Agri-PV-Anlage in Kressbronn am Bodensee. Laut dem Betreiber ist es die größte ihrer Art über Äpfeln in Europa.

Agri-PV-Anlage in Kressbronn am Bodensee. Laut dem Betreiber ist es die größte ihrer Art über Äpfeln in Europa.

Bild: © SONNTAG Energy

Die Agri-Photovoltaik (Agri-PV), also Solarstrom über bewirtschafteten Äckern, Weiden und Obstplantagen, hat zwei bekannte Namen verloren: Im Oktober 2025 meldete der Dachauer Anbieter Grid Parity Insolvenz an, am 5. Oktober 2026 folgten zwei Tochtergesellschaften von Next2Sun aus Dillingen (Saarland).

Beide machen vor allem die Politik verantwortlich, allen voran den Agri-PV-Bonus, der seit zwei Jahren auf die Freigabe aus Brüssel wartet. Doch es gibt auch Gegenbeispiele: Das Lindauer Startup Sonntag Energy baut in diesem Jahr sieben Anlagen, drei davon stehen bereits.

Sonntag-Energy-Mitgründer Mark Kugel lässt die Politik nicht als alleinige Erklärung für die Pleitewelle in der Branche gelten. "Eine angekündigte Förderung, die nicht kommt, ist noch schlimmer als gar keine, weil dann jeder wartet“, sagt er zwar im Gespräch mit der ZFK. Am Ende müssten Unternehmer aber unter den gegebenen Bedingungen bestehen. Sonst gäbe es gar keine Projektierer mehr.

Raus aus der EEG-Hängematte

Kugel kennt die Wartezeit aus eigener Erfahrung. Sonntag Energy startete im Februar 2024, drei Monate vor dem Solarpaket I, das höhere Vergütungen für Agri-PV vorsah. Dann hieß es: "Es muss nur noch kurz durch die EU."

Nach sechs Monaten zog das Team die Konsequenz. "Wir haben uns nicht in die EEG-Hängematte gelegt", sagt Kugel. Es plante fortan nur Projekte, die sich mit den heutigen Vergütungen rechnen.

Die Antwort heißt Batteriespeicher. Solaranlage und Speicher teilen sich Trafostation und Netzanschluss, das spart Kosten. "Die PV bringt die Sicherheit über das EEG, der Speicher die Rendite obendrauf", sagt Kugel. Sechs der sieben Anlagen erhalten sogenannte Graustromspeicher, die auch Netzstrom laden und später vermarkten können.

Mark Kugel ist Mitgründer des Agri-PV-Unternehmens Sonntag Energy.Bild: © SONNTAG Energy

Die PV bringt die Sicherheit über das EEG, der Speicher die Rendite obendrauf.

Mark Kugel

Mitgründer, Sonntag Energy

Hausbank statt Projektfinanzierer

Der zweite Unterschied liegt im Eigentum. Viele Projektierer pachten Flächen und betreiben die Anlage selbst, der Landwirt erhält nur die Pacht. Bei Sonntag Energy kauft er die Anlage und behält die Erlöse.

Den Anstoß gab der regionale "Maschinenring", eine Organisation, über die Landwirte sich Maschinen teilen. Kugel wollte wissen, ob Landwirte Agri-PV-Anlagen selbst besitzen können. "Wir wollten den Landwirt in der Wertschöpfung nicht ganz unten haben, sondern ganz oben."

Das verändert die Finanzierung. Bei einer klassischen Projektgesellschaft bürgt im Wesentlichen das Projekt selbst für den Kredit. Die Hausbank des Landwirts bewertet dagegen auch Hof und Maschinen.

Wie anfällig Projektfinanzierungen sind, zeigt der mittlerweile zahlungsunfähige PV-Anbieter Grid Parity: Als die Förderung unsicher wurde, zogen Banken nach Unternehmensangaben ihre Zusagen zurück. Aus der Insolvenz übernahm Sonntag Energy die Markenrechte. für die Website und laufende Anfragen. Kugel vermutet, der einstige Konkurrent sei mit Balkonsolar und Carports zu breit aufgestellt gewesen: "Man darf sich nicht verzetteln."

