Von Artjom Maksimenko
Auch 2024 war Gas der zweitwichtigste Energieträger Deutschlands, blickt Timm Kehler, Vorstand des Branchenverbands Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft, bei einem Pressetermin auf der Energiefachmesse E-World zurück. Angesichts der gut gefüllten Projektpipeline bei Wasserstoffprojekten sei der Trend deutlich: Deutschland wandelt sich zum Wasserstoffland, ist aber weiterhin von den fossilen Energieträgern abhängig.
Gas führend beim Primärenergieverbrauch
Im Jahr 2024 kam Gas beim Primärenergieverbrauch auf einen Anteil von 25,9 Prozent (2023: 24,5 %), während die Stein- und Braunkohle zusammen auf 14,8 Prozent kam, rechnet Kehler vor. Damit korreliere der Gasanteil bei diesem Verbrauch mit dem Erneuerbaren-Anteil. "Ohne Moleküle und die Speicherfähigkeiten der Gase werden die Erneuerbaren nicht voll funktionieren können", stellte Kehler fest.
Gas sei zudem der unbestritten wichtigste Energieträger der deutschen Industrie. Im Vorjahresvergleich sei der Gasverbrauch in diesem Segment mit 835 Terawattstunden (TWh) um 3,3 Prozent gestiegen. Die Industrie sei dabei mit 301 TWh der größte Verbraucher, gefolgt von den Haushalten mit 254 TWh.
Kohle feiert Renaissance
Für die Industrie seien wettbewerbsfähige Gaspreise entsprechend von existenzieller Bedeutung. Die große Preisspitze 2022 ist zwar inzwischen Geschichte, sagte Kehler. Die Gaspreise haben sich dem Preisniveau von Öl und Kohle angenähert. Die aktuelle Preisentwicklung an der TTF zeigt aber einen deutlichen Anstieg auf rund 58 Euro/MWh, was viele Kraftwerksbetreiber zum Wechsel auf Kohleverstromung bewegt. Bei Bruttostromerzeugung trug Erdgas 15,6 Prozent zur Gesamtmenge bei, während Kohle auf 21,3 Prozent kam.
Generell feiere die Kohle im Stromsektor aufgrund der steigenden Gaspreise, aber vor allem während der Dunkelflauten, "eine Art Renaissance". In der Kalenderwoche 45 lieferten die Erneuerbaren lediglich 14 Prozent der Nettostromerzeugung. Abhilfe bei den dabei entstehenden Versorgungslücken könnten die flexiblen Gas- und Wasserstoffkraftwerke leisten.
Um Erdgas als die politisch gewünschte Partnertechnologie für die Erneuerbaren attraktiver zu machen, müsse sich der Preis nach unten bewegen, fordert Kehler. "Die Ausschreibung neuer Kraftwerke, die Ermöglichung von CCS sowie politische Unterstützung langfristiger Importverträge sind entscheidend", sagte er. Aktuell würden die Gaspreise am Henry Hub je nach Tageszeit um Faktor drei oder sogar vier unter dem Preisniveau Deutschlands liegen. Hier sei es wichtig, dass Europa als größter Erdgasverbraucher bei der Verhandlung von Verträgen eine Hebelwirkung entfaltet. Eine Rolle könnten dabei Langfristverträge zu deutlich günstigeren Konditionen spielen.
Für Deutschland müsse sich die kommende Bundesregierung aber auch der Frage stellen, warum die LNG-Tanker vorrangig die niederländischen Terminals ansteuern und nicht die deutschen, sagte Kehler im Gespräch mit der ZfK. Die Entfernung sei dabei vernachlässigbar, aber nicht die regulatorischen Vorgaben, die in Deutschland herrschen, beispielsweise eine kürzere Amortisationslaufzeit der Anlagen, die den LNG-Preis nach oben treibe. An dieser Konstruktion gelte es noch zu schrauben, um mehr Wettbewerb an dieser Stelle zuzulassen. "Wir sehen weiterhin, dass der Bund, damals zu Recht, forsch vorangegangen ist. Das bringe die privaten Betreiber jetzt aber in Schwierigkeiten. "Er muss sich deshalb zurückziehen, um Investitionen wieder zu ermöglichen", so der Verbandschef.
"Irrwitzige Preisentwicklungen"
Ebenfalls für weniger Vorschriften plädiert Kehler beim Thema EU-Vorschriften zu den Befüllungsmindestmengen der Gasspeicher. Dieser Umstand habe zu teils "völlig irrwitzigen Preisentwicklungen" auf dem Gasmarkt geführt, mit einem komplett verdrehten Sommer-Winter-Spread. Die Schuld sieht er bei den Spekulanten. "Der Markt geht eine Wette gegen den Staat ein. Marktakteure wetten darauf, dass der Markt die Speicher nicht füllt, bis dann die staatlichen Akteure zu hohen Preisen ran müssen, um diese Vorgaben zu erfüllen", erläuterte er. Das führt dazu, dass ein erheblicher Druck bei der Frage nach der Sinnhaftigkeit des Mechanismus entsteht. Allerdings seien ihm noch keine konkreten Initiativen oder Forderungen bekannt, die diese Vorschrift etwas lockern wollen. Der Markt sei immerhin immer noch in Alarmbereitschaft und der Schock nach der Energiekrise sitze noch tief, sagte er im Gespräch mit der ZfK.
Drei Punkte für die Bundesregierung
An die kommende Bundesregierung hat sein Verband insgesamt drei Kernforderungen. Zum einen seien für eine sichere Transformation der Stromversorgung kurzfristige Ausschreibungen von Kraftwerkskapazitäten notwendig. Zweiter Punkt sei der Aufbau von langfristigen Lieferbeziehungen. Denn mit einer verlässlichen Importstrategie lassen sich die Gaspreise stabilisieren. Schließlich fordert Kehler auch beim Carbon Management schnelles Handeln: Schnellstmögliche Verabschiedung des Kohlendioxid-Speichergesetzes, um Rechtsklarheit für die Industrie zu schaffen und blauen Wasserstoff zu entwickeln. Auch sei eine schnelle Ratifizierung des London-Protokolls wichtig, um CO2-Importe ins Ausland zu ermöglichen, fasste er zusammen.



