Die Höhe der Gasnetzentgelte in Deutschland variiert teils stark.

Die Höhe der Gasnetzentgelte in Deutschland variiert teils stark.

Bild: © Daniel Reinhardt/dpa

Vom baldigen Ende des Gasverteilnetzes wollte Eric Ahlers, Leiter Strategie und Gremien, Netze BW nichts wissen. "Mir wäre es lieber, bei der Wärmewende die Chancen zu sehen." Viele Gasnetzbetreiber beteiligten sich bereits am Gasnetzgebietstransformationsplan (GTP). Sie planen damit bereits das Netz für den Fall, dass der Wasserstoffhochlauf real wird.

So teste etwa Netze BW gerade in einem Reallabor, wie 30 Prozent Wasserstoff in einem Erdgasnetz transportiert werden können. Außerdem seien die Preise des zukünftigen Wasserstoffes noch unklar. "Wir sollten versuchen, die Optionen zu sehen und offenzuhalten. Und nicht zu schnell durch politische Vorgaben uns Möglichkeiten zur Dekarbonisierung zu verbauen", sagte Ahlers.

Datenschatz durch Wärmeplanung

Für Stefan Mischinger, Senior Manager beim Büro für Energiewirtschaft und technische Planung (BET) wird die kommunale Wärmeplanung eine zentrale Rolle übernehmen. BET führe Studien zur Wärmeplanung durch und versuche dabei auch, die gesamte Bandbreite an technischen Möglichkeiten abzubilden. "Dabei entsteht auch ein Datenschatz, der für weitere Studien nutzbar ist", so der Ingenieur.

"Das Wasserstoff wird bei vielen Haushalten nicht ankommen", nahm Barbara Saerbeck, Projektleitung Grundsatzfragen, Agora Energiewende, den Wasserstoffbefürwortern etwas Wind aus den Segeln. In den Ballungszentren sollten die Versorger vor allem auf Fernwärme- und Nahwärmenetze setzen.

Konkurrierende Netze

"Wir wollen verhindern, dass konkurrierende Netze entstehen", so die Expertin. "Da konkurrieren auch die Kunden untereinander und es fehlt die Planungssicherheit." Politik und Wirtschaft müssten jetzt die Zeit nutzen, um Planungssicherheit zu schaffen, damit Kunden wissen, ob sie mit Fernwärme, Wärmepumpe, Wasserstoff rechnen können. "Die Kunden sollen auch vor Fehlinvestitionen geschützt werden", so Saerbeck.

"Gasnetze wurden auch anhand der Zahlungsbereitschaft der Kunden entwickelt", entgegnete Ahlers. "Wie niedrig muss der Wasserstoffpreis sein, damit eine BASF in Deutschland bleibt?" Wenn der Preis günstig genug sei, dann würde Wasserstoff auch in anderen Anwendungsbereichen zum Tragen kommen.

Wasserstoffnetz für die BASF

"Wenn wir die Haushaltskunden kategorisch ausschließen, machen wir etwas falsch", so der Vertreter von Netze BW. weiter. Außerdem werde der Fachkräftemangel noch schlimmer. "Wie sollen wir den Einbau von Wärmepumpen dann hinkriegen? Das ist unrealistisch."

"Wenn wie bei BASF schon ein Wasserstoffnetz vorhanden ist, warum sollen wir da keine Haushalte mit anschließen?" fragte auch Mischinger. "Wenn ich über Wärmepumpen nachdenke, setzt das zunächst einen massiven Strom-Ausbau voraus." Die Umrüstung der Erdgasnetze auf Wasserstoff sei auch aufwendig, betonte der BET-Berater. "Wir sollten diese Technologien nicht gegeneinander ausspielen."

Verbindliche kommunale Planung

"Wir müssen jetzt die Handwerkerschulen stärken, damit der Wärmepumpen-Einbau gelingt", zeigte sich Saerbeck hartnäckig. "Dazu müssen wir mehr serielle Prozesse ermöglichen, mehr Einwanderung zulassen und Gewerke stärken." Die Wärmepumpe funktioniere übrigens durchaus auch in alten, unsanierten Gebäuden gut. Das habe Agora Energiewende in einer Studie herausgefunden.

Es brauche einen technologieoffenen Einstieg in den Prozess, erklärte dagegen Rainer Stock, Bereichsleiter Netzwirtschaft, Verband kommunaler Unternehmen (VKU). "Uns liegt viel daran, dass wir die kommunale Wärmeplanung verbindlich machen. Darin soll sich die optimale Lösung vor Ort herausstellen."

Auf dekarbonisierte Gase setzen

Diese Lösung könne auch darin bestehen, dass die Versorger in einzelnen Fällen auf dekarbonisierte Gase setzten. "Das kann neben Wasserstoff auch Biomethan sein", sagte Stock. "Bei altem Gebäudebestand kommen wir allein mit Wärmepumpe nicht voran. Dort kann auch nicht jedes Mal für mehrere zehntausend Euro saniert werden. Damit überfordern wir viele und verlieren so auch die soziale Akzeptanz."

Die kommunale Wärmeplanung sei der richtige Ort, wo Entscheidungen getroffen werden, bekräftigte Mischinger. "Die Frage der Wirtschaftlichkeit ist dabei entscheidend. Die Möglichkeit von Abschreibungen auf alte Anlagen könnte hier ein sinnvolles Mittel sein." Deswegen brauche es verbindliche politische Vorgaben.

Auslaufende Konzessionen

"Wir sollten mit der Planung vor Ort anfangen und erste Lösungsansätze ausprobieren", sagte Stock vom VKU. "Außerdem brauchen wir Instrumente für Verteilnetzbetreiber, um schneller aus der Gasnetzinfrastruktur auszusteigen." Es sei unredlich zu behaupten, dass es im Jahr 2045 noch Gasnetze in der gleichen Länge geben werde.

Doch der Verbandsvertreter sah noch eine andere Schwierigkeit: "Was machen wir, wenn Gasnetzkonzessionen auslaufen und sich niemand drauf bewirbt? So unwahrscheinlich ist das nicht", warnte er und kündigte an, dass der VKU zum Jahresende ein entsprechendes Gutachten veröffentlichen werde.

Synergien zwischen Gas- und Wasserstoffnetz

Ein Problem stelle hier auch der Entflechtungsrahmen dar, den die EU angedacht habe. "Gas- und Wasserstoffnetze sind eng verzahnt. Deshalb braucht es einen gemeinsamen Regulierungsrahmen." Stock zeigte sich jedoch zuversichtlich, dass die Verbände die Entflechtung verhindern könnten. "Spartenübergreifende Konzessionen würden Chancen für Unternehmen schaffen, sinnvoll zu wirtschaften", bestätigte auch BET-Berater Mischinger.

"Entscheidend wird es sein, die Diskussion mit Kunden zu führen, wo Synergien zwischen Gas- und Wasserstoffnetz möglich sind", ergänzte Ahlers von Netze BW. "Die Entflechtung würde uns da erheblich stören. Die meisten Kunden hängen am Verteilnetz. Die Netzbetreiber bekommen erhebliche Probleme im Kontakt mit den Kunden, wenn es zur Entflechtungslösung kommt." (jk)

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