Seitdem Mitte Januar die Spotpreise am niederländischen Handelsplatz TTF unter 30 Euro pro Megawattstunde (MWh) gefallen sind, hat sich auf dem Gasmarkt wenig getan. Die Notierungen bewegen sich weitgehend seitwärts. Dem Handel fehlt es an richtungsgebenden Impulsen.
Im Rückspiegel betrachtet war das nicht immer so. Kältewellen und leere Gasspeicher führten in den zurückliegenden Jahren oftmals in den Monaten Februar und März zu Preisspitzen am Markt.
Kältewelle 2012
Während der Kältewelle im Januar und Februar 2012 sank der Temperaturdurchschnitt in weiten Teilen Nordwesteuropas mehr als zehn Grad Celsius unter die saisonale Norm. Als 14-Tagesereignis war dies beispielsweise in der Schweiz eines der zehn extremsten Ereignisse seit 1864.
Die Gaspreise am niederländischen Spot stiegen von rund 20 auf bis zu 37 Euro pro MWh. Im Zuge der Kältewelle verdoppelte sich also der Gaspreis nahezu. Der Füllstand der europäischen Gasspeicher verringerte sich dadurch um rund 20 Prozentpunkte, betrug aber nach Abschluss der Kältewelle immer noch 50 Prozent.
Rekord März 2013
Im März 2013 lag die Durchschnittstemperatur in Deutschland rund vier Grad unter dem langjährigen Mittel. Dabei war die Abweichung im Osten am größten, wo kurz nach dem kalendarischen Frühlingsanfang die Höchstwerte örtlich nur bei minus fünf Grad lagen. So kalt war es zu dieser Zeit seit mehr als 150 Jahren nicht mehr.
Die Spotpreise stiegen von rund 26 bis auf 38 Euro pro MWh. Der Preis des Frontmonatskontrakts verteuerte sich von 25 auf mehr als 29 Euro pro MWh. Der Füllstand der europäischen Gasspeicher sank dann in der Folge im April auf 24 Prozent.
Kälteanomalie Februar 2018
Die Kältewelle in der zweiten Februarhälfte des Jahres 2018 stand im starken Kontrakt zum viel zu warmen vorausgegangenen Januar. Das Ereignis wurde unter "Beast from the East" europaweit bekannt. In Südengland wurde am 1. März ein neuer Kälterekord aufgestellt.
Die Spotpreise am niederländischen TTF stiegen innerhalb fünf Tagen von 25 Euro pro MWh am 2. März 2018 auf den damaligen neuen Rekordwert bei 71,25 Euro pro MWh. Aufgrund der Kürze des Extremwetterereignisses sanken die Spotpreise innerhalb von weiteren fünf Tagen wieder auf 20 Euro pro MWh.
Speicherstand auf Allzeittief
Grund für die kurze, aber sehr ausgeprägte Preisspitze waren die zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich entleerten Gasspeicher. Der Füllstand der Gasspeicher war Mitte Februar bereits auf 35 Prozent gesunken. Die saisonale Norm lag bei über 45 Prozent.
In der Folgezeit gingen die europäischen Gasspeicher bis Ende März 2018 auf das bis heute gültige Allzeittief von 17 Prozent hinunter.
Kältewellen 2020 und 2021
Die kurze Kältewelle im Februar 2020 wirkte sich auf die Marktpreise nicht aus. Durch Corona waren die Preise auf ein saisonales Allzeittief von neun Euro pro MWh gefallen.
Die industrielle und gewerbliche Nachfrage war eingebrochen. Die Speicher waren zu rund 65 Prozent gefüllt.
Neue Kälterekorde im Februar 2021
Infolge der Kältewelle zwischen dem 6. und 15. Februar 2021 wurden in einigen Teilen Deutschlands neue Kälterekorde aufgestellt. Die Temperaturen fielen auf bis zu minus 27 Grad Celsius. Der Füllstand der europäischen Gasspeicher entleerte sich während dieser zehn Tage um mehr als 10 Prozentpunkte.
Die Auswirkungen auf den Gashandel waren damals jedoch begrenzt. Die Gasspeicher waren zu Beginn der Kältewelle zu 50 Prozent gefüllt und die Nachfrage war coronabedingt immer noch auf einem niedrigen Niveau.
Preisspitzen zunehmend unwahrscheinlicher
Je länger das milde Wetter anhält, umso unwahrscheinlicher wird es, dass wir im laufenden Winter noch ausgeprägte Preisspitzen sehen könnten. Die Gasspeicher der EU-Länder sind zu 68 Prozent gefüllt, die Speicher in Deutschland zu 73 Prozent (jeweils 15 Prozent über der Fünf-Jahres-Norm).
Gemäß der Wetterprognosen ist den ganzen Monat Februar hindurch nicht mit einer Kältewelle zu rechnen. Die Temperaturen sollten allenfalls wieder auf die saisonale Norm sinken. Entwickeln sich Angebot und Nachfrage bis Ende März dann entlang der saisonalen Norm, sollte der Füllstand der EU-Gasspeicher nicht unter 50 Prozent fallen.
Risikofaktor geopolitische Ereignisse
Sofern also weiterhin genügend LNG ankommt, böten die vollen Gasspeicher auch bei einem 14-tägigen Kälteereignis im März genügend Flexibilität, um nachhaltige Preisspitzen für den Frontmonatskontrakt abzufedern. Ein Aufwärtsrisiko entsteht dann allenfalls durch geopolitische Ereignisse.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Mögliche Brandherde: Woher die größten Risiken für die Gasmärkte kommen"
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.


