Es gab eine Zeit, da fragte sich gefühlt halb Deutschland, warum denn in Zeiten drohenden Gasmangels in Deutschland überhaupt noch Gas zur Erzeugung von Strom verwendet werde. Befeuert wurde die Debatte von Daten, die den Eindruck vermittelten, im Mai 2022 sei so viel Gas verstromt worden wie noch nie in den Vorjahreszeiträumen.
Nun bekamen Kritiker der Gasverstromung neue Nahrung – und zwar von keinem Geringeren als der Bundesnetzagentur. Sie schrieb in ihrem Jahresbericht zum Strommarkt 2022: Im Vergleich zum Vorjahr sei die Stromproduktion aus Erdgas um 1,7 Prozent gestiegen.
Daten der Bundesnetzagentur
Die Daten der Bundesnetzagentur stammen von der hauseigenen Smard-Plattform, die ihre Daten wiederum von den deutschen Übertragungsnetzbetreibern erhält und zeitnah sowie stundenscharf darstellt.
Einen ähnlichen Wert spuckt die Fraunhofer-ISE-Plattform Energy-Charts aus, wenn man nach der gesamten Nettostromerzeugung in Deutschland der Jahre 2021 und 2022 sucht. Demnach wurden vergangenes Jahr 89,2 TWh Strom aus Erdgas produziert.
Daten können sich noch ändern
Im Vorjahr waren es 87,4 TWh. Sprich: ein Anstieg von zwei Prozent. Als Datenquelle werden hier der europäische Netzbetreiberdachverband Entso-E sowie das Expertengremium Energiebilanzen angegeben.
Tatsächlich können sich die Daten aufgrund neuer Erkenntnisse noch ändern, wie sowohl die Bundesnetzagentur als auch Energy-Charts betonen.
BDEW-Daten auf Monatsbasis
Eigene Berechnungen nimmt der Branchenverband BDEW vor. Er bezieht sich auf die Bruttostromerzeugung aus Erdgas. Im Gegensatz zur Nettostromerzeugung wird hier die Gesamtheit des Stromsystems abgebildet, also Kraftwerke der allgemeinen Versorgung, aber auch Industriekraftwerke und dezentrale Kleinanlagen samt ihres Selbstverbrauchs vor Ort.
Als Quellen nennt der BDEW das Statistische Bundesamt und das Öko-Institut. Die Daten werden auf Monatsbasis veröffentlicht.
BDEW-Statistik mit etwas anderem Bild
Und hier ergibt sich ein etwas anderes Bild. In zehn der elf untersuchten Monate (der Dezember wurde noch nicht berücksichtigt) lag die von Gaskraftwerken gewonnene Strommenge 2022 unter den Werten des Vorjahres – im November sogar deutlich, mehr als ein Drittel weniger.
Ein Grundproblem der Berechnung des aus Erdgas gewonnenen Stroms ist, dass nur große Gaskraftwerke, sprich ab einer installierten Leistung von 100 MW, verpflichtet sind, ihre Erzeugungsdaten zeitnah zu veröffentlichen. Um die Stromerzeugung von Industriekraftwerken und dezentralen Kleinanlagen zu ermitteln, wird üblicherweise mit Hochrechnungen und Schätzungen gearbeitet.
49 Anlagen mit blockscharfen Erzeugungsmengen
Doch wie viel Strom haben dann Deutschlands große Gaskraftwerke erzeugt? Auch hierzu bereitet die Fraunhofer-Plattform Energy-Charts Daten auf.
Für 49 Anlagen lagen Stand Montagnachmittag für die Jahre 2021 und 2022 blockscharfe Mengenangaben vor. Darunter befinden sich Großkraftwerke wie Trianels Hamm-Uentrop (Nordrhein-Westfalen) oder Unipers Irsching 4 (Bayern), die keine Wärme auskoppeln, sondern nur Strom produzieren – und das vor allem dann, wenn Kraftwerkskapazitäten anderweitig nicht verfügbar oder bereits erschöpft sind.
Rückgang von gut 21 Prozent
Und hier zeigt sich ein klarer Abwärtstrend gegenüber dem Vorjahr. Produzierten die genannten Anlagen 2021 zusammen 35,2 TWh, waren es im Folgejahr nur noch 27,6 TWh. Das ist ein Rückgang von gut 21 Prozent.
Lediglich zwölf der 49 Anlagen meldeten 2022 höhere Erzeugungswerte als im Vorjahr. 32 Blöcke produzierten dagegen weniger Elektrizität.
Gaskraftwerke wichtig für Netzentlastung und Frequenzsicherung
Dass es im Übrigen gute Gründe gab, warum Gaskraftwerke auch 2022 Strom erzeugten, führte die Bundesnetzagentur in ihrem Strommarktbericht gleich selbst aus. Gaskraftwerke ließen sich im Vergleich zu Kohle- und Kernkraftwerken in einer deutlich kürzeren Zeit herunter- und wieder hochfahren, heißt es dort. Diese Flexibilität zeige sich in den Einspeisezeitreihen der Anlagen.
Hilfreich und teilweise unentbehrlich seien Gaskraftwerke auch für die Netzentlastung (Redispatch) und zur Frequenzsicherung (Regelreserve).
Prozess- und Fernwärme
Außerdem werden Erdgas bei der Erzeugung von Prozess- und Fernwärme eingesetzt. Dabei werde oft aus technischen Gründen parallel zur Wärme Strom produziert.
Ferner hätten langfristige Gasbezugsverträge, bei denen die Gasverwendung an die Verfeuerung in Gaskraftwerken gebunden gewesen seien, oder bei Nichtabnahme das Gas trotzdem bezahlt hätte werden müssen, zu wirtschaftlichen Anreizen, Gas zu verstromen. "Durch Änderungen im Energiewirtschaftsgesetz wurde diese Zweckbindung aufgehoben, wodurch eine Nutzung des Gases zur Einspeicherung möglich gemacht wurde", heißt es dort. (aba)



