Vor Ort erzeugter, grüner Wasserstoff ist laut Marcus Böske von Energie Südbayern ein wichtiger Baustein der Energiewende.
Im ersten Teil des großen ZfK-Interviews erläutert der Sprecher der Geschäftsführung, was die Politik tun muss, um das Thema voranzubringen.
Herr Böske, wie sieht die Wasserstoffstrategie von Energie Südbayern konkret aus?
Die Energie Südbayern Unternehmensgruppe ist ein regionales Energieversorgungsunternehmen in einer wirtschaftlich außerordentlich starken Region mit vielen Hidden Champions auf ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern. Oftmals mit langer regionaler Tradition. Wir verstehen uns nicht nur als Versorger, sondern eben auch als Unternehmer. Den Status quo verwalten reicht nicht. Wir wollen die Energiewende in der Region gestalten und mit den eigenen Stärken und unserem Know-how voranbringen.
In der Corona-Zeit und der anschließenden Energiekrise wurde sehr deutlich, welche Bedeutung Energieinfrastruktur und Versorgungssicherheit haben. Ein Beispiel: Industriekunden wollten wissen, wie lange eigentlich die Gasversorgung unabhängig von der Stromversorgung funktionieren kann. Abgesehen davon gibt es viele Unternehmen in unserer Region, die zusätzlich zur Stromversorgung eben auch eine zuverlässige Gasversorgung benötigen, die natürlich perspektivisch dekarbonisiert werden muss, um die Klimaziele zu erreichen. Ohne eine dekarbonisierte und molekülbasierte Energieversorgung würde sich anfangs unbemerkt, dann aber mit großer Dynamik eine Deindustrialisierung unserer Region zeigen.
Welche Rolle spielen dabei die Gasnetze?
Die Gretchenfrage war für uns, ob unsere ursprünglich für Erdgas gebaute Infrastruktur genauso zuverlässig Wasserstoff oder Biogas verteilen kann, also überhaupt für eine Dekarbonisierung geeignet ist. Diese Transformationsfähigkeit können wir inzwischen klar bestätigen, sowohl technisch als auch in den betrieblichen Prozessen des Netzbetriebs.
Es reicht aber nicht aus, die Verteilnetzinfrastruktur nur als "Missing-Link" zwischen Wasserstoffkernnetz und regionalen Abnehmern zu sehen. Die Kunden fragen dann die Vertriebe nach dem Wasserstoffpreis, die Vertriebe fragen die Netze nach der Lieferfähigkeit, dort fragt man nach dem Wasserstoffkernnetz und an den meisten Stellen sind die Regeln und Rahmenbedingungen sowieso nicht klar. Also passiert einfach nichts.
Unsere Wasserstoffstrategie setzt daher zusätzlich auf regionale Wasserstofferzeugung. Wir haben derzeit für mehrere Elektrolyseurprojekte mit ganz unterschiedlichen Kooperationspartnern Förderbescheide aus dem bayerischen Förderprogramm für Elektrolyseure BayFELI vorliegen und konkretisieren diese Projekte intensiv. Am 28. April haben wir mit Kooperationspartnern drei weitere Förderbescheide aus dem Wirtschaftsministerium überreicht bekommen. Es wird darum gehen, mit Partnern aus anderen Branchen mehr über den Wasserstoffbedarf, aber auch über die Wasserstoffbeimischung ins bestehende Erdgasnetz zu lernen. Die anfängliche Wasserstoffbeimischung in einem Ortsnetz kann zum Beispiel großes Potential bei der Frage der Akzeptanz einer Windkraftanlage entwickeln: Vor Ort erzeugter regenerativer Wasserstoff als Baustein einer Dekarbonisierung der örtlichen Energieversorgung. Da hat die Gemeinde direkt einen Vorteil.
Neben den beiden Eckpunkten Verteilnetzeignung und regionaler Produktion arbeiten wir zudem intern an der Lieferfähigkeit für Wasserstoff. Wie sehen die Produkte aus? Wie werden sich zukünftig die Preise entwickeln und welche Bedarfe haben Kunden? Da ist noch einiges zu tun.
Der Energiemix von Energie Südbayern wird sich letztlich immer daran orientieren, was unsere Kunden benötigen. Wir entwickeln keine Produkte, die keiner unserer Kunden haben möchte. Insofern wird der zukünftige Energiemix natürlich stark davon abhängen, wieviel Kunden bereit sind, für die Energiewende zu zahlen. Wir gehen davon aus, dass Wasserstoff und andere dekarbonisierte Gase ein wesentlicher Teil der neuen Energiewelt sein werden.
Setzen Sie auf grünen Wasserstoff oder spielen auch blauer und türkiser Wasserstoff eine Rolle in Ihrer Strategie?
In der regionalen Produktion setzen wir auf grünen Wasserstoff mit regionaler Energie. Die Produktion von blauem oder türkisen Wasserstoff können andere Marktteilnehmer besser und haben da mehr Erfahrung.
Wir halten es aber für absolut notwendig, in der Hochlaufphase nicht nur über den grünen "Gold-High-Level-Premium Standard" zu sprechen. Wir brauchen insgesamt mehr Dynamik beim Thema Wasserstoff. Für einen schnellen Wasserstoffhochlauf sind pragmatische Regelungen notwendig statt Farbenlehre.
Mit Ihrem Projekt H2Direkt haben Sie kürzlich den VKU-Innovationspreis gewonnen. Was sind für Sie die wesentlichen Erkenntnisse aus dem Projekt?
In dem Projekt haben wir in Hohenwart einen Teil des bestehenden Verteilnetzes von Erdgas auf 100 Prozent Wasserstoff umgestellt. Also im öffentlichen Raum, in den privaten Häusern und einem Gewerbebetrieb. Die wesentliche Erkenntnis ist: Es funktioniert ohne Probleme. Und zwar technisch, in den betrieblichen Abläufen und Sicherheitsanforderungen und vor allem auch bei den Kunden.
Es sind vergleichsweise wenige bauliche Maßnahmen erforderlich und vor allem der Aufwand auf Kundenseite ist sehr überschaubar. 100 Prozent-wasserstofffähige Brennwertgeräte werden zukünftig ein Umstellmodul enthalten. Erst Erdgas, nach der Umstellung Wasserstoff. Am Ende fast wie eine Umstellung von L- auf H-Gas.
Bestehende Infrastruktur weiter zu verwenden, kann dem Hauseigentümer im Bestand erheblich Zeit und Geld sparen. So zeigen wir eine echte Perspektive für die zukunftsfähige Gasversorgung und eine weitere Option für das klimaneutrale Heizen.
Am Einsatz von Wasserstoff im Wärmemarkt scheiden sich die Geister. Wie stehen Sie dazu?
Stellen Sie sich einmal vor, man hätte um 1990 herum gesagt, Sonnen- und Windstrom ist so teuer und selten, wir geben das nur dem Bürgermeister A oder dem Unternehmen XY. Stattdessen hat man am Ende sehr erfolgreich Strukturen entwickelt und Rahmenbedingungen geschaffen, damit sich Produktionskosten reduzieren und Mengen gesteigert werden können.
Heute diskutieren wir beim Wasserstoff seltsamerweise genau andersherum: Zu wenig, zu teuer, geht nicht. Unter vernünftigen Rahmenbedingungen entstehen in einem marktwirtschaftlichen Umfeld viel mehr Dynamik und Innovation. Das hat unsere Volkswirtschaft immer stark gemacht. Was soll es bringen, eine Instanz zu schaffen, die am Ende ein zu knappes Gut verteilen und zuordnen soll? Wasserstoff, aber auch Biomethan, werden sich nur durchsetzen können, wenn sie am Ende bezahlbar sind. Aber am Anfang braucht es schon die Bereitschaft, Neues voranzubringen.
Ein weiteres sehr wesentliches Argument, das ich den Kritikern gerne zurufe, hat sehr viel mit der Besonderheit einer regionalen Infrastruktur außerhalb städtischer Gebiete zu tun: Im Netz unserer Verteilnetztochter Energienetze Bayern sind die größten industriellen Abnehmer durchschnittlich 16 Kilometer vom Wasserstoffkernnetz entfernt. Da werden zum Beispiel Autos gebaut, Baustoffe produziert und Stahl bearbeitet. Die Gasdruck-Regelstationen dieser Groß-Abnehmer sind wie Perlen auf einer Kette an den gleichen Druckstufen und Verteilleitungen, an denen auch die einzelnen Ortschaften hängen. Es ist volkswirtschaftlicher Unsinn, ein weiteres Regional-Netz nur für Wasserstoff zu bauen. Wenn wir Wasserstoff in die Region bringen, haben wir damit gleichzeitig in den angeschlossenen Ortschaften die Option, Wasserstoff im Wärmemarkt einzusetzen. Ganz ohne Ideologie. Außerdem können wir Bestehendes nutzen und gerade im Gebäudebestand bei der Energiewende vorankommen. Angesichts der Finanzierungsfrage und zukünftigen Verfügbarkeit von Wärmenetzen in kleineren Kommunen sehen wir da auch im kommunalen Umfeld eine klare Erwartungshaltung. Die Bürgermeister unserer Konzessionsgemeinden erwarten von uns Lösungen und die Berücksichtigung regionaler Besonderheiten.
Das Interview führte Ariane Mohl.
Das Interview erschien in gekürzter Form auch im ZfK-E-Paper Mai. Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie im morgigen ZfK-Morning Briefing.



