Vor Ort erzeugter, grüner Wasserstoff ist laut Marcus Böske von Energie Südbayern ein wichtiger Baustein der Energiewende.
Im zweitenTeil des großen ZfK-Interviews erläutert der Sprecher der Geschäftsführung, wie der Hochlauf doch noch gelingen könnte und ob nicht womöglich neue Abhängigkeiten drohen.
Grüner Wasserstoff ist aktuell noch rar und teuer. Was sollte die neue Bundesregierung tun, um den Wasserstoffhochlauf zu beschleunigen?
Insgesamt haben wir eine unglaubliche Menge an Verordnungen, Vorschriften und Regelwerken. Schon im Normalbetrieb ist es aufwendig, den Überblick zu behalten. Gerade, wenn Sie etwas Neues machen wollen, stoßen Sie an sehr vielen Stellen ständig an Grenzen, Probleme oder Umsetzungsschwierigkeiten. Die Ressourcen, die Sie im Unternehmen brauchen, um sich mit bürokratischen Themen zu beschäftigen, die gleichzeitig nichts mit dem unternehmerischen Erfolg zu tun haben, sind enorm. Und diese Leute können sich dann natürlich nicht mit Innovation, neuen Ideen und "Out-of-the-Box"-Denken beschäftigen, obwohl alle Agilität fordern.
Ganz konkret für den Wasserstoffhochlauf brauchen wir Ideen, um die Nachfrageseite zu stärken. Da ist zum Beispiel die Grüngasquote eine sehr gute Idee, von der ich hoffe, dass sie aufgegriffen wird. Sie dient nicht nur der Nachfrageseite, sondern führt gleichzeitig auch zu einem Einstieg bei der CO2-Reduzierung in den ganz normalen Endkundenprodukten.
Wir brauchen zudem bilanzielle Möglichkeiten der Wasserstoffbelieferung. Ein Unternehmen, das noch an einem nicht umgestellten Verteilnetz angeschlossen ist, muss die Möglichkeit bekommen, quasi "virtuell" Wasserstoff zu erhalten. Wir haben für den Wettbewerb die Netze und die Energielieferung entkoppelt. Jetzt müssen wir aufpassen, dass sich durch unterschiedliche Transformationsgeschwindigkeiten im Netz und im Vertrieb nicht ein Lock-In-Effekt ergibt und an Wasserstoff interessierte Unternehmen leer ausgehen, weil sie nicht am Wasserstoffkernnetz angeschlossen sind.
Und angesichts unserer guten Erfahrungen bei der Infrastrukturumstellung von Erdgas zu Wasserstoff ist unverständlich, weshalb man an so vielen Stellen über völlig unterschiedliche Regelungen und Vorgaben nachdenkt. Oder sogar Regelungen einführt, die eigentlich nur das Ziel haben können, die Transformation zu verhindern. Weshalb fordert man zum Beispiel im Rahmen einer Kommunalen Wärmeplanung von einem Gasnetzbetreiber verbindliche Zusagen zur Wasserstoffbelieferung, erwartet aber keine Garantien für neu geplante Wärmenetze?
Setzen Sie auf Wasserstoff-Importe oder sollte die heimische Produktion angekurbelt werden, um neue Abhängigkeiten zu vermeiden?
Wir werden auch in Zukunft Energie importieren müssen. Wir dürfen die Transformation unserer Energieversorgung nicht mit Energie-Autarkie verwechseln. Wir brauchen Energie nicht nur im privaten Wohnzimmer, sondern auch in Industrie und Gewerbe. Die entscheidende Frage ist, ob wir es schaffen, den möglichen Energielieferanten und -exporteuren unseren verlässlichen Bedarf aufzeigen zu können. Das gilt besonders beim Wasserstoff, weil es dafür eben auch Investitionen in die entsprechenden Infrastrukturen braucht.
Das Ganze muss mit heimischer Produktion intelligent ergänzt werden. So können Elektrolyseure bei Netzengpässen helfen, Wind- und Sonnenstrom-Abschaltungen zu verhindern und für die entstehende Wärme kann man sich auch interessante Vor-Ort-Nutzungen vorstellen. Vielleicht gelingt es uns bei dem Thema sogar, geopolitische Abhängigkeiten zu reduzieren. Heimische Produktion und die Speicherfähigkeit des Wasserstoffs sind ein hochinteressanter Ansatz.
Eon hat vor einigen Monaten angekündigt, bei seinen Wasserstoffaktivitäten auf die Bremse gehen zu wollen. Der Konzern glaubt nicht, dass damit mittelfristig gute Geschäfte zu machen sind. Sehen Sie das anders?
Bremsen muss man manchmal ja auch einfach nur, wenn man zu schnell unterwegs ist. Sicher hat Eon gute Gründe für diese Entscheidung, die ich persönlich nicht kenne. Wir haben unsere Wasserstoffstrategie aber für unsere Region entwickelt und setzen zum Beispiel bei der Wasserstoffproduktion in den meisten Projekten auch auf Partner außerhalb der Energieversorgung. Das sind etwa Kunden, die für ihre eigenen Bedarfe Wasserstoff als notwendigen Energieträger sehen und ihre spezifischen Erfahrungen mit in die Kooperation einbringen werden. Und gleichzeitig haben wir gute Voraussetzungen mit der Anbindung unserer Infrastruktur an das Wasserstoffkernnetz bei unserem vorgelagerten Transportgasnetzbetreiber.
Sicher haben wir noch viel an den Businessplänen zu arbeiten und werden weitreichende Investitionsentscheidungen treffen müssen. Energiewirtschaftlich sinnvolle Wärmenetze bauen wir auch heute schon und investieren in großem Maß in elektrische Ladeinfrastruktur und erneuerbare Erzeugung. Wir sind aber zugleich davon überzeugt, dass die 10.000 Kilometer Gasverteilnetz in Südbayern erheblich dazu beitragen werden, die Energiewende voranzubringen.
Wo steht Energie Südbayern in zehn Jahren beim Thema Wasserstoff?
Die Aufgabe ist klar: Transformation zur Klimaneutralität und eine bezahlbare, zukunftsfähige und zuverlässige Energieversorgung in der Region. Wir werden uns dabei immer an den Bedarfen und Anforderungen unserer Kunden orientieren. Dabei setzen wir darauf, mit innovativen Projekten und mit wettbewerbsfähigen Preisen Energie zur Verfügung zu stellen. Das hat in den zurückliegenden Energiekrisenjahren sehr erfolgreich funktioniert. Auch in zehn Jahren werden wir unsere Kunden mit Energie beliefern und gehen davon aus, dass neben den fossilen Energieträgern zunehmend Wasserstoff, aber auch Biogas oder Wärmepumpenstrom dazu gehören werden. Wir starten gerade ein regionales Sonnenstrom-Produkt für Privatkunden. Vielleicht vermarkten wir in zehn Jahren regional erzeugten grünen Wasserstoff erfolgreich in unserer Region.
Das Interview führte Ariane Mohl.
Das Interview erschien in gekürzter Form auch im ZfK-E-Paper Mai.



