Wasserstoffspeicher werden eine zentrale Rolle im zuküntigen Energiesystem einnehmen. Doch potenzielle Geldgeber zögern. Im ersten Teil des großen ZfK-Interviews erklärt Sebastian Heinermann, Chef des Speicherverbandes Ines, was Investoren abschreckt und was die Politik nun tun muss, um das Thema voranzubringen.
Wie könnte eine langfristige Strategie aussehen, um Investitionen in Wasserstoffspeicher auch nach der Markthochlaufphase attraktiv zu halten?
INES schlägt vor, Differenzverträge mit regulierten Referenzerlösen im Markthochlauf als Marktrahmen politisch zu setzen, um Investitionen in Wasserstoffspeicher abzusichern. Aus den Differenzverträgen heraus lässt sich zum späteren Zeitpunkt ein Wasserstoffspeichermarkt entwickeln. Das ist sinnvoll, weil Speicher anders als das Netz kein natürliches Monopol darstellen und deshalb grundsätzlich marktwirtschaftlich und von Netzen getrennt entwickelt und betrieben werden sollten.
Zu Beginn des Markthochlaufs könnte der Bedarf für Wasserstoffspeicherkapazitäten auf Basis von Szenarien, beispielsweise den BMWK-Langfristszenarien ermittelt werden, weil der Markt keine ausreichenden Investitionsanreize aussendet beziehungsweise bisher ausgesendet hat. Mit diesem Ansatz kann sichergestellt werden, dass Wasserstoffspeicherkapazitäten im Vorgriff auf einen sich wahrscheinlich marktwirtschaftlich ergebenden Bedarf vorausschauend entwickelt werden.
Ob das bisherige Marktmodell für Gasspeicher vor dem Hintergrund der bereits geschilderten Problematik bei der Absicherung von Extremsituationen ausreichend ist, wird noch zu diskutieren sein. Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass es eine ähnliche Diskussion wie beispielsweise bei Kraftwerken und zu einem möglichen Kapazitätsmarkt geben wird. Das lässt sich aber noch nicht absehen und ist vielleicht auch noch zu früh. Wichtig ist, dass es uns nun zunächst einmal gelingt, Investitionen in Wasserstoffspeicher zu realisieren.
Welche Erfahrungen aus anderen Ländern oder aus dem Energiesektor könnten für den Aufbau eines Wasserstoffspeichermarktes in Deutschland genutzt werden?
Ich habe den Eindruck, dass viele auf Deutschland schauen und nicht anders herum. Auf Deutschland entfallen 80 Prozent der in der EU installierten Kavernenspeicherkapazitäten. Dieser große Anteil ist entstanden, weil Deutschland in der EU über das beste geologische Potenzial zur Entwicklung solcher Kavernenspeicher verfügt. Gerade Kavernenspeicher sind es, die nach aktuellem Forschungsstand hervorragend für die Speicherung von Wasserstoff geeignet sind. Deutschland kommt also eine Führungsrolle zu, was das Thema anbelangt. Wir tun aber noch zu wenig, um diese Rolle auch tatsächlich einzunehmen.
Welche regulatorischen Hürden müssen für den Ausbau von Wasserstoffspeichern in Deutschland noch überwunden werden?
Im Vordergrund sollte jetzt die Frage eines Finanzierungskonzeptes stehen. Die Regulierung muss am Ende am Finanzierungskonzept ausgerichtet werden. Konkret heißt das, dass die Operationalisierung von Differenzverträgen eine regulatorische Kostenprüfung erfordert. Entschließt sich die Bundesregierung, Differenzverträge für Wasserstoffspeicher im Hochlauf zu nutzen, muss der Regulierungsrahmen eine solche Kostenprüfung vorsehen.
Gibt es bei der Wasserstoffspeicherung auch noch offene technische Fragen?
Insbesondere im Bereich der Porenspeicher bestehen noch grundsätzlichere Fragestellungen. Allerdings wird auch in diesem Bereich bereits heute viel geforscht. Bei Kavernenspeichern sind die technischen Fragen weitestgehend geklärt. Es befinden sich Anlagen in der Bauphase und werden teilweise sogar schon mit Wasserstoff befüllt, sodass hier in den nächsten Jahren bereits praktische Erfahrungen mit dem Betrieb gesammelt werden können. Es fehlt letztlich an den Erfahrungen mit Anlagen in kommerzieller Größenordnung vergleichbar zu einem Gasspeicher. Bislang sprechen wir im Wesentlichen nur über Pilot- beziehungsweise Forschungsprojekte.
Hoffen Sie darauf, dass eine neue Bundesregierung das Thema Wasserstoff und dessen Speicherung stärker voranbringen wird? Die Union hat beim Wasserstoff ja einen breiteren, technologieoffenen Ansatz als die Ampel ihn hatte.
Ein marktwirtschaftlicher Ansatz ist in der Regel vernünftig. Über wettbewerbliche Strukturen bilden sich kosteneffiziente Preise. Wasserstoff muss nach dem Markthochlauf ein wettbewerbsfähiges Produkt sein, dass sich marktwirtschaftlich durchsetzt. Daran bestehen keine Zweifel.
In der Hochlaufphase ist diese Herangehensweise allerdings nicht sinnvoll. Wenn Deutschland sich als starker Akteur in Sachen Wasserstoff positionieren möchte, muss der Staat über Förderinstrumente Anschub geben. Darauf aufbauend können sich Strukturen bilden, die uns als Land Wettbewerbsvorteile im europäischen und vielleicht auch internationalen Wettbewerb verschaffen. Die Markthochlaufphase muss allerdings von Anfang an auf Kosteneffizienz zugeschnitten werden. Eine strukturierte und wettbewerbsorientierte Vergabe von Differenzverträgen bei Wasserstoffspeichern behält das im Blick.
Am Ende will keiner eine Industrie subventionieren, die bei Wegfall der Fördermittel abwandert. Gerade bei Wasserstoffspeichern besteht diese Gefahr allerdings nicht. Wenn Wasserstoffspeicher einmal im Untergrund errichtet wurden, ziehen sie nicht in ein anderes Land um. Sie bringen auf Dauer Flexibilität in den deutschen Wasserstoffmarkt und ermöglichen damit vielleicht sogar die Ausprägung eines Leitmarktes mindestens im EU-Binnenmarkt.
Das Interview führte Ariane Mohl



