Tempo halten, Zuständigkeiten klären, Sicherheit garantieren: Das waren drei der zentralen Botschaften am ersten Tag der Metering Days in Fulda.

Tempo halten, Zuständigkeiten klären, Sicherheit garantieren: Das waren drei der zentralen Botschaften am ersten Tag der Metering Days in Fulda.

Bild: © Stephanie Gust

Von Stephanie Gust

Beatrix Brodkorb, Leiterin der Unterabteilung Stromnetze und Digitalisierung der Energiewende im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sprach zum Auftakt der Metering Days in Fulda ausführlich über die Chancen der Digitalisierung. Auf die seit Wochen diskutierte Frage, wie das Ministerium die Passage im Zehn-Punkte-Plan interpretiert, wonach Verteilnetzbetreiber künftig mehr Verantwortung tragen sollen, blieb sie jedoch vage.

Ihre Kernbotschaft indes: Digitalisierung senkt Kosten, Cybersicherheit ist Pflicht, Steuerbarkeit der nächste Schritt. 

"Digitalisierung macht das System effizient, sicher, leistungsfähig und flexibel“

Brodkorb stützte sich auf aktuelle Analysen – das Energiewendemonitoring und die "Dena-Verteilnetzstudie II" –, die zeigen: Eine flächendeckende Digitalisierung kann die Verteilnetzkosten bis 2045 um bis zu 30 Prozent senken. "Das ermöglicht eine bezahlbare und wettbewerbsfähige Energiewende", sagte sie. Cybersicherheit und die 450-MHz-Kommunikation bleiben laut Wirtschaftsministerium zentrale strategische Säulen – auch für Krisenfälle.

Digitalisierung muss in der Fläche ankommen

Beim Rollout nannte Brodkorb den Zwischenstand: Rund 1,6 Millionen intelligente Messsysteme seien inzwischen insgesamt installiert. Die Dynamik steigt, doch die Spannbreite sei groß. Etwa 200 Messstellenbetreiber stehen nach den Zahlen der Bundesnetzagentur bei Quote null. "Sagen Sie uns, was fehlt", bat sie die Nachzügler und rief dazu auf, sich beim Wirtschaftsministerium zu melden. Ihr Appell: Die Digitalisierung der Energiewende sei technisch etabliert, politisch priorisiert und wirtschaftlich notwendig – jetzt müsse sie auch in der Fläche ankommen.

Im Mittelpunkt der Debatte stand die Frage, wie die Regierung die Verteilnetzbetreiber künftig stärker in die Verantwortung nehmen will. Brodkorb bestätigte interne Diskussionen zu dem Thema, vermied aber jede Festlegung. Man werde "alle Varianten" mit der Branche diskutieren, sagte sie. Zwischen den Zeilen ließen sich unterschiedliche Optionen herauslesen: eine Neuordnung im Messwesen oder eine engere Verzahnung zur Sicherung der Systemstabilität. Bei letzerem würde dem Verteilnetzbetreiber mehr Verantwortung zukommen. "Unser Anspruch ist: konsequent vereinfachen und beschleunigen."

Anke Hüneburg (ZVEI) warnte vor monatelangen Grundsatzdebatten zur Neuordnung. "Wir brauchen die wettbewerblichen Messstellenbetreiber. Eine Rolle rückwärts in der Liberalisierung würde erneut unnötig Ressourcen verbrennen." Stattdessen wäre angesichts der Fortschritte besser Kurs halten und Tempo sichern.

Aufsicht, Zahlen, Konsequenzen: Bundesnetzagentur zieht die Zügel an

Jan Peter Sasse, Leiter des Referats Elektrizitätsverteilernetze und E-Mobilität bei der Bundesnetzagentur, stellte sich den Fragen zu den aktuellen Rolloutzahlen der Bundesnetzagentur. Kritik kam aus der Branche vor allem am langsamen Tempo der Datenerhebung. "Wenn Unternehmen ihre Zahlen erst Monate später liefern, zeigt das, dass etwas im System nicht stimmt", sagte etwa 1Komma5Grad-Mitgründer Jannik Schall. Der Smart-Meter-Rollout könne nicht funktionieren, wenn selbst einfache Prozessschritte Wochen dauerten. Die Bundesnetzagentur verteidigte sich: Man sammle Zahlen von 852 grundzuständigen Messstellenbetreibern, prüfe sie einzeln auf Plausibilität und frage bei Unklarheiten nach.

