Nein, auf Vorkrisenniveau sind die Gaspreise am liquidesten europäischen Handelsplatz TTF nicht. Am Freitag kostete der Frontmonat 30 Euro pro MWh – also rund 50 Prozent mehr als in Vor-Corona-Zeiten.
Und wer für den kommenden Winter einkaufen will, der musste noch mehr drauflegen. 42 Euro für das vierte Quartal dieses Jahres etwa oder 47 Euro für den Januar 2024. Die Preise gingen zuletzt wieder etwas hoch, weil die Nachfrage auf dem asiatischen Konkurrenzmarkt wuchs.
Erinnerung an Corona-Sommer 2020
Und doch scheint sich eine gewisse sommerliche Gelassenheit eingestellt zu haben. Schließlich sind selbst 47 Euro pro MWh noch weit weg von den Spitzenwerten, die Händler im Sommer vergangenen Jahres erleben mussten, als die Preise zeitweise auf mehr als 200 Euro pro MWh schossen. Aber die Ruhe könnte trügen.
Die Warnungen vor einem möglicherweise neuen schwierigen Winter sind jedenfalls in den vergangenen Tagen lauter geworden. Ein Händler fühlte sich erst an den Corona-Sommer 2020 erinnert, als mancher ebenfalls glaubte, dass das Schlimmste schon vorbei sei und nicht ahnte, wie viele schwere Monate noch vor uns liegen würden.
Warnung vor "falscher Sicherheit"
Auch der Gasspeicherbetreiberverband Ines warnt davor, sich "in falscher Sicherheit" zu wiegen. Ja, bereits ein moderates bis niedrigeres LNG-Importaufkommen in Europa reiche aus, um die Gasspeicher in Deutschland vor diesem Winter wieder vollständig zu füllen, sagte Geschäftsführer Sebastian Bleschke.
Zuletzt lag der durchschnittliche Füllstand hierzulande bei 76 Prozent. Die Netto-Einspeicherungsrate hatte unter der Woche etwas nachgelassen.
Ines: Gasmangellage-Gefahr bleibt bestehen
Aber: "Selbst wenn die Gasspeicher erneut vollständig befüllt werden, bleibt die Gefahr einer Gasmangellage im Winter bei kalten Temperaturen bestehen." Bei kalten Temperaturen könnten demnach die Gasspeicher bereits im Januar 2024 vollständig entleert sein. "Ein Gasmangel kann in den Modellierungen nicht aufgelöst werden."
Würden kalte Temperaturen auftreten, könne also ein von derzeitigen Einsparungen geprägtes Verbrauchsniveau vermutlich nicht mehr vollständig gedeckt werden.
China entscheidender Player
Auch Fatih Birol, Chef der Internationalen Energie-Agentur (IEA), trat unter der Woche erneut als Mahner auf. Es sei "viel zu optimistisch", mit Blick auf den kommenden Winter schon jetzt entspannt zu sein, sagte er dem Branchendienst Montel.
Wesentlich sei, ob die chinesischen LNG-Importe zum Normalniveau zurückkehren würden. Falls ja, "wird nicht genug LNG für Europa vorhanden sein, um russisches [Pipeline-]Gas zu ersetzen."
"Sparsamer Gasverbrauch" weiter wichtig
Das zweite Risiko seien kalte Wintertemperaturen, denn dann würde die Nachfrage nach oben schnellen. Ferner könnten niedrige Strommengen aus französischen Kernkraftwerken die Versorgungssicherheit in Europa bedrohen, "vor allem, wenn der Winter streng ist", sagte der IEA-Chef.
Als "zentrale Herausforderung" bezeichnet die Bundesnetzagentur die Vorbereitung auf den nächsten Winter. Ein "sparsamer Gasverbrauch" sei weiterhin wichtig, teilte sie in ihrer jüngsten Lagebewertung mit. Derzeit aber seien die Gasflüsse stabil und ausgeglichen. Der Gasverbrauch habe in der Vorwoche knapp ein Fünftel unter dem durchschnittlichen Verbrauch der Vergleichszeiträume 2018 bis 2021 gelegen.
Deutlich mehr Gas als Steinkohle verstromt
Bemerkenswert ist auch, was sich zuletzt auf dem Strommarkt tat. Ein Jahr nach einer intensiven Debatte über ein Verbot der Gasverstromung produzieren Gaskraftwerke wieder deutlich mehr als Steinkohlemeiler. Bis Freitag war es im Juni mehr als doppelt so viel, wie die Fraunhofer-Plattform Energy Charts zeigt. Zwei der Hauptgründe dürften der gesunkene Gaspreis und der weiterhin hohen CO2-Preis sein, womiut die umweltschädlichere Kohleverbrennung deutlich teurer wird.
Selbst die Braunkohle scheint fast schon in Reichweite zu sein. In der Vorwoche betrug der Braunkohleanteil am öffentlichen Nettostrommmix in Deutschland zehn Prozent und der Erdgasanteil sieben Prozent. Ganz vorn lag übrigens die Photovoltaik mit einem Anteil von 35 Prozent. (aba)



