Als neues Wunderkind im Verkehrssektor gilt vielen grüner Wasserstoff. Wie blicken Sie auf die Debatte? Ist das alles nur ein Hype – oder ist Wasserstoff der entscheidende Schlüssel, um die Klimaziele zu erreichen?
Claus Sauter: Grüner Wasserstoff ist definitiv ein Thema. Ich sehe ihn aber nicht im Personen- oder Güterverkehr. Wasserstoff ist gefährlich und schwer zu händeln. Ich verstehe auch nicht, wo der Vorteil von H2 gegenüber CH4 liegt, wenn das C im CH4 nicht fossil, sondern erneuerbar ist. Biomethan aus Reststoffen ist CH4 und dafür gibt es eine bestehende Infrastruktur: das Erdgasleistungsnetz, geeignete Tankstellen und serienmäßige Fahrzeuge. Letztlich ist es eine Frage der Kosten, Effizienz und Verfügbarkeit. Wir setzen ganz klar auf CH4 und sehen weltweit, dass sich das immer mehr durchsetzt. Wir sagen: erneuerbarer Wasserstoff wird nicht in Reinform als Kraftstoff in Fahrzeugen, sondern als synthetisches CH4 zum Einsatz kommen. Erneuerbarer Wasserstoff kann ganz einfach in einer chemischen Reaktion zusammen mit CO2 zu CH4 umgewandelt werden. Das hat den Vorteil, dass man die vorhandene Erdgasinfrastruktur nutzen kann. Die Lösung ist CH4 als Biomethan aus Reststoffen und als synthetisches Methan.
Verbio will weiter wachsen – national, aber auch international. Was läuft in Nordamerika und Indien besser als in Deutschland?
Die Standortwahl ist immer an eine Kombination von Faktoren geknüpft. Für den Ausbau unserer Biomethan-Technologie bieten sowohl Nordamerika als auch Indien ein riesiges Rohstoffpotenzial. Genauso wichtig ist aber auch die vorhandene Infrastruktur. Obwohl in Indien z. B. Stroh kostengünstig in Hülle und Fülle vorhanden ist und zum Großteil einfach auf den Feldern verbrannt wird, ist die Infrastruktur schwach. In den USA ist Stroh und andere Biomasse teurer, aber die Infrastruktur ist hervorragend. Es geht also nicht nur um billige, verfügbare, ungenutzte Biomasse, sondern um die Gesamtkosten, die sich aus Rohstoffkosten und Infrastruktur zusammensetzen. In beiden Märkten ist CNG-Mobilität auf dem Vormarsch und Biomethan gewinnt dadurch massiv an Bedeutung.
In Indien hat unsere Technologie zusätzlich eine sehr hohe gesellschaftliche Relevanz. Das Land ist bitterarm und kann sich die Energiewende nicht leisten. Der Umweltschutz dort ist nicht mit unseren Standards vergleichbar. Im April und November brennt Indien. Weil es keine andere Verwendung gibt und die neue Saat schnell wieder in den Boden muss, werden Millionen Tonnen Getreide- und Reisstroh zweimal jährlich auf den Feldern verbrannt und produzieren einen unerträglichen Smog, der über den gesamten Subkontinent zieht. Insofern ist unsere Technologie für Indien in zweierlei Hinsicht ein Segen: Wir geben den Bauern die Möglichkeit, überschüssiges Stroh loszuwerden, ohne es zu verbrennen. Gleichzeitig produzieren wir daraus einen Energieträger, der teuer importiertes fossiles Erdgas ersetzt.
Deutschland ist Energie-Importland. Das führt zu Abhängigkeiten und – Stichwort Nord Stream 2 – zu heftigen politischen Konflikten. Wie lokal bzw. regional sind Biokraftstoffe? Oder ist Deutschland auch hier auf Importe im großen Stil angewiesen?
Natürlich trägt die Herstellung von Biokraftstoffen aus den Ressourcen der regionalen Landwirtschaft zur Verringerung von Energieimporten bei. Allerdings würde das vorhandene Rohstoffpotenzial hierzulande nicht ausreichen, um unseren Bedarf an nachhaltiger grüner Energie ausschließlich regional zu produzieren. Wir werden eine Energie-Import-Nation bleiben. Biomethan und auch synthetisches Methan sind globale Megatrends. Europa oder Deutschland sind nicht die einzigen möglichen Zielmärkte. Aus diesem Grund treiben wir die Internationalisierung von Verbio auch voran. Perspektivisch eröffnen uns zum Beispiel unsere Biomethan-Standorte in den USA die Möglichkeit zur Herstellung von BioLNG, das wir dann z. B. nach Deutschland und Europa importieren können. Voraussetzung für diese Energie-Importe ist allerdings ein eigenes deutsches Flüssiggas-Terminal. Es wäre endlich an der Zeit, das zu realisieren.
Wie optimistisch sind Sie, dass Deutschland seine ambitionierten Klimaziele erreichen wird? Und welche Rolle könnten Biokraftstoffe dabei spielen?
Es ist eine Herkulesaufgabe, die gesteckten Klimaziele zu erreichen. Aber ich glaube, dass man es schaffen kann, wenn man zügig die richtigen Maßnahmen ergreift. Im Verkehrssektor werden Biokraftstoffe – insbesondere BioCNG und BioLNG – dabei eine wichtige Rolle spielen müssen; neben Elektromobilität und anderen Alternativen. Wichtig ist, dass die Politik jetzt an den verabschiedeten gesetzlichen Regelungen festhält, ihre einseitige Position bezüglich Elektromobilität überdenkt und korrigiert und die Industrie einfach mal machen lässt. Wir haben gute und wirtschaftlich tragbare Lösungen. Die Politik hat das WAS – also die Ziele bis 2030 – definiert; damit können wir arbeiten. Sie sollte sich nun aus dem WIE – der Umsetzung der Klimaziele – heraushalten. Das ist Aufgabe und Know-How der Industrie. Wir brauchen etwas mehr Vertrauen der Politik in unser Können.
Die Fragen stellte Ariane Mohl.



