Neuer Tag, neue Rekordwerte bei den Gaspreisen. Am Donnerstagvormittag wurde die Megawattstunde für den Liefermonat April zwischendurch für 198,56 Euro gehandelt (Handelspunkt TTF, ICE Endex). Damit haben sich die Preise im Laufe einer Woche mehr als verdoppelt. Und wie geht es jetzt weiter?
Preisprognosen für die nächsten Wochen, geschweige denn Monate, wagen Energiemarktanalysten in turbulenten Zeiten wie diesen lieber nicht. Dafür scheint das Marktumfeld aktuell zu sehr aus den Fugen. Das Beratungsunternehmen Aurora Energy Research hat auf ZfK-Nachfrage aber zumindest drei Szenarien abgesteckt.
Szenario eins
Szenario eins: Russland erfüllt seine Langfristverträge nicht und wird möglicherweise in der Folge aus dem Banken-Kommunikationsnetzwerk Swift ausgeschlossen. Aurora-Experte Hanns Koenig würde für diesen Fall in den nächsten Jahren Preise von erheblich mehr als 50 Euro pro MWh erwarten.
"Zudem wären die Gasbeziehungen zwischen Russland und der Europäischen Union irreparabel beschädigt."
Szenario zwei
Szenario zwei: Die Gasflüsse aus Russland bleiben in den nächsten Jahren auf dem derzeitigen Niveau, was etwa 50 Prozent dessen entspricht, was früher als normal galt. Heißt: "Nord Stream 1 und Turkstream sind voll ausgelastet", erläutert Koenig. Zugleich seien die Routen durch die Ukraine und Polen fast leer.
"Dies bedeutet, dass eine hohe Auslastung der LNG-Importterminals erforderlich ist, um die Nachfrage in den nächsten Jahren zu decken." Die Herausforderung dabei: Europa konkurriert insbesondere mit Asien um Flüssigerdgasexporte. Welche Weltregion die LNG-Schiffe anfahren, entscheidet am Ende wohl der Preis.
Höhere Gaspreise als in letzten Jahren
Koenig rechnet in diesem Szenario damit, dass die Gaspreise über einen Zeithorizont von fünf Jahren deutlich über dem Niveau der vergangenen Jahre liegen.
Sprich grob 30 bis 50 Euro pro MWh, bei starkem Wettbewerb mit Asien gegebenenfalls mehr.
Szenario drei
Szenario drei. Es geht zurück in die alte Welt. Hier unterscheidet Aurora zwischen zwei Unterszenarien.
Unterszenario eins. Russland verleibt sich nach einem militärischen Sieg die Ukraine ein oder macht aus ihr einen Vasallenstaat. Damit würde der vermeintliche Hauptgrund für die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 aus russischer Sicht wegfallen. Schließlich wäre die Transitlinie durch die Ukraine dann wieder mehr oder minder unter eigener Kontrolle. Es wären also auch wieder stärkere Gasflüsse über die Ukraine denkbar.
Wenn Nord Stream 2 doch ans Netz geht
"Das würde die Märkte entspannen", sagt Koenig. Eine Rückkehr zum Preisniveau der vergangenen Jahre, sprich in etwa 20 Euro pro MWh, wäre plausibel. "Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass europäische Staaten neue Verträge durch die eroberte Ukraine akzeptieren und nicht mit Sanktionen belegen", schränkt der Energieexperte ein. "Das dürfte politisch schwierig sein."
Unterszenario zwei. Es gibt eine politische Einigung zwischen dem Westen, der Ukraine und Russland. Die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 geht doch ans Netz. Auch dann dürfte sich die Lage deutlich entspannen. "Das halte ich angesichts der Entwicklungen der letzten Wochen allerdings für extrem unwahrscheinlich", sagt Koenig. (aba)



