Herr Reitz, Strom- und Gaspreise haben in den vergangenen Wochen im Großhandel neue Rekordniveaus erklommen. Wie besorgt ist die EEX über die aktuelle Lage?
Wir sehen momentan ein sehr hohes Preisniveau und zusätzlich eine hohe Volatilität durch die Gaskrise infolge des Ukrainekriegs. Gerade in Zeiten hoher Volatilität ist es wichtig, dass die Handelsmärkte zur Verfügung stehen, um jederzeit Preissignale bereitzustellen. Um dies zu ermöglichen haben wir Vorkehrungen getroffen. Im Fall von außergewöhnlichen Preissprüngen, die einen ordnungsgemäßen und fairen Handel beeinträchtigen können, kann die EEX die Terminmärkte temporär anhalten.
"Während der Unterbrechung des Marktes sehen die Handelsteilnehmer einen indikativen Preis".
Mit einer Unterbrechung des Marktes ist gemeint, dass wir den „Markthochlauf“, der normalerweise nur 5 bis 10 Minuten dauert, um circa ein bis zu drei Stunden verlangsamen. Während dieser Zeit, in der kein Handel möglich ist, sehen die Handelsteilnehmer aber den indikativen Preis, die Preistransparenz für alle europäischen Strom- und Gasterminmärkte ist sichergestellt. Damit geben wir den Handelsteilnehmern ausreichend Zeit, ein neues Marktgleichgewicht zu finden – und damit einen gerechten und geordneten Markt zu sichern.
Immer mehr europäische Länder debattieren über einen Preisdeckel auf Strom und Gas – oder haben ihn in der einen oder anderen Form schon eingeführt. Sind Preisdeckel der richtige Weg?
Preisobergrenzen im Großhandel halte ich für gefährlich. Nehmen wir Australien als Beispiel, wo im Juni in mehreren Bundesstaaten ein Preisdeckel von 300 Dollar pro MWh eingeführt wurde. Die Folge war, dass Stromerzeuger ankündigten, weniger zu produzieren, und die Gefahr von Blackouts stieg - der Marktmechanismus wurde nachhaltig beschädigt. Es gibt sinnvollere Methoden, um Preissteigerungen bei Strom und Gas sozial abzufedern. Denkbar wäre beispielsweise, politisch einen Zielpreis auf Endkundenebene festzulegen und gerade einkommensschwächere Endverbraucher entsprechend zu entlasten. Ein staatlicher Eingriff in die freie Preisbildung am Markt wäre dagegen der falsche Weg.
"Preisdeckel schwächen die Investitionssignale deutlich ab".
Warum ist eine freie Preisbildung am Markt denn so wichtig?
Ein Preissignal ist immer auch ein Investitionssignal, zum Beispiel in neue Erzeugungskapazitäten. Und genau die benötigen wir ja, um langfristig wieder ein besseres Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu finden. Preisdeckel dagegen machen Märkte unattraktiver. Sie schwächen die Investitionssignale deutlich ab. Sie verfestigen damit auch das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, also die Situation eines zu geringen Angebots, das wir ja eigentlich beseitigen wollen.
Eine andere Idee ist, gerade am Gasmarkt ein europäisches Käuferkartell zu bilden und so die Preise zu drücken. Können Sie diesem Vorschlag etwas abgewinnen?
Wenn es politisches Ziel wäre, die Preise zu drücken, dann würde ich immer dafür plädieren, zunächst auf der Angebotsseite Maßnahmen einzuleiten. Die Bundesregierung unternimmt große Anstrengungen, den Bezug von Erdgas zu diversifizieren und so mehr Angebot zu schaffen.
Zusätzlich gibt es mit dem „Safe Gas for a Safe Winter“-Paket nun die Vereinbarung, Einsparungen zu erreichen und den Verbrauch deutlich zu reduzieren. Ein mittelfristig zusätzliches Angebot bei weniger Nachfrage sollte sich dann auch auf die Preise auswirken, dafür bedarf es keiner gemeinsamen Gaseinkäufe aller Mitgliedstaaten.
"Ich kann die Debatte um eine Übergewinnsteuer grundsätzlich verstehen".
Grüne und SPD würden gern auch sogenannte Krisenprofiteure stärker zur Kasse bitten wollen. Zur Debatte steht etwa eine Übergewinnsteuer. Ein guter Vorschlag?
Ich halte schon den Begriff Übergewinn für falsch. Aber ich kann die Debatte grundsätzlich verstehen – einige Firmen machen Verluste, andere machen deutliche Gewinne. Und wenn der Markt vorübergehend einmal für Anbieter sehr attraktiv ist, sollte man das auch zulassen. Denn das führt dazu, dass neue Akteure in den Markt kommen, das Angebot steigt und die Preise wieder sinken.
Wichtig ist, dass alle Akteure die Rahmenbedingungen kennen. Es mag wenig überraschen, dass wir als Betreiber eines Marktplatzes stabile Rahmenbedingungen für wichtig halten. Denn nur dann werden Investitionen getätigt. Zu den stabilen Rahmenbedingungen gehört natürlich auch ein stabiles Steuersystem.
(Die Fragen stellte Andreas Baumer)