Tracker holen die teuren Stunden

Technisch setzt das Unternehmen auf Tracker, also Module, die der Sonne folgen. Sie erzeugen laut Kugel rund 25 Prozent mehr Strom, und zwar vor allem morgens und abends, wenn er teurer ist. Eine interne Auswertung der Börsenpreise für 2025 ergab im Schnitt rund 1,3 Cent pro Kilowattstunde (kWh) mehr als der Marktwert für Solarstrom. Deshalb sind 80 Prozent der Anlagen in Planung und Bau Tracker.

Über Sonderkulturen kommen weitere Vorteile hinzu. Seit 2022 beforscht das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) eine Pilotanlage über Äpfeln auf dem Obsthof Bernhard in Kressbronn am Bodensee. Nach zwei Jahren Messungen sparte der Betrieb dort 70 Prozent Pflanzenschutzmittel ein. In Überlingen (Baden-Württemberg) entsteht nun nach Unternehmensangaben die erste Tracker-Anlage über Erdbeeren in Europa.

Lieferkran mit Batteriespeicher in einer Agri-PV-Anlage.
Der Batteriespeicher für die Agri-PV-Anlage in Kressbronn wird geliefert. Für die Wirtschaftlichkeit spielt er eine entscheidende Rolle.Bild: © SONNTAG Energy

Drei Kühe reichen nicht

Was Agri-PV genau ist, bleibt in der Branche derweil weiterhin umstritten. Kritisch sieht Kugel, dass manche Akteure den Begriff möglichst weit auslegen wollen. Die bisher dafür relevante Spezifikation DIN SPEC 91434 wird gerade in eine Norm überführt, Kugel ist in den zuständigen Ausschuss eingebunden.

Der Streit um die Definition ist dabei auch theoretischer Natur. "Solange keine Privilegien dranhängen, ist das Wortklauberei", sagt Kugel. Doch man müsse sich im Einzelfall fragen, wo der Unterschied zwischen Agri-PV und einer normalen Freiflächenanlage liege: Drei Kühe unter einer Großanlage seien keine ernsthafte Landwirtschaft.

Hätte der Bonus von 2,5 Cent je kWh gegolten, wäre eine 50-Megawatt-Anlage als Agri-PV aus seiner Sicht "eine deutliche Überförderung". Den Aufschlag von 0,5 Cent, den der Referentenentwurf zur EEG-Novelle mittlerweile vorsieht, hält Kugel für kleine Anlagen dagegen für fair, weil er strukturelle Nachteile ausgleicht.

Elektrifizierung in der Landwirtschaft

Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme beziffert das Agri-PV-Potenzial in Deutschland auf 500 Gigawatt. Theoretisch richtig, sagt Kugel, doch der Engpass sei das Netz. Mit Netzbetreibern verhandelt das Unternehmen deshalb flexible Anschlussverträge, bei denen sie einen Tag vorher melden, wann der Speicher nicht laden soll.

In fünf Jahren werde Agri-PV für Landwirte, die selbst investieren wollen, der Standard sein, sagt Kugel. Im kommenden Jahr will Sonntag Energy 15 bis 20 Anlagen bauen. Auch das Team aus bisher neun Beschäftigten soll wachsen.

Für Landwirte hat Kugel dabei eine Vision: Künftig soll der Strom aus der Agri-PV-Anlage stärker Fahrzeuge und Geräte auf dem eigenen Hof antreiben. Aufwind sieht der Unternehmer auch durch die aktuell wieder hohen Gas- und Ölpreise. Ein Obstbetrieb mit rund 80.000 Euro Dieselkosten im Jahr frage sich plötzlich, warum er die noch zahle, so Kugel. Zugleich kämen immer mehr elektrische Nutzfahrzeuge auf den Markt.

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