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"Die Macht der Bilder": Was taugt Infra als digitales Cockpit für die Wärmewende?

Bei Investitionen in die Wärmewende geht es nicht nur um Technik, sondern auch um Wirtschaftlichkeit. Die Anwendung Infra liefert Kennzahlen und Szenarien und verspricht dabei Kosteneinsparungen. Was das Instrument taugt, erläutert LBD-Geschäftsführerin Claudia Schlemmermeier.
26.09.2025

Screenshot: Prüfung Wärmenetzprojekt mit Abwärmequelle in "INFRA".

  • Claudia Schlemmermeier ist Geschäftsführerin des Beratungshauses LBD in Berlin.

Die Anforderungen in der Wärmeversorgung verändern sich schnell. Das Berliner Beratungshaus LBD wirbt damit, dass die modulare Bauweise der Anwendung namens "INFRA" die Plattform anschlussfähig für neue Technologien, Daten und Marktbedingungen macht. Warum Versorger bereits damit arbeiten und welche Grenzen das Instrument hat, erläuterte LBD-Geschäftsführerin Claudia Schlemmermeier im Gespräch mit der ZfK.

Frau Schlemmermeier, Sie präsentieren Infra als ein zentrales Steuerungsinstrument für die Wärmewende. Wie unterscheidet sich Ihre Lösung konkret von klassischen GIS- oder ERP-basierten Systemen, die Stadtwerke heute schon nutzen?

Kurz gesagt: GIS zeigt Karten, ERP verwaltet Assets – Infra verbindet alles dazwischen. Es schließt die Lücke zwischen reiner Visualisierung und Verwaltung. Mit Infra lässt sich die Wärmewende planen, simulieren, rechnen und umsetzen und vor allem steuern – und zwar alles in einem zentralen Cockpit. Wir können von der Wärmebedarfsschätzung über die Investitionsrechnung bis hin zur Machbarkeitsstudie nach BEW-Standards alles vereinen.

Das Besondere: Infra stellt eine einheitliche Datenbasis bereit, auf der alles konsistent vergleichbar ist – Szenarien, Gebiete, Zeitachsen. Und: anstatt nur einzelne Teilnetze oder Projekte isoliert zu betrachten, ermöglicht Infra den Überblick über den gesamten Versorgungsraum.

Es geht nicht darum, einen Plan zu machen und fertig. Das müssen wir uns bewusst machen. Mit jeder neuen Erkenntnis, jedem Eigentümergespräch oder Kundenwunsch zum Netzanschluss muss man umplanen und teilweise neu denken. Das alles umzusetzen und die Kosten im Griff zu behalten, diese Aufgabe liegt bei den Stadtwerken – und dabei hilft Infra. Als prozessuale Klammer verbindet es GIS und ERP miteinander – und genau das fehlt bisher.

Wie unterstützt Infra die Entscheider dabei, Investitionen nicht nur zu kalkulieren, sondern strategisch zu priorisieren – und welche Grenzen hat das Tool in diesem Prozess?

Wenn wir ehrlich sind, gibt es heute kaum gute Tools, die die Wirtschaftlichkeit in den Blick nehmen und eine vollständige Investitionsrechnung mit Free Cash Flow und IRR auf einem vorher definierten Materialkonzept mit unterschiedlichsten Rohrtypen mal einfach so auf Knopfdruck rechnen. Heute ist es doch so, dass der Planer eine technische Planung macht und der Controller die Investitionen rechnet. Und jede Änderung führt zu einer neuen Iteration und anderen Kosten.

Infra bietet ein Cockpit, das die wichtigsten Kennzahlen – von IRR über Capex/Opex bis hin zu Anschlussgraden und Förderquoten – miteinander verknüpft. Egal, ob es um Bestandsverdichtung, Netzausbau oder neue Erzeugungsquellen geht: Maßnahmen lassen sich nach Wirksamkeit, Reifegrad, Förderfähigkeit, Kapitalbindung und Risiko clustern. Das erleichtert es, Prioritäten zu setzen – sowohl für einzelne Gebiete als auch für das gesamte Portfolio. Die Anwendung macht diese für das Asset-Management transparent und ermöglicht es, verschiedene Szenarien durchzuspielen und zu vergleichen. Natürlich ersetzt das Tool keine Gremienentscheidungen, aber es liefert die entscheidenden Grundlagen für das gesamte Gebiet über alle Projekte.

  • Gebäudescharfe Steuerung der Wärmetransformation in Infra von heute bis zum Jahr der Klimaneutralität.

Welche Erfahrungen haben Sie in der Umsetzung der digitalen Zwillinge gemacht: Wo sehen Sie den größten Mehrwert, wo eher Hürden oder Skepsis bei Stadtwerken?

Wir sprechen immer von der "Macht der Bilder" – Projektleiter und Management können in einem Tool zusammen in Echtzeit Gebiete und Projekte erstellen, bewerten, priorisieren.

Ein weiterer großer Vorteil liegt in der Konsistenz: ein Tool mit allen Daten, das alle Planungsphasen und Projekte abdeckt – und zwar für alle Beteiligten, vom Management über das Asset Management bis hin zu Fachplanern und Projektsteuerern. Mit einem digitalen Zwilling wird von Anfang an eine solide Grundlage für Datenqualität und -harmonisierung geschaffen. Man einigt sich auf die Parametrierung und nimmt von Anfang an auch die Kosten und Investitionen in den Blick. Mehr als im Strom und Gas muss in der Wärme der Dreiklang aus Erzeugung-Netz-Vertrieb gut zusammenspielen für rentable Projekte – und die wiederum sind Voraussetzung dafür, dass finanziert wird.

Sie sagen, dass das Tool auch Fördermitteldokumentation integriert. Kann es auch politisch-strategische Prozesse – etwa die Legitimation von Projekten gegenüber Aufsichtsräten, Kommunalpolitik oder Bürgern – wirklich erleichtern?

Ja, Infra liefert belastbare Zahlen und Visualisierungen, die genau auf die jeweilige Zielgruppe zugeschnitten sind – sei es der Aufsichtsrat, der Gemeinderat, die Bürger oder ein neuer Investor. Wärmepotenziale, Erzeugung, Netzlänge und Hausanschlüsse, Anschlussquote, Investitionen, Rentabilität, Nutzen, Risiken und Anschlussgrade können klar und nachvollziehbar aufbereitet werden.

"Gerade im Kunden- und Bürgerdialog sind transparente Gegenüberstellungen von Handlungsoptionen ein großer Vorteil."

Gerade im Kunden- und Bürgerdialog sind transparente Gegenüberstellungen von Handlungsoptionen ein großer Vorteil. Sie schaffen eine sachliche Grundlage und erhöhen die Akzeptanz für Projekte. Infra macht komplexe Themen greifbar und hilft, diese verständlich zu kommunizieren.

Sie berichten von 20 Energieversorgern, die Infra einsetzen. Was waren für die Stadtwerke die entscheidenden Argumente, warum sie sich für Infra und nicht für etablierte Planungs- oder Simulationssoftware entschieden haben?

Die entscheidenden Argumente sind intelligente Analysen und integrierte strategische Planung bis zur operativen Umsetzung. Die Stadtwerke stehen vor enormen Investitionen und suchen nach Lösungen, die mehr bieten als reine technische Modellierung oder einzelne Wirtschaftlichkeitsberechnungen. Es gibt im Unternehmen unglaublich viele Abwägungsprozesse: Wie viel Fernwärme bauen wir aus? Wie viel trauen wir uns technisch zu? Wie viel schafft der Vertrieb? Welches Geld wollen oder müssen wir in die Hand nehmen? Da hilft ein Tool, das schnell Varianten aufzeigt.

Ein Beispiel: Die Gothaer Stadtwerke nutzen Infra für die kommunale Wärmeplanung und den Fernwärmeausbau. Mit der Plattform gelingt es, die komplexen Anforderungen der Wärmewende zu bewältigen – von der BEW-Studie über Abwärmeerkundung, Planung und Bewertung von Projektgebieten bis hin zur Visualisierung für Gemeinderäte und den Vertrieb. Infra hilft, die Wärmetransformation gezielt und effizient umzusetzen.

Die Wärmewende wird von vielen Unsicherheiten geprägt. Wie "zukunftssicher" ist Infra – und wie stellen Sie sicher, dass die Software in zehn bis zwanzig Jahren noch die richtigen Antworten liefert?

Das System ist modular aufgebaut und update-fähig. Das heißt, es kann sich flexibel an neue Anforderungen und vor allem an die Anforderungen der Kunden anpassen. Wir wollen, dass die Stadtwerke eine Software haben, die ihnen nutzt, die ihnen das Leben leichter macht und die hohe Akzeptanz über die gesamte Wertschöpfung erfährt.

Mit flexiblen Parametern und offenen Schnittstellen bleibt es anpassungsfähig für neue Daten, Technologien und Marktanforderungen. Gleichzeitig sorgen ISO-zertifizierte Prozesse für eine sichere und revisionsfeste Datenverarbeitung. Das Tool ist damit nicht nur für die heutigen Anforderungen gemacht, sondern auch für die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte.

Das Interview führte Artjom Maksimenko