Lange galt Asien als der Kontinent, der bestimmte, wohin es mit LNG-Preisen und -Schiffen hinging . Schließlich waren Länder wie Japan, Südkorea oder China in der Regel bereit, deutlich mehr für Flüssigerdgas zu zahlen als Europa. Und das nicht nur, weil sie Gas zu großen Teilen für die Stromproduktion einsetzten, sondern auch wegen fehlender oder unterentwickelter eigener Pipelinestrukturen.
Dann aber schossen mit Fortschreiten des vergangenen Jahres in Europa die Gaspreise in den Himmel und erreichten kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs sogar Preisspitzen von mehr als 300 Euro pro MWh. Die Folge: "Europa ist der Premiummarkt für LNG geworden", analysierte nun Gasexperte Jean Baptiste Dubreuil von der Internationalen Energieagentur (IEA) bei einer Veranstaltung des Branchenverbands Zukunft Gas.
Russische Mengen gehen deutlich zurück
Inzwischen ist der Markt wieder etwas abgekühlt. Allerdings werden Gas-Futures bis in den kommenden Winter hinein am Handelspunkt TTF noch immer für mehr als 90 Euro pro MWh gehandelt. Das ist weiterhin mehr als am asiatischen Leitindex JKM.
Der Hauptgrund für den Umschwung liegt am bisherig wichtigsten Lieferanten Europas Russland. Seit Oktober vergangenen Jahres bietet der staatliche Gaskonzern Gazprom keine Mengen mehr kurzfristig an. Seit Ausbruch des Krieges Ende Februar versucht zudem Europa selbst, sich möglichst bald von russischem Gas zu lösen. Bulgarien und Polen wurde mittlerweile der Gashahn komplett abgedreht. Für das Gesamtjahr erwartet die IEA einen Rückgang von 17 Prozent.
Alternative LNG
Alternativen sind rar. Nach IEA-Angaben haben unter anderem Norwegen und Großbritannien ihre Fördermengen erhöht. Ein Großteil aber kam aus Übersee und per Schiff.
Europas LNG-Importe seien im ersten Quartal 2022 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 70 Prozent gestiegen, legte Dubreuils Kollege Gergely Molnar dar. Insgesamt sei der Handel mit Flüssigerdgas um sieben Prozent gewachsen.
USA größter LNG-Lieferant für Europa
Nach seiner Einschätzung wird Europa 25 Prozent mehr LNG importiert haben als im Vorjahr. Das wäre ein "Allzeithoch", sagte er. "Das hängt vor allem damit zusammen, dass Europa ein Premiummarkt geworden ist und [LNG-]Ladungen von Asien weglockt." Sprich: Weil Europa mehr Geld für LNG hinlegt, ist der europäische Gasmarkt derzeit attraktiver als der asiatische.
Die USA seien in den vergangenen Monaten der wichtigste LNG-Lieferant für Europa gewesen, sagte Dubreuil. Auch weil sie mit am schnellsten zusätzliche Gasmengen zur Verfügung stellen könnten. Zudem sei Katar wegen seiner geografischen Lage flexibel, fördere aber schon am Anschlag. Australien wiederum liefere bislang noch nicht nach Europa. (aba)
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.



