"Die anvisierten regulatorischen Weiterentwicklungen aus der Roadmap von BMWi und BSI oder dem Gebäudeenergiegesetz lassen vermuten, dass langfristig auf das intelligente Messsystem gesetzt wird", sagen
 Roland Olbrich (links) und Frank Hirschi von der Horizonte Group.

"Die anvisierten regulatorischen Weiterentwicklungen aus der Roadmap von BMWi und BSI oder dem Gebäudeenergiegesetz lassen vermuten, dass langfristig auf das intelligente Messsystem gesetzt wird", sagen Roland Olbrich (links) und Frank Hirschi von der Horizonte Group.

Bild: © Horizonte Group

Warum sollten sich Stadtwerke – auch kleine – auf dem Submetering-Markt positionieren?
Roland Olbrich, Partner bei der Horizonte Group: Durch §6 des Messstellenbetriebsgesetzes fällt zum 1. Januar 2021 der regulatorische Startschuss zur Liberalisierung im Submetering. Dann können intelligente Messstellenbetreiber im Strom den Submetering-Markt vereinfacht erschließen. Das bietet die Möglichkeit, den meist kritischen Business Case im intelligenten Messwesen durch spartenübergreifende Messdienstleistungen zu optimieren. Jedoch steigt durch die Liberalisierung auch das Wettbewerbsrisiko deutlich, da nun branchenfremde Wettbewerber, vor allem aus dem Submetering, attraktive Strom-Messstellen in Mehrfamilienhäusern angreifen können.

Frank Hirschi, Consultant bei der Horizonte Group: Die kommunalen Versorger sollten sich also aus zwei Perspektiven mit Submetering beschäftigen: Aus offensiver Sicht, das heißt mit der Möglichkeit zur Erschließung eines attraktiven neuen Geschäftsfelds; und aus defensiver Sicht, sprich mit der Erfordernis zur Abwehr neuer Wettbewerber. Der Vorteil kommunaler Versorger und Stadtwerke besteht dabei darin, dass meist gute Kontakte zur kommunalen Wohnungswirtschaft bestehen, die sie nun für einen Einstieg in das Submetering nutzen können.

Beim Submetering bieten sich vor allem intelligente Messsysteme an, ist das ein Muss oder ein Kann?
Olbrich: Aus regulatorischer Sicht ist Submetering derzeit weiterhin ohne Verwendung eines intelligentes Messystems möglich. Die relevante EU-Effizienzrichtlinie fordert lediglich Fernauslesbarkeit. Jedoch lassen die anvisierten regulatorischen Weiterentwicklungen aus der Roadmap von BMWi und BSI oder dem Gebäudeenergiegesetz vermuten, dass langfristig auf das intelligente Messsystem gesetzt wird.

Hirschi: Der größte Treiber wird aber ohnehin aus dem Markt kommen. Intelligente Messstellenbetreiber, die Liegenschaften durch Submetering nach §6 Messstellenbetriebsgesetz erschließen wollen, müssen in ihrem Angebot zwingend intelligente Messsysteme vorsehen. Das bedeutet natürlich auch, dass bestehende Submetering-Messstellenbetreiber ihre Liegenschaften „aufrüsten“ müssen, um überhaupt entsprechende Gegenangebote legen zu können. Bei attraktiven und umkämpften Liegenschaften werden sich somit intelligente Messsysteme im Submetering durchsetzen.

Was sind die wesentlichen Herausforderungen im Submetering?
Olbrich: Aus unserer Sicht sind die drei wesentlichen Herausforderungen für ein Stadtwerk:

  1. Klarheit über die eigene strategische Positionierung gewinnen – insbesondere durch die Beantwortung folgender Fragen: Wie kann mit Submetering im angepeilten Versorgungsgebiet ein positiver Business Case erzielt werden? Soll das EVU offensiv oder defensiv agieren?
  2. Auswahl geeigneter Dienstleister für die erforderlichen IT-Systeme – CLS-Management, Messwertverarbeitung Submetering –, die eine stabile und erweiterungsfähige Lösung anbieten können.
  3. Beherrschung der technischen Komplexität im Zusammenspiel von Geräten, IT-Systemen und Montage im Einklang mit den relevanten Rechtsvorschriften – etwa Messstellenbetriebsgesetz, Certificate-Policy der Smart-Metering-PKI, EU-Effizienzrichtlinie.

Die Horizonte-Group hat für das Thema Submetering einen Leitfaden entwickelt, welche Unterstützung bietet dieser?
Hirschi: Unser Leitfaden befasst sich mit den wesentlichen strategischen und technischen Fragestellungen, die es für den Submetering-Einstieg zu beachten gilt. Der Leitfaden bricht dies Fragestellungen auf die für ein Stadtwerk relevanten Entscheidungen und operativen Tätigkeiten herunter. Das betrifft sowohl die drei TOP-Herausforderungen, die wir oben genannten haben, als auch weitere zwingend zu meisternde Herausforderungen. Anhand dieses Leitfadens kann ein Stadtwerk abschätzen, ob und wie es einen Einstieg in den Markt wagen kann.

Wie bewerten Sie den Vorschlag des Bundesrats zu einem Vollrollout intelligenter Messsysteme?
Olbrich Der Bundesratvorschlag verlangt im Detail keinen Vollrollout um jeden Preis. Vielmehr sollte eine Rollout-Beschleunigung den Haushalten ihr auf einer EU-Richtlinie basierendes Anrecht auf dynamische Stromtarife über intelligente Messsysteme näherbringen. Daraus entbrannte dann eine heiße Diskussion zum Vollrollout, welcher sich, sollte er kommen, jedoch erst mittel- bis langfristig realisieren lassen würde. Die aktuell verfügbaren und zeitnah erwarteten Tarifanwendungsfälle sehen nach dem Stufenmodell noch keine wirklichen dynamischen Stromtarife vor. Haushalten schlagen aber bei der Nutzung eines intelligenten Messystems höhere Kosten zu Buche. Die Komplexität der Technik und Prozesse wiederum sorgt aber dafür, dass die Netz- und Messstellenbetreiber den Vollrollout in der gesetzlich festgelegten Preisobergrenze kaum umsetzen können. Hier müssten also auf der einen Seite erst einmal Nutzen durch neue Anwendungsfälle steigen und auf der anderen Seite sinkende Kosten realisierbar sein.

Im aktuellen EEG-Entwurf ist vorgesehen, die Grenze für den Pflichtrollout bei EEG- und KWK-Anlagen von 7 auf 1 kW zu senken. Ist das eine Chance für die Energiewirtschaft oder eher inakzeptabel für Verbraucher?
Vor dem Hintergrund der vom Gesetzgeber forcierten Digitalisierung der Energiewende und zum Beispiel den Vorgaben aus dem Netzausbaubeschleunigungsgesetz und den daraus folgenden Verpflichtungen zum Redispatch 2.0 könnte ein dicht vernetztes Energiesystem aus gesamtgesellschaftlicher Sicht höher priorisiert werden als der Nutzen einzelner Anlagenbetreiber. Im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung des § 14a im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) bietet die Ausbreitung intelligenter Messsysteme aber auch mittelfristig die Chance für Anlagenbetreiber, an der Flexibilitätsbereitstellung zu profitieren. Kurzfristig werden aber wohl eher höhere Kosten auf die Anlagenbetreiber zukommen, denen noch keine Mehrwerte gegenüberstehen.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

Mehr zum Leitfaden der Horizonte Group finden Sie auch in der September-Ausgabe der ZfK. Das Abo finden Sie hier.

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