Ludwig Möhring: "Wir hoffen, dass staatlich organisierte Datenkampagnen in Regionen mit ernsthaften Potenzialen für erfolgreiche Projekte durchgeführt werden".

Ludwig Möhring: "Wir hoffen, dass staatlich organisierte Datenkampagnen in Regionen mit ernsthaften Potenzialen für erfolgreiche Projekte durchgeführt werden".

Bild: @ AdobeStock/Viktor

Die Instrumente zur Umsetzung der Wärmewende sind vielfältig. Doch beim Abschluss der kommunalen Wärmeplanung läuft es vielerorts auf die Frage "Wärmepumpe oder Fernwärmeleitung" hinaus. Zu Unrecht, wie wir finden, und wir wollen im Rahmen einer neuen Serie "Echte Alternativen in der zentralen Wärmeversorgung" weitere Technologien vorstellen, die aufgrund ihres Potenzials in die engere Auswahl gehören. Die Wärmewende braucht mehr als Strom und gute Absichten – sie braucht Technologien, die auch im Winter funktionieren. Tiefengeothermie kann genau das leisten, wenn Projekte professionell geplant und gefördert werden. Der Geschäftsführer des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) Ludwig Möhring spricht im Interview mit der ZfK über Chancen, Risiken und den notwendigen Mut, neue Wege zu gehen.

Herr Möhring, trotz der Vielfalt der Transformationstechnologien im Wärmesektor stehen am Ende Wärmepumpe oder Fernwärme zur Auswahl. Warum tut sich die Tiefengeothermie so schwer?

Seit 15 Jahren hat die Politik den Markt wesentlich auf Strom aus Wind- und Sonnenenergie ausgerichtet. In einer solchen Stromwelt sind Wärmepumpen die natürliche Wendetechnologie. Die Tiefengeothermie blieb politisch bisher weitgehend in der Nische, obwohl sie gegenüber erneuerbarem Strom den riesigen Vorteil hat, ganzjährig jederzeit zur Verfügung zu stehen. Gerade deshalb hebt sie sich im Hinblick auf den Wärmemarkt wohltuend von der Stromerzeugung aus Wind und Sonne ab, die im Winter ja viel geringer zur Verfügung steht.

Die große Herausforderung bei der Tiefengeothermie ist, dass der Wärmeabsatz in der Nähe der Anlage – also der Wärmebedarf und das Wärmenetz – von Anfang an mitbedacht werden muss, denn die Tiefengeothermie sorgt für eine ortsnahe Energieversorgung. Zudem sind Tiefengeothermie-Projekte zunächst kapitalintensiv, das heißt, es muss zu Beginn viel investiert werden.

Wie bei anderen Klimatechnologien auch, sind Tiefengeothermie-Projekte nicht von sich aus großflächig wirtschaftlich. In dieser Hinsicht hat die Tiefengeothermie dieselben Herausforderungen wie der Einsatz von Wärmepumpen. So wie Wärmepumpen subventioniert werden, muss auch Geld in die Tiefengeothermie gesteckt werden, um diese Technologie hochzufahren. Auch hier muss der Staat mitfinanzieren und es werden erfahrene Projektentwickler benötigt, die mit ihrem Know-how erfolgreich und kosteneffizient arbeiten können.

Ludwig Möhring: "Das Thema Fündigkeitsversicherung ist sogar im Koalitionsvertrag der Bundesregierung verankert".Bild: © BVEG/Dirk Meußling

Trotzdem sind Sie von ihrer Bedeutung im Transformationsprozess des Wärmesektors überzeugt?

Absolut – wir stehen vor entscheidenden Monaten und Jahren für den Hochlauf der Tiefengeothermie und damit für den Umbau des Wärmemarktes insgesamt. Tiefengeothermie bietet permanent verfügbare erneuerbare Energie. Im Winter, wenn der Wärmebedarf besonders hoch ist, entlastet sie das Stromnetz im Vergleich zum Einsatz von Wärmepumpen. Das ist ein klarer systemischer Vorteil, denn Tiefengeothermie muss im Gegensatz zu Wärmepumpen nicht durch konventionelle Kraftwerke abgesichert werden.

