Die Verdichterstation in Mallnow nahe der deutsch-polnischen Grenze übernahm bislang vorwiegend russisches Erdgas, das über die Jamal-Pipeline transportiert wurde.

Die Verdichterstation in Mallnow nahe der deutsch-polnischen Grenze übernahm bislang vorwiegend russisches Erdgas, das über die Jamal-Pipeline transportiert wurde.

Bild: © Patrick Pleul/dpa

Als Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck am Donnerstagvormittag vor die Presse trat, um die Gas-Alarmstufe auszurufen, hatte sich fundamental im Vergleich zum Vortag nichts Wesentliches geändert.

Die Lage sei "angespannt", hielt die Bundesnetzagentur auf ihrer Website wie schon die Tage zuvor fest. "Die Gasversorgung in Deutschland ist im Moment aber stabil. Die Versorgungssicherheit ist derzeit weiter gewährleistet."

Preisschock bleibt aus

Zwar kletterten die Preise mit Durchsickern der Habeck-Ankündigung für den Frontmonat von 126 Euro pro MWh auf zwischenzeitlich mehr als 137 Euro pro MWh (Handelspunkt TTF). Ein Preisschock wie zu Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine allerdings blieb aus.

Tatsächlich floss zuletzt weiter Gas durch die Pipeline Nord Stream 1 sowie über die ukrainische Transitroute, wenn auch auf ungewöhnlich niedrigem Niveau. So verharrte der Gasfluss am Landepunkt Greifswald bei 800 GWh pro Tag, was etwa 40 Prozent der Kapazitäten entspricht. Am ukrainisch-slowakischen Grenzpunkt Velke Kapusany waren es etwas weniger als 400 GWh pro Tag.

Sorge um Winter

Auch die deutschen Gasspeicher füllten sich zuletzt weiter. Inzwischen sind sie im Schnitt zu 58,7 Prozent voll. In den letzten vier, auf der Datenplattform AGSI+ abgebildeten Tagen legten sie netto durchschnittlich um 0,4 Prozentpunkte zu, was einem üblichen Niveau entspricht.

Dabei geht es Wirtschaftsminister Habeck auch nicht um eine Reaktion auf eine Momentaufnahme, sondern um die "Perspektive", wie er erläuterte, sprich um die Vorsorge für den Winter. Unsicherheiten gibt es darüber, ob etwa die Pipeline Nord Stream 1 nach lange angekündigten Wartungsarbeiten zwischen 11. und 21. Juli wieder befüllt wird. Sollten auch noch die Restmengen wegbrechen, würde Deutschland schon im Juli eine Gasmangellage drohen.

Debatte um Paragraph 24

Unklar bleibt auch, was dies dann zuerst für die Preisentwicklung bedeuten würde. In den Szenarien des Wirtschaftsministeriums sei man von "aktuellen Marktpreisen" ausgegangen, aber auch von "exorbitant höheren" Werten, sagte Habeck. Konkreter wurde er nicht.

Unsicherheiten bestehen zudem, was es bedeuten würde, wenn der im Energiesicherungsgesetz frisch geschaffene Paragraph 24 nach Feststellung einer Gasmangellage greifen würde. Dann könnten Gasversorger ihre Preise entlang der Lieferkette bis zu den Endkunden auf ein "angemessenes Niveau" anpassen. Noch ist dies nicht der Fall.

Preissteigerungen um Faktor 6 bis 10

Der Paragraph soll unter anderem Importeure russischen Gases vor dem Kollaps bewahren, wenn sie ausfallende Mengen zu deutlich teureren Preisen am Großhandel ersetzen müssen. In diesem Fall könnten sie die Preissteigerungen vergleichsweise einfach und schnell auch bei bestehenden Verträgen weiterreichen. Ein zusätzlicher Effekt: Verbraucher müssten am Ende die Mehrkosten schultern und würden so dazu getrieben werden, weiter Gas zu sparen.

Spekulationen darüber, was dies dann für Haushaltskunden bedeuten würde, gab es am Donnerstag einige. Von einer Vervierfachung war die Rede. Und Jens Südekum, Regierungsberater und Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, schrieb auf Twitter: "Einige Branchenexperten gehen von Faktor 6-10 aus." (aba)

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