Welche Strategie verfolgt Gazprom? Das Geschäftsgebahren des russischen Staatskonzerns sorgt für Fragezeichen.

Welche Strategie verfolgt Gazprom? Das Geschäftsgebahren des russischen Staatskonzerns sorgt für Fragezeichen.

Bild: © Sergei Ilnitsky/EPA/dpa

Der russische Energieriese Gazprom verschärft die Lage am Gasmarkt weiter. Den zweiten Tag in Folge kündigte er Lieferkürzungen über die wichtige Ostseepipeline Nord Stream 2 an. Von Donnerstagfrüh an sollen täglich nur noch maximal 67 Mio. Kubikmeter durch die Leitung fließen. Zuvor hatte der Konzern die Menge von 167 auf 100 Mio. Kubikmeter gedrosselt.

Erneut begründete das russische Staatsunternehmen den Schritt mit Verzögerungen bei Reparaturarbeiten. Eine weitere Gasverdichtungsanlage müsse abgestellt werden. Zugleich gab Gazprom keinerlei Signale, Mengendefizite über die Alternativrouten durch Polen oder die Ukraine aufzufangen. Tatsächlich fließt seit Wochen kein Gas mehr über die Jamal-Pipeline nach Deutschland. Die Liefermengen aus der Ukraine wiederum sind seit Tagen deutlich reduziert.

"Begründung ist schlicht vorgeschoben"

Erwartungsgemäß kletterten die Großhandelspreise am Mittwoch weiter nach oben. Für den Liefermonat Juli wurde eine MWh Gas am Handelspunkt TTF zwischendurch für mehr als 120 Euro gehandelt. Durch die Bank notierten die Gasprodukte für die kommenden Liefermonate bis in den Winter hinein bei mehr als 115 Euro pro MWh.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) reagierte auf die neuerliche Gazprom-Meldung mit scharfen Worten. "Die Begründung der russischen Seite ist schlicht vorgeschoben", teilte er mit. "Es ist offenkundig die Strategie, zu verunsichern und die Preise hochzutreiben."

Energiesparen "Gebot der Stunde"

Aktuell könnten die Mengen am Markt beschafft werden, auch zu hohen Preisen, richtete der Minister aus. "Es wird aktuell noch eingespeichert. [Zuletzt betrug der Füllstand 56 Prozent.] Die Versorgungssicherheit ist gewährleistet."

Die gegenwärtige Situation zeige aber auch, dass Energiesparen das Gebot der Stunde sei. "Und natürlich werden wir auch staatliche Maßnahmen ergreifen, wenn dies nötig ist."

Wartungsarbeiten bei Nord Stream 1

Schon zuvor hatten Meldungen, dass ein in Brand geratenes LNG-Terminal im US-amerikanischen Freeport erst zum Jahresende wieder voll nutzbar sein könnte, den Gasmarkt verunsichert. Voraussichtlich für drei bis vier Wochen sollen sogar alle geplanten Flüssigerdgaslieferungen aus dieser Anlage wegfallen. Experten gehen davon aus, dass dies den Preiskrieg zwischen Asien und Europa um rare LNG-Mengen weiter befeuern dürfte.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich der Lieferausfall mit einer schon lange bekannten Wartung der Nord-Stream-1-Pipeline überlappen könnte. Beide Leitungen des Doppelstrangs werden demnach vom 11. bis zum 21. Juli abgeschaltet. In dieser Zeit wird der Gasfluss auf Null fallen. Die Wartungsarbeiten fanden auch in den Vorjahren in diesem Zeitraum statt.

Mehr Klarheit zu Gasturbine

Mehr Klarheit gab es zur verzögerten Lieferung einer Gasturbine durch Siemens Energy, die Gazprom als Begründung für die erste Drosselung bei Nord Stream 1 anführte.

Siemens Energy hatte bestätigt, dass eine entsprechende Gasturbine der Ostseepipeline gerade in Kanada überholt werde. Aus technischen Gründen sei dies nur dort zu machen. Wegen der von Kanada verhängten Sanktionen könne sie derzeit jedoch nicht aus Montréal zurückgeliefert werden, teilte eine Konzernsprecherin mit.

Habeck äußert sich zu Gasturbine

Man habe in Abstimmung mit der Europäischen Kommission festgestellt, dass die Wartung dieser Anlagen nicht den Sanktionen unterliege, sagte nun Bundeswirtschaftsminister Habeck. Das habe er auch persönlich Siemens Energy bestätigt. Die Anlagen würden über Kanada gewartet.

Man sei mit den Kanadiern im Gespräch, inwieweit kanadische Sanktionen dies ermöglichten. Die erste Wartungstranche, wo das relevant geworden wäre, falle nach "unserer Kenntnis" erst im Herbst an, und dann auch nicht in der Dimension von 40 Prozent, sagte Habeck. Deswegen sei auch sein Eindruck, dass es sich um eine politische Entscheidung handele und nicht um eine technische. (aba/dpa)

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper