Nach Einschätzung des Energiekonzerns Wintershall Dea hat auch Deutschland selbst zusätzliche Möglichkeiten, Öl und Gas zu fördern und so einen Teil russischer Importe zu ersetzen.
Dabei gehe es weniger um die Erkundung neuer Gas- und Ölfelder, sagte Vorstandsvorsitzender Mario Mehren bei einer Pressekonferenz. Vielmehr könnten bereits bestehende Felder ausgeweitet werden.
Expansion des Erdölfelds Mittelplate?
Mehren nannte das vor der deutschen Nordseeküste gelegene Erdölfeld Mittelplate als Beispiel. Hier beabsichtige sein Unternehmen eine entsprechende Genehmigung. Auch von Wintershall Dea genutzte Erdgasfelder in Niedersachsen könnten einen solchen Fall darstellen.
Erst jüngst hatte die Landesregierung in Niedersachsen über eine geplante Erdfgasförderung in der Nordsee vor Borkum beraten. Danach hatte es geheißen, dass "Einvernehmen" bestanden habe, eine Neubewertung des Vorhabens vorzunehmen, um von russischen Gaslieferungen unabhängig zu werden. Noch im vergangenen Sommer hatte sich die Regierung klar gegen das Projekt positioniert.
"Zukunft gestalten heißt Ja sagen"
Mehren plädierte dafür, bei der Suche nach Ersatz für wegfallende Energieimporte aus Russland nicht alles von Vornherein auszuschließen. Er bedauerte, dass Frackinggas und -öl in Deutschland nach seinem Eindruck aktuell unerwünscht seien.
"Deutschland sagte Nein zur Atomkraft, zur heimischen Produktion von Gas und Öl, ja sogar zur Erkundung von Frackinggaspotenzialen", klagte er. "Wir wollen raus aus Kohle, wollen aber auch keine Windräder haben, zumindest nicht in unserer Nähe. Diese Vorstellung, die Zukunft zu gestalten, indem man immer Nein sagt, macht mir Sorgen. Denn ich glaube, dass wir die Zukunft nur dann gestalten können, wenn wir ja sagen."
Nettoverlust von 3 Mrd. Euro
Wintershall Dea bekam die Folgen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine wirtschaftlich stark zu spüren. Im ersten Quartal musste die mehrheitliche BASF-Tochter im Zusammenhang mit seinem Russland-Geschäft eine milliardenschwere Wertberichtigung vornehmen. Wintershall Dea ist zum Beispiel am mittlerweile begrabenen Nord-Stream-2-Projekt beteiligt.
Der Nettoverlust habe in den ersten drei Monaten eine Milliarde Euro betragen, teilte das Management mit. Bereinigt um Sondereffekte wie die Abschreibung legte der Überschuss dank kräftig gestiegener Öl- und Gaspreise von 171 Millionen Euro im Vorjahr auf 669 Millionen Euro zu.
"‘Weiter so’ mit Russland wird es nicht geben"
Der Krieg sei ein "fundamentaler Wendepunkt" sowohl für die Geopolitik als auch für Wintershall Dea direkt, sagte Mehren. "Ein ‘Weiter so’ mit Russland kann es jetzt nicht geben. Wird es nicht geben. Daran besteht kein Zweifel."
Investitionen in neue russische Vorhaben hat Wintershall Dea ausgeschlossen. An bestehenden Projekten hält der Konzern dagegen fest. "Bei einem Rückzug würden Vermögenswerte in Milliardenhöhe an Russland fallen", warnte Mehren.
Knapp 2500 Menschen beschäftigt
Wintershall Dea ist 2019 aus der Fusion der Wintershall Holding GmbH und der Dea AG hervorgegangen. Das Unternehmen mit Sitz in Kassel und Hamburg beschäftigt weltweit knapp 2500 Menschen.
BASF hält gut 70 Prozent an Wintershall Dea. Der Rest gehört LetterOne, einer Beteiligungsgesellschaft, in der der russische Oligarch Michail Fridman seine Dea-Anteile gebündelt hat. (aba/dpa)



