks.
Potenziale gibt es bei zeit- und lastvariablen Tarifen, bei den Zusatzleistungen für das Messprodukt wie spartenübergreifende Verbrauchstransparenz, bei Smart Mobility, integrierten Quartierslösungen und perspektivisch auch in Bezug auf den Handel mit Flexibilitäten.
Bereich Smart City: Werden hier Stadtwerke eine wichtige Rolle spielen? Und wenn ja, inwiefern?
Ja, mit den Stadtwerken ist hier zu rechnen! Die Stadtwerke sind ein maßgeblicher Betreiber kommunaler Infrastrukturen, vor Ort gut vernetzt und gesellschaftsrechtlich der öffentlichen Gebietskörperschaft verbunden, in der Regel auch mit einem breiten lokalen Kundenstamm. Hier bringen sie also schon viele Voraussetzungen für den Erfolg mit Geschäftsmodellen im Smart-City-Kontext mit. Was fehlt und ggf. durch Kooperationen und ein gutes Ökosystem erschlossen werden kann, sind technisches und Prozess-Know-how zu Aufbau und Betrieb von Smart-City-Lösungen, für die es vielfältige Optionen gibt.
E-Mobilität: Wasserstoff oder Batterie-Autos, was setzt sich durch?
Kurz- bis Mittelfristig, also in den 20er Jahren, werden wir eindeutig ein rasantes Wachstum der Anzahl batterieelektischer Fahrzeuge und den entsprechenden Ausbau der Infrastrukturen sehen. Langfristig, das heißt voraussichtlich Ende der 20er und in den 30er Jahren ist auch mit der Wasserstoffmobilität zu rechnen, ergänzend und parallel zur Elektromobilität, zum Beispiel im Schwerlastverkehr, aber auch darüber hinaus.
Sind Sie zufrieden, wie es derzeit mit der E-Mobilität läuft?
Unzufrieden machen derzeit die noch unzureichenden Standards, zum Beispiel im Bereich der Ladeinfrastruktur, deren Steuerung oder bei der Frage, wie mit Flexibilitäten umgegangen wird. Hier stehen Behörden, Industrie und Energieversorger noch vor großen gemeinsamen Aufgaben. Die Bestimmung des sogenannten "Tipping Points" ist keine reine Kostenrechnungsübung, sondern wird ganz maßgeblich vom Anbieter- und Verbraucherverhalten bestimmt, in das auch weitergehende Nutzenüberlegungen einfließen. Erwartungsgemäß werden mit dem weltweiten Aufbau der Produktionskapazitäten für E-Mobilität batterieelektrische Fahrzeuge in großer Zahl für den Markt verfügbar werden. Und das Verbraucherinteresse für Verbrennungsmotoren wird auch aufgrund der Frage nach der Zukunftsfähigkeit deutlich abnehmen. Wir rechnen ab dem Jahr 2025 bei den Neuzulassungen mit einem Anteil von mindestens 25 Prozent für batterieelektrische Fahrzeuge.
Stichwort Digitalisierung: Werden hier viele Versorger auf der Strecke bleiben?
Nein. Auf der Umsetzungsseite ist das gerade bei den Infrastrukturen zunächst einmal ein "schleichender Wandel". Die Digitalisierung der Netzinfrastruktur, der Kunden- und Lieferantenschnittstellen sowie der energiewirtschaftlichen Geschäftsprozesse selbst stellt natürlich die Stadtwerke vor große Herausforderungen, u.a. bei der Bereitstellung der notwendigen IT-Infrastruktur und Anwendungssysteme sowie bei der Verfügbarkeit von Fachpersonal und Know-how.
Auch die Digitalisierung der energiewirtschaftlichen Produkt- und Dienstleistungswelt fordert den Versorgern erhebliche Investitionen in die Entwicklung und den Vertrieb neuer, innovativer Angebote ab. Wegen der bestehenden Skaleneffekte kann man tatsächlich davon ausgehen, dass größere Versorger bei sonst gleicher Ausgangsposition hier im Vorteil sind. Wir rechnen aber nicht damit, dass Versorger "auf der Strecke bleiben". Das Eingehen von Kooperationen und Zusammenschlüssen sowie die Nutzung von White-Label-Plattformen sind belastbare Strategien für kleinere Stadtwerke, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Und dies beobachten wir auch zunehmend im Markt.
IT-Sicherheit: Schwerwiegende Angriffe auf die IT von Unternehmen steigen. Nimmt hier die Gefahr eines Blackouts zu? Wird sich die Versorgungsbranche, die ja auch eine kritische Infrastruktur ist, hier genügend schützen können?
Die Versorgungsunternehmen, insbesondere auch die Übertragungsnetzbetreiber, sind sich der Gefahr bewusst, und das diese real ist, haben Ereignisse in der Vergangenheit bereits gezeigt. Die Bedrohungsszenarien entwickeln sich dabei immer weiter, genauso wie die Schutzmaßnahmen für die kritische Infrastruktur. Aber die Risiken bestehen fort und es kann für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden, dass auch schwerwiegendere Angriffe Erfolg haben. Daher sind hohe Sicherheits- und Schutzstandards bei der kritischen Energie-Infrastruktur weiterhin essenziell.
Die größte Herausforderung für Stadtwerke in den kommenden Jahren ist…
den Wandel vom integrierten Energieversorger hin zum digitalen, lokalen Infrastrukturdienstleister zu meistern.
Die Fragen stellte Stephanie Gust