Ein weiterer Aspekt ist, dass die gesamte Wertschöpfungskette der Geothermie lokal bleibt. Das heißt, dass die Arbeitsplätze rund um die Bohrungen und den Ausbau der Infrastruktur vor Ort entstehen. Auch die Nutzung der Wärme findet in der unmittelbaren Umgebung statt. Das ist fundamental anders als bei klassischen Industrien, bei denen an einem Ort produziert und an einen anderen transportiert wird.

Aktuell ist Tiefengeothermie aber ein Nischenprodukt.

Ja, die Tiefengeothermie deckt aktuell weniger als ein Prozent des deutschen Wärmemarktes. Sie gewinnt jedoch zunehmend an Bedeutung, denn der Druck zur Dekarbonisierung nimmt deutlich zu. Wie soll der enorme Wärmebedarf sonst klimaneutral gedeckt werden?

Jedes Stadtwerk hat seinen eigenen Wärmemarkt, den es zu dekarbonisieren gilt. Insbesondere in Gebieten, in denen bereits Fernwärmenetze bestehen, die historisch häufig aus Kohle- oder Gaskraftwerken gespeist wurden, kommt Tiefengeothermie in Frage. Diese Fernwärmenetze zu dekarbonisieren ist eine riesige Herausforderung und die Geothermie ist eine zentrale Option dafür. Wir sehen beispielsweise in Hannover Projekte, die genau das verwirklichen wollen.

Warum haben Sie diesen Eindruck?

Die Herausforderungen, den Wärmemarkt klimaneutral zu gestalten, sind riesig. Der Wärmemarkt macht mehr als die Hälfte des deutschen Endenergieverbrauchs aus, davon entfällt wiederum mehr als die Hälfte auf den Heizsektor. Insgesamt sprechen wir also über mehr als 50 Prozent in einem Markt, der an vielen Stellen sehr kleinteilig ist und in dem nicht alle Lösungen unmittelbar verfügbar sind.

Immerhin gibt es ökologisch und ökonomisch spannende Vorzeigeprojekte, zum Beispiel im Großraum München. Dort stellt die Geologie im Molassebecken Wasser mit besonders hohen Temperaturen und guter Kapazität zur Verfügung. Das allein reicht jedoch nicht aus: Die Stadtwerke München haben sich das notwendige Know-how angeeignet, um Tiefengeothermie-Projekte professionell umzusetzen.

Das Geothermiebeschleunigungsgesetz ist ein Instrument, das die Bundesregierung geschaffen hat, um den Weg für solche Projekte zu ebnen. Glauben Sie, dass sich die Technologie mithilfe dieses Gesetzes durchsetzen wird? Warum hat es der Markt bislang noch nicht selbst geregelt?

Verfahren zu beschleunigen und ein überragendes öffentliches Interesse festzustellen, sind gute Instrumente. Wir haben das als Verband stark unterstützt. Die harte Realität ist jedoch: Wenn man nicht von einer geologischen Situation wie in München profitiert, ist es in der heutigen Wärmelandschaft nicht trivial, klimaneutrale Technologien zu denselben Bedingungen wie bei einer Gasheizung wirtschaftlich einzusetzen.

Wie oft findet sich bei den abgeschlossenen kommunalen Wärmeplänen die Empfehlung einer Geothermiebohrung?

Das hängt stark von den jeweiligen Voraussetzungen ab. Wenn die geologischen Bedingungen und der Wärmebedarf vor Ort stimmen, sollte die Tiefengeothermie ernsthaft geprüft werden. Es geht darum, verantwortungsvoll mit den Optionen umzugehen und nicht leichtfertig nur Stromlösungen einzusetzen.

"Wir benötigen einen klugen, systemoptimierten Einsatz der Wärmetechnologien, insbesondere von Wärmepumpen und Tiefengeothermie."

Nicht missverstehen: Wärmepumpen sind eine technisch gute Lösung. In einem Markt, in dem bislang 75 Prozent der Heizungen mit Erdgas oder Öl betrieben werden, allein auf Wärmepumpen zu setzen, bedeutet jedoch riesige Herausforderungen für die Stromversorgung, sowohl bei den Netzen als auch bei der Erzeugungskapazität.

Bei der Erzeugungskapazität muss die Frage beantwortet werden, wo im Winter der Strom herkommt, wenn Photovoltaik nur minimal zur Verfügung steht. Dann sind die beabsichtigten 20 Gigawatt an neuen Gaskraftwerken, für die die Regierung viel Kritik von interessierter Seite bekommt, bei weitem nicht genug. Zusammengefasst benötigen wir einen klugen, systemoptimierten Einsatz der Wärmetechnologien, insbesondere von Wärmepumpen und Tiefengeothermie.

