EEX-Vorstandsvorsitzender Peter Reitz

EEX-Vorstandsvorsitzender Peter Reitz

Bild: © EEX

Herr Reitz, geht es nach der Politik, hat der Energieträger Wasserstoff eine große Zukunft vor sich. Dabei gibt es noch gar keinen physischen Markt für Wasserstoff auf europäischer, geschweige denn globaler Ebene.
In der Tat steht der Markt noch am Anfang. Ich teile die Einschätzung, dass Wasserstoff großes Potenzial hat. Auch weil wir ihn brauchen, um unsere Wirtschaft zu dekarbonisieren. In der Stahl- und Chemieindustrie etwa gibt es dazu kaum Alternativen, auch im Wärmesektor ist Wasserstoff eine vielversprechende Dekarbonisierungsoption. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr eine Arbeitsgruppe gegründet, die die Entwicklung eines Marktdesigns von Beginn an begleiten und Handelsprodukte für Wasserstoff entwickeln soll.

Wie weit ist die Arbeitsgruppe?
Das Interesse ist sehr groß. Bei unserem ersten Workshop hatten wir mehr als 120 Teilnehmer aus zwölf Ländern. Dabei ging es auch um die Frage, wie Wasserstoff zukünftig gehandelt werden kann:  als physische Ware oder auch als Herkunftsnachweis. Mittlerweile sind wir in einem zweiten Workshop tiefer ins Thema eingestiegen und haben Vorschläge für einen Wasserstoffindex diskutiert.

Wie lange wird es noch dauern, bis wir Wasserstoff-Handelsprodukte an der EEX sehen?
Das wird sicher nicht in den nächsten Wochen oder Monaten passieren. Noch fehlt ein gemeinsamer Standard, noch ist Wasserstoff auch weit davon entfernt, ein global gehandeltes Produkt zu sein. Ich glaube eher, dass zuerst regionale Märkte entstehen werden und dass es zunächst darauf ankommt, gemeinsam mit dem Markt europäische Standards für Wasserstoff-Handelsprodukte zu entwickeln.

Bis es soweit ist, könnte sich bereits ein komplett außerbörslicher Handel etabliert haben.
Das ist bei neuen Handelssegmenten sogar meistens der Fall gewesen, dass sich Märkte erst außerbörslich entwickelt haben. Grundsätzlich braucht jede Marktform gewisse Standards. Alle starten bei Null, daher werden börslicher und außerbörslicher Handel von der Entwicklung des jeweils anderen gegenseitig profitieren. Ich kann mir vorstellen, dass Broker bei der Entwicklung eines Börsenhandels hilfreich sein können, wenn Händler Wasserstoffgeschäfte auf außerbörslichen Plattformen machen und diese zum Clearing bei uns registrieren, um sich gegen das Kontrahentenausfallrisiko abzusichern. Wir haben den Anspruch, als "First Mover" einen Beitrag zum Aufbau des Marktes zu leisten.

Ein reizvoller Markt scheint sich in Deutschland auch bei sogenannten Power-Purchase-Agreements zwischen Ökostromverkäufern und -abnehmern aufzutun. Wie stellt sich die EEX dort auf?
Langfristige Verträge für die Stromlieferung aus erneuerbaren Energien, die Green PPAs, sind in Kommen, auch in Deutschland. Wir sehen gerade im Bereich der dafür notwendigen Herkunftsnachweise für den grünen Strom viel Potenzial. Das war in Deutschland mit dem Doppelvermarktungsverbot für geförderte Erneuerbaren-Anlagen bislang schwierig, weil nur wenige Anlagen überhaupt Herkunftsnachweise erhalten konnten.

Das aber dürfte sich mit dem Förderende für Zehntausende EEG-Anlagen in den nächsten Jahren ändern.
Ja, diese Anlagen ohne Förderung bekommen dann Herkunftsnachweise. Das gilt auch für Neuanlagen, die ohne Förderung gebaut werden. Daher sind Green PPAs eine Alternative zur EEG-Förderung. Und bei PPAs sind wir mit unseren Standardprodukten gut aufgestellt. Das sehen wir auch in anderen Märkten. Nehmen wir Spanien, wo es weniger staatliche Förderprogramme für Erneuerbare gibt, PPAs deshalb weitaus üblicher sind. Hier wird die Börse für die langfristige Absicherung genutzt, in der Form, dass Handelsteilnehmer PPA-Verträge anschließend bei der EEX zum Clearing registrieren.

Dabei ist es doch einer der Vorteile von PPAs, dass Erzeuger und Abnehmer den Preis direkt festlegen. Ohne Zwischeninstanz.
Prinzipiell schon. Allerdings wird der tatsächlich erzeugte Strom noch immer am Spotmarkt verkauft. Mit unseren Strom-Futures können sich Handelsteilnehmer bis zu sechs Jahre im Voraus gegen das Risiko künftiger Preisänderungen absichern und sich so langfristige Cashflows sichern. Wir haben vor, die Laufzeiten noch zu verlängern: auf eine komplette Dekade bis 2030, um noch längerfristige PPAs abzudecken.

Die Europäische Kommission hat die EEX im vergangenen Jahr erneut beauftragt, Emissionsberechtigungen zu versteigern. Der CO2-Preis geht seit gut einem Jahr nach oben, auf 40 Euro pro Tonne und mehr. Geht da noch mehr?
Solche Spekulationen, wie hoch der Preis noch klettern könnte, überlasse ich lieber anderen. Nur so viel: Auch im EU-Emissionshandelssystem (ETS) bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Das Angebot aber ist politisch bestimmt. Die Verschärfung der EU-Klimaziele im Dezember war in den vergangenen Wochen sicherlich ein wesentlicher Preistreiber. Wenn Klarheit darüber herrscht, was dies für das Angebot im ETS bedeutet, wird dies ebenfalls zu entsprechenden Preisreaktionen führen.

Manche Analysten meinen, der CO2-Preis werde immer mehr von Hedgefonds getrieben und kopple sich von Fundamentaldaten zunehmend ab. Haben sie recht?
Das halte ich für herbeigeredet. Andere Analysten sehen es nicht so. Am Ende sind es noch immer die dem Emissionshandel unterliegenden Unternehmen und Verbraucher, die CO2-Emissionen ausstoßen, Strafzahlungen vermeiden und folglich entsprechende Zertifikate erwerben wollen. Hedgefonds dagegen können mit den Zertifikaten nicht viel anfangen. Der Mechanismus funktioniert, die Mengen werden effizient reduziert. Das ist das Wichtigste. Weniger wichtig ist, wer zwischenzeitlich Positionen im Markt hält.

Deutschland ist noch einen Schritt weitergegangen, hat nun auch einen CO2-Preis für den Wärme- und Verkehrssektor eingeführt. Ein Vorbild für die EU?
Langfristig müsste auch das EU-Emissionssystem erweitert werden, keine Frage. Aber dazu bräuchte man auf europäischer Ebene auch einen Konsens. Da laufen zurzeit die Diskussionen. Gut möglich, dass man dabei auch auf Deutschland schaut, ob der nationale Emissionshandel als Blaupause für Europa dienen kann. Wir freuen uns auf nationaler Ebene den Verkauf für weitere Sektoren mit organisieren zu können und damit zum Klimaziel Deutschlands beizutragen.

Siehe auch: Nationaler Emissionshandel: EEX erhält Zuschlag für Verkauf

Die Fragen stellten Andreas Baumer und Klaus Hinkel

Ein Teil dieses Interviews erschien in der April-Ausgabe der ZfK auf S. 22. Außerdem in der Ausgabe: "Gas vor Kohle: Wie Deutschland seine Klimaziele erreichte" von Gastautor Tobias Federico, Chef des Berliner Analysehauses Energy Brainpool. Zum Abo geht's hier.

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