Nach zwei Sommerrallyes in Folge scheint sich der europäische Gasmarkt diesen Juli eine Verschnaufpause zu gönnen. Die deutschen Gasspeicher sind im Schnitt bereits zu 84 Prozent voll. Die Gasversorgung ist stabil und die Preise sind vergleichsweise niedrig.
Am Dienstagnachmittag kostete der Frontmonat TTF, das Standardprodukt auf dem liquidesten europäischen Gashandelsplatz, gerade noch 26 Euro pro MWh. Und doch fehlt es nicht an warnenden Stimmen mit Blick auf die kommende Heizsaison, die im Oktober beginnt.
Wettbewerb mit Asien
Die Internationale Energie-Agentur (IEA) etwa sieht weiterhin "größere Unsicherheiten" auf dem europäischen Gasmarkt. Ein kalter Winter, zusammen mit einem vollständigen Stopp russischer Pipelinegaslieferungen nach Europa könnte schnell zu neuen Spannungen führen, schreibt die Organisation anlässlich der Vorstellung ihres neuen Gasmarktreports.
Ein harter Wettbewerb um Gasmengen könnte auch dann entbrennen, wenn es in Nordwestasien, sprich China, Japan und Südkorea, zu ungewöhnlich kalten Temperaturen kommen und Chinas Wirtschaft stärker wachsen würde als erwartet, heißt es weiter.
Kein Grund zu Selbstzufriedenheit
Die Gasversorgungslage in Europa gilt auch deshalb weiterhin als fragil, weil der Kontinent wesentlich von Flüssigerdgasimporten abhängt. Nur eine Minderheit davon ist über europäische Unternehmen langfristig abgesichert. Wohin der Rest verschifft wird, darüber entscheidet im Wesentlichen der Preis.
Deshalb will die IEA den aktuellen Marktumständen nicht zu viel Bedeutung beimessen. Die Bedingungen im ersten Halbjahr seien kein Grund für Selbstzufriedenheit, heißt es im Report. Volle Gasspeicher seien keine Garantie gegen Preisschwankungen im Winter.
China in Schlüsselrolle
Eine entscheidende Rolle nehme dabei China ein, führt die IEA aus. Die Volksrepublik habe Europa als globaler "Ausgleichsmarkt" abgelöst. Habe Europa früher von flexiblen russischen Pipelinelieferungen, Brennstoffwechselpotential hin zu Kohle im Stromsektor, vielen LNG-Terminals und Gasspeichern profitiert, sei es im vergangenen Jahr China gewesen, das mit 20 Prozent weniger Gasimporten erhebliche Mengen für den Weltmarkt freigemacht habe.
Die Volksrepublik dürfte diese Position zudem mittelfristig festigen, weil sie sich schon jetzt über Langfristverträge zusätzliches Flüssigerdgas sichere. Laut IEA war China in 30 Prozent aller LNG-Liefervereinbarungen weltweit in den vergangenen fünf Jahren einer der Vertragsparteien.
Schwieriger Player
Das Problem dabei: Wegen beschränkter Pipeline- und Gasspeicherkapazitäten könne die asiatische Großmacht nicht so flexibel agieren wie Europa in früheren Jahren, führen die Experten aus. Zudem befinde sich die Mehrheit der chinesischen LNG-Importeure in staatlicher Hand. Sorgen um die Versorgungssicherheit und geopolitische Überlegungen könnten marktgetriebenen Entscheidungen vorangestellt werden.
Den Report der Internationalen Energie-Agentur zum Download gibt es hier.