Es gibt bereits eine Fülle an Unterstützungsinstrumenten. Warum folgt die praktische Umsetzung nur selten?

Einerseits haben wir in Deutschland weiterhin einen Fokus auf strombasierte Technologien, zum anderen kennen wir die Haushaltssituation in Deutschland. Wo stehen wir? Die Bundesregierung hat mit der BEW die Bundesförderung für erneuerbare Wärmenetze auf den Weg gebracht, welche auch die Tiefengeothermie unterstützt. Die KfW bietet entsprechende Programme, die Projekte materiell fördern. Dies ist keine Sonderbehandlung, sondern ein Schritt auf dem Weg zur Gleichstellung mit anderen Transformationstechnologien.

Ein weiterer Punkt sind die sogenannten Fündigkeitsrisiken. Das Thema Fündigkeitsversicherung ist sogar im Koalitionsvertrag der Bundesregierung verankert. Programme wie die Zusammenarbeit zwischen der KfW und Munich Re bieten eine Absicherung und unterstützen so Tiefengeothermie-Projekte. Dabei sollten jedoch nur Projekte mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit gefördert werden, die eine professionelle Datenanalyse, Untergrundbewertung und ein Risikomanagement vorweisen können. Denn fehlgeschlagene Bohrungen schaden nicht nur dem einzelnen Projektbetreiber, sondern dem gesamten Markt für Tiefengeothermie. Wir brauchen Erfolge, um den Hochlauf auf den Weg zu bringen.

Wie kann die Förderung verbessert werden?

Für viele kleinere Stadtwerke ist die Entwicklung solcher Projekte ein neues Tätigkeitsfeld. Sie müssen deshalb Experten hinzuziehen, die den Upstream-Bereich managen, das heißt geologische Bewertungen, Bohrungen und Risikoabschätzungen durchführen. Geothermie erfordert ein Verständnis der Risiken, erhebliche Investitionen und ein professionelles Management. Aufsichtsrat und Bürgermeister müssen entscheiden: Setzen wir auf das neue Projekt oder bleiben wir bei den klassischen Wärmepumpen?

Die Entwicklung von Tiefengeothermie ist in der Regel nicht Teil der Expertise eines Stadtwerks. Wichtig sind daher aus meiner Sicht die notwendigen Überlegungen zum Geschäftsmodell. Die Stadtwerke München sind so aufgestellt, dass sie das gesamte integrierte Projekt managen können. Das wird jedoch die Ausnahme bleiben. Für viele andere bietet es sich an, für den unmittelbaren Tiefengeothermie-Teil erfahrene Partner ins Boot zu holen: Unternehmen, die die Wärmeerzeugung durch Tiefengeothermie als Teil des integrierten Fernwärmeprojekts sicherstellen. So ist beispielsweise der Plan in Hannover.

Das erlaubt einem Stadtwerk eine kluge Risikoverteilung. In Deutschland gibt es Unternehmen, die über das notwendige Know-how zur professionellen Bewertung des Untergrundes und zur Umsetzung des Projektes verfügen. Das ist kein Neuland, sondern erfordert lediglich die Einbeziehung dieses Know-hows.

Wie hilft der BVEG dabei?

Der BVEG ist der zentrale technische Tiefbohrverband in Deutschland. Wir geben den Unternehmen Leitlinien an die Hand, wie sie den Untergrund bewerten, Risiken einschätzen und Projekte professionell aufstellen können – bis hin zur Darstellung von Optionen für infrage kommende Geschäftsmodelle. Die Tiefbohrindustrie, die maßgeblich durch die Öl- und Gasförderindustrie geprägt ist, ist seit Jahrzehnten mit diesen Fragestellungen vertraut. Darauf kann aufgebaut werden.

Unser Ziel ist es, die Tiefengeothermie in Deutschland zum Erfolg zu führen – und nicht Projekte, die in den Kinderschuhen stecken bleiben oder scheitern. Nur professionelle Projektentwicklung und -durchführung wird einen erfolgreichen Hochlauf der Tiefengeothermie in Deutschland möglich machen.

Möhring: "Nicht nur die Daten, sondern auch die alten Bohrungen selbst können eine hilfreiche Informationsgrundlage sein, um zu wissen, was unter Tage passiert".

