US-Präsident Joe Biden bei einem Auftritt in Detroit.

US-Präsident Joe Biden bei einem Auftritt in Detroit.

Bild: © Evan Vucci/AP/dpa

Sollte Russland endgültig als Gaslieferant für Europa ausfallen und Pipelinemengen insbesondere aus Norwegen zurückgehen, dürfte die LNG-Großmacht USA zur bedeutendsten Alternative für den hiesigen Gasmarkt aufsteigen. Zu diesem Ergebnis kommt das Energiewirtschaftliche Institut (EWI) an der Universität in einer neuen Studie, die der Branchenverband Zukunft Gas in Auftrag gegeben hatte.

Demnach beliefen sich die LNG-Importe aus Amerika bereits im vergangenen Jahr auf 22 Mrd. Kubikmeter. Bleiben russische Gasflüsse vollständig aus, könnte sich diese Menge bis 2026 versechsfachen.

USA als neues Russland?

Im Falle hoher Gasverbräuche könnte der Anteil der USA an den Gesamtimporten der EU bis 2030 sogar auf 40 Prozent steigen. Das entspräche ungefähr dem Anteil Russlands an den Gesamtimporten der EU im Jahr 2021.

"Mittelfristig könnte sich daher eine Abhängigkeit von Gaslieferungen aus den USA etablieren", schreiben die Autoren. "Die Gasversorgung aus den USA wäre jedoch nicht an Pipelines gebunden, weshalb ein Wechsel des Versorgers mit weniger Komplikationen einherginge."

Katarmengen überwiegend gebunden

Hintergrund der Studie ist der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, der zu erheblichen Verwerfungen am europäischen Gasmarkt führte. Noch 2021 war Russland größter Gaslieferant für den Kontinent. Inzwischen aber kommt weder über die polnische Jamal-Leitung noch über die Ostseepipeline Nord Stream 1 russisches Gas nach Zentraleuropa. Auch durch die ukrainische Transitroute fließen nur noch vergleichsweise geringe Mengen.

Im Vergleich zu 2021 erwarten die Studienautoren bis 2030 nur geringe Importsteigerungen aus Katar. Zum einen könnten die Produktionskapazitäten des Landes voraussichtlich nicht vor dem Jahr 2026 erweitert werden, heißt es in dem Bericht. "Zum anderen ist ein großer Teil des LNG bereits an andere Staaten, vornehmlich in Asien, über Langfristverträge verkauft."

Weitere potenzielle Lieferländer

Neue Potenziale könnten zudem in Israel entstehen, wo vor der Küste neue Gasvorkommen entdeckt wurden. Eine Pipeline nach Zypern, Griechenland und Italien sei in Planung, heißt es. Allerdings liege noch keine finale Investitionsentscheidung vor.

Als Länder mit möglichen zusätzlichen Exportkapazitäten werden ferner Nigeria, Mauretanien, Senegal sowie Trinidad und Tobago in der Karibik aufgelistet.

Blick auf Verflüssigungskapazitäten

Die Studienautoren gehen davon aus, dass die weltweiten Verflüssigungskapazitäten gegenüber heute um bis zu zwei Drtittel auf mehr als 1050 Mrd. Kubikmeter pro Jahr wachsen werden. Mehr als ein Drittel davon entfiele auf die USA.

Dieser Zuwachs sei eine zentrale Voraussetzung für mehr LNG-Importe aus Amerika, betonte Projektleiter Eren Çam bei Vorstellung der Studie. Zugleich aber bestünden erhebliche Unsicherheiten, ob diese Investitionen tatsächlich realisiert würden, weil die Erdgasnachfrage in Europa im Zuge klimapolitischer Ziele abnehmen soll.

Frage der Perspektive

"Der Bau von Verflüssigungskapazitäten ist aufwendig und teuer", sagte Çam. "Investoren warten daher üblicherweise auf längerfristige Zusicherungen."

US-amerikanische, aber auch andere Akteure erwarteten von Europa und Deutschland klare Signale der Langfristigkeit und Stabilität, wenn es um den Gasmarkt gehe, pflichtete Zukunft-Gas-Vorstand Timm Kehler bei. "Bislang hören wir von ihnen, dass die Botschaften noch immer zu schwach sind." Hier könne ein entschlossenes Schaffen langfristiger Perspektiven wichtige Investitionen in entsprechende Infrastrukturprojekte auslösen. (aba)

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