"Das ist nicht in drei Tagen gemacht", entgegnete Sasse. Rund zehn Prozent der Meldungen würden nachbearbeitet, fehlende Angaben führten zu Aufsichtsverfahren. Außerdem: Anfang 2026 sollen Zwangsgelder drohen, wenn Quoten weiter verfehlt werden. Zugleich will die Behörde künftig auch die Daten der wettbewerblichen Messstellenbetreiber einbeziehen, um die Statistik vollständiger zu machen. Transparenz habe Priorität, betonte Sasse – die öffentliche Liste der Rollout-Quoten sei dafür bereits erweitert worden.

"Kein Sonderweg mehr“: BSI sieht europäischen Referenzpfad

Dennis Laupichler (BSI) widersprach der allgemeinen Darstellung vom Sonderweg in Deutschland. Vielmehr sei man mit Cybersicherheit sowie Markt- und Netzintegration auf dem Weg zum EU-Referenzmodell. Ende September sei nach den Zahlen der Sicherheitsbehörde die Marke von zwei Millionen intelligenten Messsystemen überschritten worden. 2,5 Millionen bis Jahresende seien realistisch. Entscheidend sei, die installierte Infrastruktur auch zu nutzen. Standardisierung bleibe der Hebel, Hardwaredebatten sollten Prozessfragen weichen.

Praxisdruck: Prozesse vor Hardware, Kundennutzen vor Komplexität

Aus der Praxis forderten Bayernwerk und 1Komma5Grad klare Prozesse und Standards. Joachim Kabs (Bayernwerk Netz) sieht das Verteilnetz im Massenproblem: 600.000 Erneuerbaren-Anlagen, 80 bis 90 Prozent Kleinanlagen, 90 Prozent heute nicht einsehbar. Das Bayernwerk will künftig 160.000 bis 170.000 intelligente Messsysteme pro Jahr installieren. "Nicht wegen der Quote, sondern weil wir es brauchen." Kleinteilige Eingriffe lehnt er ab. "Zwei Kilowatt zu steuern, ist Unsinn. Wir brauchen massenfähige, standardisierte Prozesse."

Jannik Schall (1Komma5Grad) beschrieb 20 Prozessschritte auf dem Weg zum dynamischen Tarif. Zwei Drittel davon betreffen die Verteilnetzbetreiber (VNB). Mehr als jede fünfte Smart-Meter-Anmeldung bleibe unbeantwortet. Die 15-Minuten-Bilanzierung gelinge nur etwa der Hälfte der VNB. Sein Appell: Prozesse vereinheitlichen, Pflichten klären, Anreize setzen – auch negative. "Wer nicht ausrollt, gehört stärker in Verantwortung. Endkunden brauchen im Zweifel Entschädigungen."

Zugleich warnte Schall vor einer strukturellen Schieflage, sollte die künftige Verantwortung allein bei den Netzbetreibern liegen. Ohne wettbewerbliche Messstellenbetreiber funktioniere der Rollout nicht, betonte er. "Ein flächendeckendes, skalierbares Smart-Meter-Angebot in Deutschland ist derzeit nur mit wettbewerblichen Messstellenbetreibern machbar." Die Unternehmen brächten Tempo, Innovation und Kundenzugang – das dürfe die Regulierung nicht ausbremsen.

Appell: Elektrifizierung, Planbarkeit, verlässlicher Rahmen

Zum Auftakt hatte Wolfgang Weber, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung, den strategischen Rahmen gesetzt. Die Elektrifizierung sei kein "Nice-to-have“, sondern eine zwingende Voraussetzung für Klimaschutz, Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit. Nur wenn Strom der zentrale Energieträger werde, könne die Energiewende gelingen. Der Smart-Meter-Rollout sei dabei ein Schlüssel, um Netze steuerbar und den Verbrauch transparent zu machen.

Rund 16 Prozent der Pflichtfälle seien derzeit umgesetzt, die Marke von 20 Prozent bis Jahresende sei realistisch. Weber forderte dafür stabile politische Leitplanken. Bei Stromsteuer, Technologieoffenheit und Förderkulissen erkenne er jedoch zu viele Kurswechsel. "Der Energieträger, der es richten soll, wird weiter politisch belastet", sagte er. Die Branche brauche Planungssicherheit statt wechselnder Signale – und einen klaren Fokus auf Digitalisierung als Beschleuniger der Elektrifizierung.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper