Die VNG-Biogastochter ist auf Wachstumskurs (Symbolbild).

Die VNG-Biogastochter ist auf Wachstumskurs (Symbolbild).

Bild: © Adobe Stock/LianeM

Von Ariane Mohl

Die Biogasbranche wartet dringend auf positive Signale aus Berlin. "Wir brauchen kurzfristig eine Anhebung des jährlichen Ausschreibungsvolumens auf 1800 Megawatt", forderte der Präsident des Fachverbandes Biogas, Horst Seide, im Rahmen einer Pressekonferenz. Seide warnte eindringlich davor, dass bis zu 10 Prozent der Anlagen aus dem Markt gehen könnten, wenn die "Restampel" hier nicht schnell zu einer Lösung kommt.

Das Problem: Biogasanlagen, deren erste Vergütungsperiode im EEG nach 20 Jahren endet, fallen aus der Vergütung. Zugleich sind die Biomasse-Ausschreibungen massiv überzeichnet. Im Ergebnis, so Seide, sei der Betrieb dieser Biogasanlagen nicht mehr wirtschaftlich.

Um den Betreibern eine Perspektive zu geben, macht sich der Fachverband auch für eine Erhöhung des Flex-Zuschlags von heute 65 auf 120 Euro je installiertem Kilowatt und Jahr stark. Mit diesen Anpassungen im EEG könne seine Branche 12 Gigawatt sichere und flexible Leistung bis 2030 bereitstellen.

Geringe Erwartungen

Mit einem schnellen Durchbruch für die Branche rechnet Seide indes nicht. Es sei mehr als unwahrscheinlich, dass das von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zuletzt für den Herbst ankündigte Biomassepaket noch kommen werde. Man hoffe aber dennoch, dass die Politik "aus energiepolitischen Gründen" der Biogasbranche wenigstens bei dem Ausschreibungsvolumen entgegenkomme. Man müsse im Grunde nur eine Zahl im Gesetz ändern, sagte Seide.

Klar wurde bei der Pressekonferenz auch, dass die großen Hoffnungen der Branche auf einem Regierungswechsel ruhen. Die jahrelange "Diskriminierung der Biomasse" durch die Ampelparteien würde unter einer Unionsgeführten Regierung aufhören, vermutet Seide. "Das heißt aber nicht, dass dann goldene Zeiten ausbrechen werden", fügte er hinzu. Aber die Branche hätte dann wenigstens wieder die Chance, sich unter fairen Bedingungen dem Wettbewerb zu stellen und gleichberechtigt am Markt teilzunehmen.

Wärmeversorgung auf dem Land in Gefahr

Sollte die "Diskriminierung" aufrechterhalten, sieht Seide nicht zuletzt die Wärmeversorgung im ländlichen Raum in Gefahr. Viele Biogasanlagen würden inzwischen zu Biomethan aufbereitetes Biogas ins Erdgasnetz einspeisen – trotz schwieriger Rahmenbedingungen. "Diese Entwicklung darf nicht durch unklare Regelungen beim Netzanschluss behindert werden", forderte Seide. Diskussionen über eine Stilllegung des Gasnetzes würden zu großer Verunsicherung führen. Die Politik müsse sich klar für den Erhalt der bestehenden Gasinfrastruktur einsetzen und nicht ohne Not Infrastrukturen abwickeln, die man vergleichsweise günstig umnutzen könne.

Auf die kontroversen Debatten über die Schuldenbremse angesprochen, bezeichnete Seide diese auch als großes Hindernis für die Biogasbranche. Mit Blick auf ein neues Strommarktdesign brauche es auch neue Infrastrukturen und in diese werde nur investiert, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Seides Credo auch hier: Die Nutzung von Biogas sei auf lange Sicht günstiger als der Einsatz von Fossilen. Insofern sei es auch mit Blick auf den Haushalt sinnvoll, viel stärker dessen Potenzial zu heben.  

Biogas als Preisbremse

Seide stützte seine Argumentation auf aktuelle Zahlen. Anfang November sei der Börsen-Strompreis in der Dunkelflaute auf 80 Cent pro Kilowattstunde gestiegen. In den ersten 18 Tagen im November sei Biogas nach der Windenergie mit 1769 Gigawattstunden eingespeistem Strom die mit Abstand leistungsstärkste erneuerbare Energiequelle gewesen, erläuterte der Verbandschef.

Christoph Spurk, der Vizepräsident des Fachverbands, wies in der Debatte auch auf die Frage der Unabhängigkeit der heimischen Energieversorgung hin. Spätestens seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine sei klargeworden, wie wichtig die Verfügbarkeit von Strom, Wärme und grünem Gas aus heimischen Quellen sei.

Standort Deutschland bedroht

Zudem laufe Deutschland Gefahr, dass mit der Biogasbranche auch die letzte Erneuerbaren-Sparte wegbreche, wenn nicht sehr zügig klare Entscheidungen getroffen werden. "Wir waren in Deutschland bei der Windenergie führend – und haben den Markt hergeschenkt; wir waren bei der Solarenergie Pioniere – und kaufen nun Module aus Asien. Noch sind wir Weltmarktführer beim Biogas, wir beschäftigen 50.000 Menschen mit einem Umsatz von 13 Mrd. Euro pro Jahr – das dürfen wir nicht auch noch aufgeben." Um diese Position zu halten, brauche es einen funktionierenden Heimatmarkt.

"Wir dürfen nichts abbauen, bevor etwas Neues aufgebaut ist", resümierte Seide – und wiederholte seine dringende Forderung an alle Parteien, den bestehenden Biogasanlagen-Park als wertvollen Teil des Energieversorgungssystems weiterzuentwickeln. "Die Weichen werden jetzt gestellt. In ein paar Jahren könnte es zu spät sein. Denn wenn die Anlagen erst abgeschaltet sind, werden sie nicht mehr hochgefahren – und dann brauchen wir noch mehr fossile Gaskraftwerke."

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