Die LNG-Lieferungen aus den USA und Russland dominieren derzeit die Importe nach Deutschland. Russland hat es offenbar geschafft, seine Marktanteile trotz der geopolitischen Spannungen im LNG-Bereich zu sichern und auszubauen. Die Ankündigung des CDU-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz, 50 Gaskraftwerke bauen lassen zu wollen, könnte den Gasbedarf noch zusätzlich steigern. Für mehr Energieunabhängigkeit fordert Stefan Küster, Gründer und Geschäftsführer des Beratungshauses Enerchase, einen pragmatischeren Ansatz.
Herr Küster, das Ende des Transitvertrags in der Ukraine kam nicht wirklich überraschend. Trotzdem kam es auf dem Gasmarkt zu einigen Turbulenzen. Warum?
Das Ende des Transitvertrages hatte sich zwar auf der einen Seite seit langem abgezeichnet, und die einzelnen Länder hatten ja auch viel Zeit, um Alternativen wie LNG zu suchen und zu finden. Es gab aber auch Gerüchte über eine angebliche Einigung, etwa aus der Slowakei. Das hat die Märkte immer wieder durcheinandergewirbelt. Die Preisrallye wurde noch verstärkt durch das geringe Handelsvolumen rund um die Feiertage. Damit wurde das Ende des Transitvertrages endgültig eingepreist.
Seit dem Jahreswechsel und mit dem tatsächlichen Ende der physischen Gaslieferungen über die Ukraine kamen die Gaspreise kurzzeitig sogar wieder zurück und pendeln seither volatil seitwärts. Das Thema ist damit durch. Geopolitisch richtet sich die Aufmerksamkeit jetzt auf ein neues Thema Turk Stream, das zum Jahreswechsel in den Mittelpunkt der Informationskampagnen gerückt ist. Meldungen und Risiken zu Turk Stream werden am Markt geschürt und kommentiert, was wiederum die Preise steigen lässt. Solche geopolitischen Risiken sind ein gefundenes Fressen für Hedgefonds, die mittlerweile am Gas- und CO2-Markt eine wichtige Rolle spielen. Sie nutzen diese Risiken und die entstehende Volatilität, um davon zu profitieren.

Der größte Anteil der Gasmenge ist für den türkischen Markt bestimmt.
Die Menge, die über die Ukraine kam, war im Vergleich zum gesamten europäischen Gasbedarf nicht besonders groß. Ähnlich ist es bei Turk Stream. Auch hier handelt es sich nicht um besonders große Mengen. Doch über Turk Stream landen in Europa physische Gasmengen an und deshalb wird damit das Angebot in Europa, wenn auch nur geringfügig, ergänzt.
"Die Diversifizierung ist sicher nicht gescheitert, aber sie hat ihre Grenzen."
Als die russischen Pipelinelieferungen eingestellt wurden, kam die Hoffnung auf, dass Europa russisches Gas sanktionieren könnte, um dessen Kriegswirtschaft nicht zu unterstützen. Aktuell ist Russland der zweitgrößte LNG-Lieferant Europas. Ist die Diversifizierung der Lieferquellen damit gescheitert?
Das ist tatsächlich eine spannende Frage. Die Entwicklung von LNG, speziell aus Russland, zeigt, dass der Markt sich in eine Richtung bewegt hat, die man so nicht vorhergesehen hatte. Es stimmt, dass Russland mittlerweile nach den USA zu den größten LNG-Lieferanten gehört. Das zeigt, dass Russland es geschafft hat, seine Marktanteile trotz der geopolitischen Spannungen im LNG-Bereich aufrechtzuerhalten.
Die Diversifizierung ist sicher nicht gescheitert, aber sie hat ihre Grenzen. Europäische Länder haben versucht, sich breiter aufzustellen und unabhängiger von Russland zu werden, indem sie verstärkt auf LNG aus den USA, Katar oder anderen Ländern setzen. Dennoch ist Russland aufgrund seiner geografischen Nähe und seiner LNG-Kapazitäten weiterhin ein wichtiger Akteur geblieben.
LNG ist flexibler als Pipelinegas und kann weltweit gehandelt werden, was den Markt diversifizierter macht. Aber wenn man sich die Zahlen ansieht, wird klar, dass Russland durch LNG im Jahr 2024 wieder stärker an Bedeutung gewonnen hat – allerdings nicht in dem Umfang wie zuvor mit Pipelinegas.
Man könnte also sagen, dass die Diversifizierung teils erfolgreich war, aber eine vollständige Trennung von bestimmten Akteuren, insbesondere Russland, ist nicht realistisch. Europa bleibt auf Importe angewiesen, und Russland ist weiterhin ein Teil dieses Mixes – wenn auch unter anderen Voraussetzungen als vor der Energiekrise. Es bleibt eine Herausforderung, eine echte Diversifizierung zu erreichen, die uns von den bisherigen Lieferanten unabhängiger macht.
