Die Energiebranche fordert deutliche Nachbesserungen an der Kraftwerksstrategie, die Anreize für den Neubau von wasserstofffähigen Gaskraftwerken schaffen soll. Das Papier, das sich derzeit in der Konsultation befindet, enthalte eine Vielzahl von Annahmen, die absolut unsicher seien, stellte Philip Schnaars vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln (EWI) bei der Gastagung des Handelsblatts fest.
Deutlicher wurde Nikolaus Valerius, seit April 2024 Chef der RWE-Erzeugungstochter RWE Generation. Angesichts der sehr langen Realisierungszeiträume für den Kraftwerksneubau sei er "schon froh, dass 12,5 Gigawatt in der Konsultation" sind. Klar sei aber auch, dass man den Wechsel in die Erneuerbaren-Welt mit 10 oder 12 Gigawatt nicht schaffen werde. Die vorliegenden Pläne aus dem Haus von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck seien nicht ausreichend, machte Valerius unmissverständlich klar. "Man kann auf dieser Grundlage weder eine Ausschreibung vorbereiten noch ist Investitionssicherheit vorhanden."
Bauchschmerzen bereitet dem Energiemanager unter anderem die von der Politik gewünschte vollständige Umstellung der neuen Kraftwerke auf Wasserstoff. Selbst wenn man voraussetze, dass die Pipeline da sei und auch ausreichend grüner Wasserstoff vorhanden sei, sei das Risiko für Anlagenbetreiber zu hoch. Sollte dieser die Umrüstung nicht pünktlich schaffen, drohe womöglich eine Rückzahlung der Förderung. Hinzu komme, dass heute noch keine solche Anlage in Betrieb sei.
Risiken ungleich verteilt
Valerius ist zwar zuversichtlich, dass es hier in naher Zukunft innovative technische Lösungen geben wird. "Aber heute sind sie halt noch nicht da." Sein bitteres Fazit: "Es ist völlig richtig, sich schon jetzt bei diesem Thema auf den Weg zu machen, aber wenn bestimmte Dinge technisch noch nicht möglich sind, darf das nicht so pönalisiert werden, dass die ganzen Maßnahmen gar nicht erst stattfinden."
Ähnlich argumentierte Markus F. Schmidt, Chief Development Officer beim regionalen Energieversorger und Kraftwerksbetreiber Enervie. Es sei unsicher, ob der Konsultationsprozess noch zu substanziellen Änderungen führen werde. "Wir werden abwarten und nicht groß in Vorleistung gehen", sagte er.
KWK in der Strategie berücksichtigen
Was in der Kraftwerksstrategie völlig fehle, sei das Thema KWK, monierte Schmidt im weiteren Verlauf der Debatte. Dabei sei das ein Spielfeld, auf dem sich auch Stadtwerke wohlfühlen würden. Die Bedeutung der KWK werde unter anderem durch eine fortschreitende Elektrifizierung der Industrie abnehmen, gab Valerius zu bedenken. Dennoch gehöre sie in eine Kraftwerksstrategie, aber nur da, wo sie frei disponibel sei.
Über den Entwurf des Bundeswirtschaftsministeriums müsse noch viel diskutiert werden, so Valerius. "Wenn alles so bleibt, wie es jetzt da steht, ist das alles nicht investierbar." Trotz der massiven Unsicherheit und der hohen Risiken für Anlagenbetreiber bereite RWE einzelne Projekte vor. Das Ziel: Man wolle so Zeit einsparen, damit 2029 die erste Anlage in Betrieb gehen kann. (amo)



