Die Bürgerinitiative "Klimaentscheid Erfurt" hat den Entwurf der kommunalen Wärmeplanung der Stadt Erfurt scharf kritisiert. Das über 500 Seiten starke Papier, das Ende März vorgelegt wurde, sei zwar solide – konkrete Zahlen zur finanziellen Belastung der Haushalte fehlten jedoch. Das geht aus einer Stellungnahme der Initiative hervor.
Besonders im Fokus steht die im Plan vorgesehene Option, Teile des Erfurter Gasnetzes künftig mit grünem Wasserstoff zu betreiben. Die Stadtwerke Erfurt erwarten laut dem Dokument, Teilgebiete der mehr als 200.000 Einwohner zählenden Landeshauptstadt mit Wasserstoff für die Wärmeversorgung beliefern zu können – sofern die Preise dafür sinken. Der Plan beziffert den Aufwand für die Netzumstellung auf zehn Millionen Euro.
Kein Effizienzvergleich mit der Wärmepumpe
"Im Plan fehlt jeder Effizienzvergleich", bemängelt die Initiative. Gemeint ist ein systematischer Kostenvergleich zwischen Wasserstoff und elektrischen Wärmepumpen als Alternative. Dabei nennt der Wärmeplan selbst einen "mittleren bis hohen vierstelligen Eurobetrag pro Haushalt" für den Umbau bestehender Erdgas-Thermen auf Wasserstoff – und fordert für einkommensschwache Haushalte bereits eine "Kompensationsstrategie".
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Zugleich kritisiert die Initiative, dass zu viele Fragen beim Thema Wasserstoffheizung offen bleiben: Es fehle eine Wirtschaftlichkeitsrechnung, eine verbindliche Zusage der Ferngasbetreiber sowie geeignete Heiztechnologie für Haushalte.
Externe Studien stützen die Skepsis
Die Bedenken sind nicht neu. Bereits eine Fraunhofer-Studie im Auftrag des Vereins Gaswende und von Greenpeace, über die die ZFK im Oktober 2025 berichtet hatte, hatte Wasserstoff als Heizoption für Haushalte als wirtschaftlich hochriskant eingestuft.
Demnach müsste ein durchschnittlicher Vierpersonenhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 16.800 Kilowattstunden (kWh) im Jahr 2035 mit Heizkosten zwischen 3587 und 5596 Euro rechnen – verglichen mit rund 2056 Euro bei einem vergleichbaren Erdgasanschluss heute. Förderprogramme, die Wasserstoffheizungen tragbar machen könnten, würden laut der Studie jährlich zwischen 9,4 und 21,3 Milliarden Euro kosten – eine politische Bereitschaft dafür sei derzeit nicht erkennbar.
Ein Rechtsgutachten der Umweltrechts-Kanzlei Günther, das 2024 im Auftrag mehrerer Umweltverbände erstellt wurde, war zudem zu dem Schluss gekommen: Ohne verbindlichen Fahrplan eines lokalen Gasnetzbetreibers sei eine Wärmeplanung mit Wasserstoff für Haushalte "nicht verantwortbar". Kommunen könnten und müssten Wasserstoff in solchen Fällen aus der Planung ausklammern, um keine Ressourcen für unrealistische Lösungen zu verschwenden.
Stadtwerke an Wasserstoffprojekt beteiligt
Dass die Stadtwerke Erfurt auf Wasserstoff setzen, dürfte einen konkreten Hintergrund haben: Die stadteigene SWE Energie ist Projektpartner im Thüringer Wasserstoffprojekt TH2ECO, das seit 2021 eine Wasserstoffinfrastruktur rund um Erfurt aufbaut. Herzstück ist eine 42 Kilometer lange umgestellte Gasleitung, die das Heizkraftwerk Erfurt mit Wasserstoff versorgen soll.
Laut Projektwebsite profitieren bereits rund 86.000 Einwohner – etwa 40 Prozent der Stadtbevölkerung – anteilig von grüner Fernwärme. Mittelfristig soll auch der Wasserstoffanteil im Erfurter Stadtnetz erhöht werden.
Die Kritik der Initiative wiesen die Stadtwerke Erfurt auf ZFK-Anfrage teilweise zurück. Die Gebiete, in denen Wasserstoff als Option genannt werde, seien bewusst als "Prüfgebiete" ausgewiesen – ohne abschließende Festlegung. "Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Bewertung dieser Optionen stehen noch nicht fest", erklärte ein Sprecher. Neben Wasserstoff kämen in diesen Gebieten auch Fernwärme und Wärmepumpen in Betracht. Konkrete Empfehlungen sollen in künftigen Fortschreibungen der Wärmeplanung folgen.
Frist läuft bis Ende Juni
Die Stadt Erfurt teilte der ZFK mit, zum Entwurf der kommunalen Wärmeplanung seien insgesamt 20 "teils sehr umfangreiche" Stellungnahmen eingegangen – die meisten davon positiv. Die Stellungnahme des Klimaentscheids sei erst am letzten Tag der Auslegungsfrist eingegangen, sagte Steffen Linnert, Beigeordneter für Finanzen der Stadt Erfurt. "Eine fachlich seriöse Auswertung ist uns in dieser kurzen Zeit nicht möglich."
Alle Stellungnahmen sollen bis zum 18. Juni verwaltungsintern bewertet und anschließend bis zum 30. Juni gemeinsam mit den Antworten auf der Website der Landeshauptstadt veröffentlicht werden.
Thüringen steht bei der Wärmewende vor einer besonderen Herausforderung: Insgesamt sind im Freistaat 190 Wärmepläne zu erstellen. Zehn Städte und Gemeinden haben ihre Planung laut dem Thüringer Energieministerium bereits Ende April abgeschlossen, darunter Eisenach, Meiningen und Jena.
Bei der zweiten Thüringer Wärmetagung Ende April in Erfurt war deutlich geworden, wie stark Finanzierungsfragen und gesellschaftliche Akzeptanz den Erfolg der Wärmewende im Freistaat mitbestimmen werden – und wie dringend die Branche klare politische Rahmenbedingungen braucht.