Würden die Sanktionen also nichts bringen?
Wenn wir, wie geplant, 50 neue Gaskraftwerke bauen, die später wasserstofffähig sein sollen, dann brauchen wir Gas – das ist faktisch nicht anders möglich. Eine Sanktionierung russischen LNGs halte ich für schwer durchsetzbar. Einige Länder in der EU positionieren sich klar dagegen, treffen sich mit Putin und signalisieren weiterhin Kooperation.
Natürlich möchte man kein russisches Gas in der eigenen Heizung haben und auch keine Kriegswirtschaft finanzieren. Aber diese Abhängigkeit ist ein großes Problem, und der Vergleich mit einem Drogenabhängigen drängt sich auf: Man schadet sich selbst, bleibt abhängig und finanziert gleichzeitig den "Lieferanten".
Wenn Europa sich von russischem Gas lösen will, muss es sich von dieser "Droge" befreien. Das erfordert politische Entscheidungen, langfristige Strategien und möglicherweise auch unangenehme Diskussionen über eigene Fördermöglichkeiten. Das ist meine persönliche Meinung und weniger eine wirtschaftliche Analyse, aber ich halte das für zentral, um Europa und Deutschland unabhängiger zu machen.
In diesem Mix sind die USA ein führender LNG-Lieferant. Gerät Deutschland in eine neue Abhängigkeit, die mit der Wahl Trumps sogar noch wächst?
Es ist eine äußerst komplexe Situation, in der wir uns in Europa befinden. Wenn Sie sagen, die USA seien jetzt unser "neues Russland", dann ist das ein Gedanke, über den man nachdenken sollte. Mit dem neuen Präsidenten Trump, der bekanntlich keine Gelegenheit auslässt, solche Abhängigkeiten zu seinem Vorteil auszunutzen, ist das eine durchaus berechtigte Sorge.
Wir sind massiv abhängig von LNG, und Norwegen liefert uns ebenfalls große Mengen Gas. In dieser energiepolitischen Zwickmühle planen wir den Bau von Gaskraftwerken. Kanzlerkandidat Friedrich Merz spricht von 50 neuen Anlagen. Dieses Gas muss irgendwoher kommen. Wenn wir von Kohle und Kernenergie wegwollen, müssen wir langfristig über die eigene Förderung von Gas nachdenken, um unabhängiger zu werden.
"Europa und Deutschland müssen erkennen, was es bedeutet, sich zu sehr von ausländischen Lieferanten abhängig zu machen."
Sprechen Sie damit das Tabuthema Fracking an?
Ja, und ich hoffe, dass diese Diskussion wieder auf den Tisch kommt. Europa und Deutschland müssen erkennen, was es bedeutet, sich zu sehr von ausländischen Lieferanten abhängig zu machen. Die Vorstellung, auf Gas aus den USA angewiesen zu sein – mit allen geopolitischen Risiken, die das mit sich bringt – verursacht auch bei mir Unbehagen. Fracking in Deutschland könnte und sollte ein Thema werden. Es ist meines Erachtens ein realistischer Weg, diese Abhängigkeit zu reduzieren, besonders wenn wir Gaskraftwerke bauen und die Energiewende umsetzen wollen.
Geht es nicht mit konventioneller Förderung? Beispielsweise hat Rumänien im Schwarzen Meer bedeutende Vorkommen entdeckt.
Richtig,Rumänien mit seinen Erdgasvorkommen im Schwarzen Meer ist auf dem Weg, der größte Gasproduzent der EU zu werden. Frühestens ab 2027 sollen Lieferungen auch nach Deutschland starten. Das Projekt ist beeindruckend, aber die zu erwartenden Mengen werden die russischen Gaslieferungen nur zu einem Bruchteil ersetzen können. Europa wird weiterhin auf LNG angewiesen sein, sofern es nicht die eigene Gasförderung intensiviert.
Es gibt auch durchaus Potenzial, beispielsweise in der Ukraine. Die großen Gasfelder dort befinden sich meines Wissens nach im Osten des Landes, also genau in dem Kriegsgebiet. Die Ukraine könnte ein Gaslieferant werden, aber aktuell ist das natürlich aufgrund der geopolitischen Lage schwierig. Grundsätzlich ist genug Gas auf der Welt vorhanden, aber es muss irgendwie zu uns gelangen.
Wie bewerten Sie die Überlegungen, den Kohleausstieg zu pausieren, um die Energiepreise zu senken?
Ich halte das für eine sinnvolle Überlegung. Die Braunkohle ist ein lokal verfügbarer Primärenergieträger, mit dem wir unsere geopolitische Abhängigkeit reduzieren könnten. Ein weniger ambitionierter Kohleausstieg oder eine Pause beim Rückbau von Kraftwerken könnte helfen, die Strompreise zu stabilisieren und Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Welche Auswirkung hätte theoretisch ein Veto auf russisches LNG in Europa?
