Jorgo Chatzimarkakis ist Chef von Hydrogen Europe. Der Verband vertritt die europäische Industrie, Forschung sowie nationale und regionale Verbände im Wasserstoff- und Brennstoffzellensektor.

Jorgo Chatzimarkakis ist Chef von Hydrogen Europe. Der Verband vertritt die europäische Industrie, Forschung sowie nationale und regionale Verbände im Wasserstoff- und Brennstoffzellensektor.

Bild: © Hydrogen Europe

Seit dem 1. Februar 2016 ist Jorgo Chatzimarkakis Generalsekretär beim Verband Hydrogen Europe in Brüssel. Im Interview spricht der frühere FDP-Politiker über die Erwartungen der Branche an die neue Bundesregierung, die Zukunft der Grüngasquote und den harten Konkurrenzkampf um Wasserstoff.

Herr Chatzimarkakis, die Bundestagswahl ist vorbei und eine Große Koalition scheint wahrscheinlich. Welche Auswirkungen erwarten Sie für den Wasserstoffhochlauf in Deutschland?

Auf jeden Fall mehr Pragmatismus. Deutschland muss die Klimaziele ohnehin einhalten, die Union möchte die Wirtschaft ankurbeln, bei Einhaltung der Ziele, und braucht dabei mehr Flexibilität. Die SPD will Arbeitsplätze sichern. Da wesentliche Grundlagen, zum Beispiel das Kernnetz, gesetzlich gelegt wurden, lässt sich darauf in einer neuen Bundesregierung hervorragend aufbauen.

Wie bewerten Sie die bisherigen Positionen der potenziellen Koalitionspartner in Bezug auf Wasserstoff? Sehen Sie eher Rückenwind oder Bremsspuren?

Glücklicherweise sehen wir hier Rückenwind aus besagten Gründen. Eine Re-Industrialisierung Deutschlands ist dringend notwendig, dies geht nur, in dem einige ideologische Verengungen auf wenige Technologien nunmehr aufgehoben werden. Es gibt sehr viele komplexe und unnötige Regulierungen, die einem pragmatischen Ansatz nicht standhalten. Allein sich damit zu beschäftigen und derartige sachorientierte Lösungen sehr rasch zuzulassen, wird der Wasserstoffbranche enormen Rückenwind verleihen. Das ist die Erwartungshaltung an die künftige Bundesregierung.

Mit Andreas Rimkus und Bengt Bergt sind zwei Vorkämpfer für die Grüngasquote nicht mehr im neuen Bundestag vertreten. Haben Sie Sorge, dass dieses für die Branche wichtige Thema von der Tagesordnung verschwindet?

Die beiden genannten Abgeordneten haben hervorragende Vorarbeit geleistet. Sie haben in ihren Fraktionen auch wichtige Spuren hinterlassen. Es ist zu erwarten, dass die Arbeit von anderen vielleicht neuen Abgeordneten aufgegriffen wird. Ich setze darauf, dass die neuen Regierungsfraktionen, die besondere Situation, in der der Industriestandort Deutschland steckt, sehr wohl erkannt haben. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass Grünen- und sogar Linken-Abgeordnete aus der Opposition bestimmte Themen unterstützen, der Wasserstoff wird ja nicht nur Klimaziele zu erreichen helfen, sondern auch Arbeitsplätze schaffen. Man muss das in seiner Gesamtheit sehen.

Deutschland hat ambitionierte Wasserstoffziele. Könnte eine Große Koalition für mehr Stabilität und Planbarkeit sorgen – oder drohen Stillstand und Verzögerungen?

Deutschland ist eines der führenden Länder weltweit in der Wasserstoffwirtschaft. Dies ist eine enorme Chance; das ist den neuen Regierenden durchaus bekannt. Insbesondere die neue geopolitische Situation, in der man einem globalen Osten und jetzt ganz neu einem postdemokratischen Westen mit autoritären Zügen gegenübersteht, ergibt sich eine neue Situation, auch im Hinblick auf die globale Klimaschutz-Agenda. Deutschland kann hier durchaus eine führende Rolle übernehmen, wenn es weitere wichtige globale Partner anspricht. Brasilien, Indien, Südafrika und Saudi-Arabien sind Länder, für die der Wasserstoff eine enorme Bedeutung hat und die sich auf Deutschland beziehen. Das darf durch die Infragestellung der Klimaschutzziele jetzt nicht gefährdet werden, sondern sollte ganz im Gegenteil zum Alleinstellungsmerkmal gemacht werden!

Welche politischen Entscheidungen wären jetzt besonders wichtig, um den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft zu beschleunigen?

Ganz zentral sind alle Entscheidungen im Zusammenhang mit der Infrastruktur. Das Kernnetz wurde schon angesprochen, aber die Verknüpfung zwischen dem Gas, dem Strom und dem neuen Wasserstoffnetz sind von herausragender Bedeutung, um unser Energiesystem flexibler und damit günstiger zu machen. Einige ideologische Verengungen haben in der Vergangenheit dazu geführt, dass die enormen Potenziale des Wasserstoffs für die Speicherung und den günstigen Transport von erneuerbarer Energie nicht ausreichend genutzt wurden. Hier besteht jetzt prioritärer Handlungsbedarf, auch im Hinblick auf die Bundesnetzagentur und ein neues, offenbar zu schaffendes Ministerium für Infrastruktur und digitales.

Wie wichtig sind Ihnen als europäischem Verband deutsche Impulse für den Wasserstoffmarkt in Europa? Könnte eine Große Koalition hier eine Führungsrolle übernehmen?

Die Europäische Kommission hat den Clean Industrial Deal vorgeschlagen. Dabei geht es unter anderem um die Schaffung von sogenannten grünen Leitmärkten, insbesondere im Bereich Stahl. Deutschland hat hier eine besondere Vorbildfunktion, da es bereits in die entsprechende Infrastruktur investiert hat, jetzt aber rasch an flexiblen und in der Tat pragmatischen Lösungen arbeiten muss, wie man diese Leitmärkte umsetzen kann. Die bisherige Fixierung seitens des Wirtschaftsministeriums auf wenige Technologien war ein Impuls, aber am Ende auch limitiert. Hier geht es jetzt darum, in Deutschland ganz klar voranzugehen und entsprechende Impulse für die Ankurbelung des EU-Binnenmarktes für saubere Produkte rasch voranzubringen. Insbesondere die Verbindung zwischen sauberem Stahl und der Produktion von Autos in Europa könnte mit so genannten Super-Krediten belohnt werden, die bislang vornehmlich Batterieherstellern außerhalb Europas zukommen. Das vernichtet zurzeit massiv volkswirtschaftliche Stärke und schadet Europa. Hier gilt es, eine Kehrtwende sofort herbeizuführen.

Welche Signale aus anderen europäischen Ländern beobachten Sie? Könnte Deutschland im internationalen Wasserstoff-Wettbewerb ins Hintertreffen geraten?

Die skandinavischen Länder haben verstanden, dass sie sehr starke Produzenten von sauberem und erneuerbarem Wasserstoff werden können. Die bisherige Verzögerung der Abnahme, insbesondere in Deutschland, hat jedoch zu einer Aufschiebung von Infrastrukturmaßnahmen geführt, die nicht förderlich waren. Hier gibt es also einen direkten Zusammenhang zwischen den Aktivitäten in Deutschland und Nordeuropa. Zu einem neuen Schwerpunkt entwickelt sich im Moment die Iberische Halbinsel. Insbesondere Spanien hat viele Initiativen ergriffen, um günstigen Wasserstoff herzustellen, industriell zu nutzen, aber auch nach Europa und insbesondere nach Deutschland zu exportieren. Die spanische Regierung spielt ja eine Vorreiterrolle. Ähnliches kann man über Italien sagen, dass sich im Moment darum bemüht, ein Hub zu werden für den Wasserstoff der aus Nordafrika über die italienische Infrastruktur und Österreich ebenfalls nach Deutschland kommt. Deutschland ist und bleibt der zentrale Markt und kann somit seine eigene Wettbewerbsfähigkeit ausbauen, wenn es den Kurs hält, und durch Pragmatismus beschleunigt.

Die Fragen stellte Ariane Mohl

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