Werden EVU in ihrem Kerngeschäft von agilen Anbietern überholt, würden sie in einem solchen Szenario zu einfachen Energielieferanten "verkümmern", warnt Herausgeber Oliver D. Doleski, Principal bei Siemens Management Consulting.

Werden EVU in ihrem Kerngeschäft von agilen Anbietern überholt, würden sie in einem solchen Szenario zu einfachen Energielieferanten "verkümmern", warnt Herausgeber Oliver D. Doleski, Principal bei Siemens Management Consulting.

Bild: © Oliver Doleski

Herr Doleski, Sie haben die beiden Bände Utility 4.0 herausgegeben, die diese Woche erscheinen. Was verbirgt sich hinter dem Begriff?

Mit Utility 4.0 wird ganz bewusst Bezug auf den prominenten Industrie-4.0-Begriff genommen. Dies schafft einerseits Orientierung durch Wiedererkennung paralleler Entwicklungen und erleichtert andererseits die Übertragung des ursprünglich industriellen Digitalisierungskonzepts auf den Energiesektor. Allgemein steht Utility 4.0 für den epochalen Übergang von der analogen zur digitalen Energiewelt. Mit anderen Worten geht es um die digitale Transformation der Energiewirtschaft, bei der klassische Versorgungsprodukte immer mehr durch digitale Lösungen substituiert werden.

Die digitale Energiewelt ist ein breites Themenfeld, welches in dem Doppelband umfassend aufgegriffen wird. Beide Bücher sind entlang der energiewirtschaftlichen Wortschöpfung von der Erzeugung über das Smart Grid bis zu modernen Energiedienstleistungen strukturiert. Im ersten Band werden die unterschiedlichen Facetten der Digitalisierung entlang der energiewirtschaftlichen Wertschöpfung von der Erzeugung bis zur Verteilung im Netz präsentiert. Der zweite Band führt die Gliederung entlang der energiewirtschaftlichen Wertschöpfung des ersten Bands fort. Das Spektrum reicht von den vertrieblichen Aspekten der digitalen Energiewelt bis hin zu Praxisbeiträgen zum Zusammenwachsen von Energie, Mobilität, Kommunikation und Stadtentwicklung.

Aus eins mach zwei – warum besteht „Realisierung“ aus zwei Büchern?

Der Call for Papers für das neue Buchprojekt stieß in der Energie-Community auf ein derart überwältigendes Interesse, dass im Rahmen der Autorensuche eine deutlich dreistellige Anzahl von Beitragsvorschlägen aus über einhundert Unternehmen der gesamten DACH-Region eingereicht wurden. Um möglichst vielen Beitragsautoren die Möglichkeit zur Mitwirkung einräumen zu können, wurde der Umfang der Publikation deutlich ausgeweitet. Damit handelt es sich bei "Realisierung Utility 4.0" um die erste zweibändige Fachpublikation zur Digitalisierung der Energiewirtschaft im deutschsprachigen Raum.

Wie schätzen Sie den Einfluss der Digitalisierung künftig ein?

Kurz gesagt sehr hoch – ich möchte sogar sagen essenziell für die mittelfristige Überlebensfähigkeit von Unternehmen des Energiesektors. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber man kann diese Tatsache nicht eindringlich genug in die Energiewelt transportieren. Zugespitzt formuliert, droht nach meiner Einschätzung Versorgungsunternehmen ohne klare Digitalisierungsstrategie auf Sicht sogar der Verlust ihrer "Spielberechtigung" im Energiesektor.

Welche Entwicklungen erwarten Sie?

Zunächst wird die digitale Transformation im Energiesystem von morgen keinen Stein auf dem anderen belassen. Vieles ändert sich heute bereits radikal und wir befinden uns erst am Beginn dieser Entwicklung. Wer will infrage stellen, dass in der Energiewirtschaft perspektivisch digitalisiert und automatisiert wird, was sich sinnvoll digitalisieren lässt? Auch wird in Zukunft mehr und mehr der Zugang zum Endkunden und besonders zu dessen Daten über den Erfolg eines Geschäftsmodells entscheiden. Immerhin gelten Daten als Treibstoff der Digitalisierung schlechthin.

Sie unterscheiden bei Utility 4.0 auch zwischen System-, Branchen- und Unternehmenstransformation. Was verstehen Sie darunter?

Verstärkt durch das Auftreten sowohl agiler Start-ups als auch ursprünglich branchenfremder Akteure mit hoher Technologieaffinität kann die digitale Transformation des Energiesektors disruptive Züge annehmen und damit die Existenz klassischer Energieversorgungsunternehmen gefährden. Bei dieser Umgestaltung handelt es sich um einen mehrschichtigen Prozess, bei dem die Energiewirtschaft eine System-, Branchen- und Unternehmenstransformation gleichzeitig erlebt. Während bei der Systemtransformation die auf konventionellen Energieträgern basierende Erzeugung elektrischer Energie sukzessive durch erneuerbare Primärenergiequellen ersetzt wird, beschreibt die Branchentransformation allgemein den Wandel vom monopolistischen Energieunternehmen zu kundenorientierten, digitalen Dienstleistungsunternehmen. Alle Aktivitäten im Rahmen des Übergangs eines konkreten Versorgungsunternehmens vom klassischen EVU zum Utility 4.0 wird schließlich der Unternehmenstransformation zugerechnet.

Auf welche Herausforderungen müssen sich Versorger im Zusammenhang mit digitalen Geschäftsmodellen einstellen?

Hier sehe ich grundsätzlich die Herausforderung, dass EVU zunächst die Mechanismen der digitalen Welt wirklich verstehen müssen und systematisch eigene digitale Lösungskompetenz – nicht zuletzt auch in der Belegschaft – aufbauen sollten. Nur so ist eine nachhaltige Entwicklung adäquater digitaler Geschäftsmodelle möglich. Sollte dies nicht gelingen, werden Stadtwerke und Co. über kurz oder lang in ihrem Kerngeschäft von agilen Anbietern überholt und perspektivisch verdrängt werden. In diesem Szenario werden EVU schließlich zu einfachen Energielieferanten "verkümmern". Eine wenig erfreuliche Zukunftsperspektive.

Die Fragen stellte Stephanie Gust

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