Nun, Russland wird China weiterhin mit LNG beliefern, was dort den Bedarf am globalen LNG-Markt verringert. Dadurch könnten andere Mengen für Europa verfügbar werden. Die Gasmengen verschwinden also nicht, sondern werden umgeleitet.
Das bringt aber höhere Kosten mit sich, da der globale Gastransport über LNG deutlich teurer ist. Das ist bekannt und keine neue Entwicklung. Ab 2027 wird erwartet, dass der Markt in eine Überschusssituation gerät. Aktuell erleben wir jedoch noch die Folgen der unerwarteten Knappheit, die durch Verzögerungen bei Energieprojekten entstanden ist. Diese Knappheit hat sich bis ins Jahr 2027 verschoben. Danach dürfte sich der Markt entspannen, was auch schon in den Terminmarkt-Kurven eingepreist ist.
Deutlich rückläufig sind die Gaspreise trotzdem nicht. Warum also handelt der Sommer über dem Winter?
Den Grund sehe ich bei den gesetzlichen Gasspeicherzielen. Vorgaben, die Gasspeicher zu füllen, haben dazu geführt, dass Investmentfonds massiv Long-Positionen aufgebaut haben. Aktuell halten sie etwa 482 TWh in Long-Positionen (261 TWh netto-long), vermutlich insbesondere in den Sommerkontrakten. Diese Fonds setzen darauf, dass wir aufgrund der Speicherziele weiterhin Gas kaufen müssen – koste es, was es wolle.
Spekulieren sie mit den Sorgen aus der Energiekrise?
Die stark entleerten Gasspeicher, die zuletzt durch die Dunkelflaute belastet wurden, tragen ebenfalls dazu bei. Wir gehen jedoch davon aus, dass wir diesen Winter mit etwa 40 Prozent Füllstand auskommen, was relativ solide ist. Sollten die gesetzlichen Speicherziele jedoch wegfallen, könnten die Preise wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Die Fonds würden ihre Long-Positionen auflösen, und die Preise könnten drastisch fallen.
Ist das hohe Preisniveau Folge der Speichervorschriften?
Ich bin mir sicher, dass die Regulierung einen erheblichen Anteil daran hat. Die Vorgaben, die Speicher zu füllen, treiben die Preise nach oben. Gerade im dritten Quartal dürfte es viele Long-Positionen geben, da diese Monate traditionell eine bullische Saisonalität aufweisen. Es ist ein Irrglaube, dass die Gas- und Strompreise im Sommer automatisch fallen, weil die Solarproduktion hoch ist. Das trifft nicht unbedingt zu. Jetzt, wo wir aus der Winterperiode herauskommen, könnte das zweite Quartal hingegen fallende Preise bringen. Wir sind für Q2 nicht unbedingt bullish, sondern erwarten eher eine Korrektur.
Erleben wir nun eine Umkehrung der Saisonalität auf dem Markt?
Wir haben uns diese Saisonalität über Jahre hinweg genau angeschaut. Die Winterrisiken werden in der Regel schon vor Beginn des Winters eingepreist, meistens im August und September, bevor der Winter beginnt.
Jetzt beobachten wir folgende Entwicklung: Die Sommer-Risiken scheinen bereits eingepreist zu sein. Wir sehen das am Sommer-Winter-Spread – die Sommerkontrakte sind im Vergleich zum Winter explodiert. Im Frühjahr wird der Markt vermutlich mehr Klarheit gewinnen. Sobald klar ist, wie hoch die Speicherstände sind, könnten die eingepreisten Risiken nach und nach wieder ausgepreist werden. Wir erwarten, dass die Sommerpreise ab einem bestimmten Punkt nicht weiter steigen, da viele Risiken bereits eingepreist wurden. Die Preisentwicklung am Gasmarkt ist jedoch maßgeblich von Hedgefonds getrieben. Deren Verhalten ist schwer zu prognostizieren und führt mich zu einem meiner Lieblingszitate von John Maynard Keynes, welches jeder Energiehändler kennen sollte: "The market can stay irrational longer than you can stay solvent."
Sollten wir die Speicherziele nicht etwas lockern?
Ja, aber dieser Schritt ist politisch gesehen sehr unwahrscheinlich. Die Risiken wären für die Verantwortlichen einfach zu groß. Zwar könnten durch eine Aufhebung der Speicherziele die Preise deutlich sinken, da viele Investmentfonds ihre Long-Positionen aufgeben müssten, aber es ist unrealistisch, dass die Politik diesen Schritt wagt. Dafür sitzt der Schock aus 2022 zu tief. Es wäre wünschenswert, wenn die Politik mutiger agieren würde, aber momentan sehe ich keine Chance, dass die Vorschriften gelockert werden.