Bei mittelgroßen Stadtwerken entsprechen allein die Kosten für eine Bohrung ihrem Jahresumsatz. Wie sollen sie die Technologie argumentativ unterbringen?

Mir geht es nicht darum, dass alle Stadtwerke Tiefengeothermie einsetzen sollen. Es geht um eine kluge kommunale Wärmeplanung: Wie hoch ist der Wärmebedarf über das Jahr verteilt? Gibt es Mietwohnungsbau, Einfamilienhäuser, Schwimmbäder oder Industrieanlagen? Gibt es ein existierendes und ausbaufähiges Fernwärmenetz? Es gibt nicht den einen vorgezeichneten Weg, der für alles passt – auch wenn dies häufig suggeriert wird.

Was ist denn der erste Schritt dieses Weges?

Zunächst muss die Wirtschaftlichkeit des Projekts abgebildet werden – egal, ob es sich um den Bau eines Blockheizkraftwerks oder einer Tiefengeothermieanlage handelt. Wichtig ist, die mit dem Projekt verbundenen Risiken so gering wie möglich zu halten. Wir stellen Leitfäden zur Verfügung, die dabei helfen, geologische Risiken zu bewerten, Szenarien zu kalkulieren und die Anforderungen an die einzusetzende Bohrtechnik zu berücksichtigen. Darüber hinaus arbeiten wir eng mit Behörden zusammen und sind auch bereit, Kontakte zu Dienstleistern und Projektentwicklern zu vermitteln.

"Daten, Daten, Daten … Das gilt auch bei der Tiefengeothermie, wenn es um die Analyse des Untergrunds geht."

So kann ein Stadtwerk die Einstiegshürde senken und das Projekt professionell aufstellen – auch wenn es sich mit dem Thema bisher noch nicht auskennt. Viele Projektentwickler und Bohrunternehmen, die diese Projekte umsetzen können, sind Mitglied in unserem Verband. Wir sind zudem eng in das vom niedersächsischen Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie verantwortete Geothermieforum Niedersachsen eingebunden, das insbesondere Stadtwerke bei der Umsetzung und Informationsbereitstellung unterstützt.

Welche Rolle spielen dabei die seismischen und geologischen Daten?

Daten, Daten, Daten … Das gilt auch bei der Tiefengeothermie, wenn es um die Analyse des Untergrunds geht. Dafür sind seismische Daten oder Daten aus Bohrungen erforderlich. Diese Daten sagen allerdings nicht direkt: "Hier funktioniert Geothermie", sondern sie müssen ausgewertet werden.

Es gibt seismische Daten, die entsprechend des Geologiedatengesetzes nach einer bestimmten Frist der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, beispielsweise Fachdaten von Privatunternehmen nach zehn Jahren. Das Land Nordrhein-Westfalen unterstützt die Generierung seismischer Daten direkt – aus unserer Sicht eine äußerst kluge Maßnahme, die Projektentwicklern in der Frühphase massiv helfen kann. Dies wäre auch in bestimmten Regionen Niedersachsens hilfreich, obwohl dort durch viele Öl- und Gasbohrungen bereits ein hoher Datenbestand vorhanden ist. Viele dieser Bohrungen und damit die vorhandenen Daten decken jedoch nicht genau den Bereich ab, in dem Tiefengeothermie eingesetzt werden soll.

Wir hoffen, dass staatlich organisierte Datenkampagnen in Regionen mit ernsthaften Potenzialen für erfolgreiche Projekte durchgeführt werden, in denen passende Geologie und Wärmebedarf zusammenkommen.

Können Daten aus alten Öl- und Gasbohrungen helfen?

Ja, das ist eine Option. Der Vorteil ist, dass man den Untergrund besser kennt und das geologische Risiko reduzieren kann. Nicht nur die Daten, sondern auch die alten Bohrungen selbst können eine hilfreiche Informationsgrundlage sein, um zu wissen, was unter Tage passiert. Das reduziert das typische geologische Risiko erheblich. Unter Risikogesichtspunkten und monetär kann das sehr attraktiv sein, wenn der erforderliche Wärmebedarf in der Nähe gedeckt werden soll und dafür die Wärme aus der Tiefengeothermie genutzt werden kann. Beides muss zusammenkommen.

Das Interview führte Artjom Maksimenko

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