Der promovierte Physiker Gerald Linke ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW).

Der promovierte Physiker Gerald Linke ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW).

Bild: © Tatiana Back Kurda

In diesen Wochen blicken wir auf ein Jahr Corona in Deutschland zurück. Wie ist die Gas- und Wasserbranche durch die Krise gekommen?

Gerald Linke: Unsere Branche ist verglichen mit anderen bisher gut durch die Krise gekommen. Dieser Zustand hält bis zum heutigen Tage an. Das Wichtigste ist: Wir sichern die Versorgung der Bevölkerung in Krisenzeiten zuverlässig mit Gas und Wasser. Den Versorgungsunternehmen ist es trotz ihrer unterschiedlichen Größe, regionalen Lage und operativen Organisation gelungen, ihre Arbeitsabläufe auch reibungsarm weiterzuführen. Unsere Branche agiert flexibel und professionell. Hierzu haben vor allem eine schnelle Anpassung der Prozesse, beispielsweise durch eine weitere Digitalisierung, sowie die bestehenden Krisenreaktions-Konzepte, allen voran das Technische Sicherheits-Management des DVGW, beigetragen. Interessant ist in diesem Zusammenhang unsere Untersuchung über das Gesamtbild: Welche Auswirkungen hat Corona für die Absätze, die technischen Abläufe oder das Arbeitsleben? Der DVGW hat dies für die Gas- und Wasserbranche ganzheitlich betrachtet, die Ergebnisse sind auf unserer Website veröffentlicht.

Alle Welt spricht im Moment über Wasserstoff. Welche Rolle spielt dieser Energieträger beim DVGW konkret und in der Branche im Allgemeinen?

Linke: 2021 ist das entscheidende Wasserstoff-Jahr. Die Nationale Wasserstoffstrategie wurde letztes Jahr verabschiedet – das war gut und richtig. Dieses Jahr geht es darum, konkrete Rahmenbedingungen auf den Weg zu bringen, sie politisch umzusetzen und den Markthochlauf zu beschleunigen.  Wichtig ist auch, dass Deutschland – ebenso wie die EU – die Bedeutung von Wasserstoff im Wärmemarkt anerkennt. Nur so kann Deutschland die Klimaschutzziele erreichen und technologischen Mehrwert schaffen, der auch international Maßstäbe setzt und langfristig wirtschaftliche Exporterträge sichert. Aus Theorie muss nun Praxis werden. Der DVGW hat früher als andere erkannt, welches enorme Potenzial Wasserstoff in den Sektoren Wärmemarkt, Industrie und Mobilität hat. Unsere Branche bietet eine hervorragende Zielstruktur für zukunftsfähige Investitionen. Das Fernleitungs- und Verteilnetz der deutschen Gaswirtschaft mit einer Gesamtlänge von über einer halben Millionen Kilometern ist prädestiniert für Transport und Speicherung von Wasserstoff. Ertüchtigungen bei der H2-Umstellung sind technisch möglich und werden bereits praxistauglich im Regelwerk für die Branche festgeschrieben. Wir selbst investieren beim DVGW 15 Millionen Euro in den kommenden Jahren und stellen im Rahmen unseres Innovationsprogramms zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein, die insbesondere unsere Forschungskompetenz zu Wasserstoff weiter stärken werden.

Die vergangenen Sommer waren geprägt von Trockenheit in Deutschland, in einzelnen Regionen mit teilweise gravierenden Auswirkungen. Wie wird die Lage in diesem Jahr sein und wie wirkt sich diese Situation auf die Trinkwasserversorgung aus?

Linke:  Ausgeprägte Hitze- und Dürreperioden haben spürbare Auswirkungen auf die Branche. Den Versorgern stehen aufgrund ausbleibender Niederschläge weniger Ressourcen zur Verfügung; zugleich steigt bei hohen Temperaturen der Wasserbedarf signifikant an. Diese Maximalauslastung der Versorgungssysteme bedeutet einen Stresstest für die Branche. Da sich zwar mit Stand heute die Pegelstände zahlreicher Talsperren gefüllt haben, die Grundwasser-Spiegel vielerorts jedoch zu niedrig sind, wird das Thema Trockenheit die Wasserversorger auch 2021 beschäftigen. Um sich ein genaues Bild von der Situation machen zu können, hat der DVGW das “Aktionsprogramm Trockenheit” aufgelegt. Es umfasst auch das Update zu einer im Sommer 2020 erstmals erhobenen Umfrage unter unseren Mitgliedsunternehmen ebenso wie zielgerichtete Forschungsvorhaben zur Klimawandel-Anpassung. Die Branche selbst tut viel dafür, eine gesicherte Trinkwasserversorgung auch unter veränderten Vorzeichen des Klimawandels zu gewährleisten, zum Beispiel durch optimierte Verteilung und effizientere Nutzung der Ressource. Das allein wird aber nicht mehr ausreichen. Es kommt in Zukunft sehr darauf an, den Vorrang für die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser politisch durchzusetzen, gerade auch, wenn die Nutzungsansprüche sich ändern. Insbesondere Wasserkonkurrenzen im Umfeld von Metropolen, aber auch gestiegene Ansprüche von Landwirtschaft und Industrie dürfen nicht zu Lasten der öffentlichen Wasserversorgung gehen. Wir sind hierzu im engen Austausch mit den Wasserbehörden, um durch eine konsequente Anwendung des Wasserrechts etwa einer größeren Planungssicherheit für die Branche zu erwirken. Über die Potenziale von Wasserstoff, die Ertüchtigung der Infrastrukturen auf der Gasseite ebenso wie Zukunftsmodelle für die Herausforderungen der Wasserversorgung angesichts des Klimawandels und steigender Schadstoffeinträge diskutieren wir mit Politik, Wissenschaft und Wirtschaft auf der Gat/Wat 2021. (amo)

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