Die "Hessische Allgemeine" will wissen, dass Gazprom in Berlin 130 bis 200 der 400 Arbeitsplätze ihrer Tochter Wingas von Kassel nach Berlin abziehe. Übrig bleibe bei Wingas Kassel nur der Vertrieb. Es solle für die Betroffenen "in jedem Fall einen Sozialplan" geben, so die Freitagsausgabe der Regionalzeitung. Sie beruft sich dabei auf nicht näher genannte eigene Informationen. Gazprom Germania in Berlin lehnte auch gegenüber der ZfK jeden Kommentar dazu ab. Gegenüber der "HNA" hatte es geheißen, man kommentiere grundsätzlich keine Gerüchte.
Die Gesetzmäßigkeiten eines russischen Konzerns
Mit ihrem Schweigen schürt die Gazprom natürlich, ob sie will oder nicht, die Annahme, an Berichten wie diesem sei etwas dran. Normalerweise ist es ja dann auch so. Doch bei Wingas und Gazprom Germania handelt es sich um Unternehmen in 100 Prozent russischem Besitz. Wintershall/BASF hatte seine 50 Prozent an Wingas 2015 verkauft. Und in russischen Konzernen gelten andere Gesetzmäßigkeiten. Die lauten im Gazprom-Konzern laut einer Quelle aus der Gaswirtschaft, die nicht genannt werden will:
- Die Entscheidungen von Gazprom dauern lang und werden in Russland getroffen. Vorher tappen so gut wie alle Mitarbeiter in Westeuropa im Dunkeln, und die Gerüchteküche brodelt.
- Ist aber eine Entscheidung gefallen, geht die Umsetzung ultraschnell.
- Unabhängig denkende einheimische Manager werden durch stromlinienförmige russische Führungskräfte ersetzt, und zwar ohne jede Berücksichtigung eines westlichen Business-Knigge. Dies sah man erst an der Art, wie Gazprom im Oktober 2017 zuerst Wingas-Chef Gerhard König absägte, der sich zu einer Art Sprecher der deutschen Gaswirtschaft entwickelt hatte. Bei der einsilbigen Pressemitteilung am 12. Oktober 2017 – sie bestand aus 13 dürren Zeilen ohne Dank für 15 Jahre Mitarbeit des damals 50-Jährigen – war König schon weg.
- Noch dramatischer die Umstände der Trennung vom anderen deutschen Geschäftsführer Ludwig Möhring während der 2018er Messe E-World. Auch er hatte sich zu einem eloquenten Vertreter gesamtdeutscher Gasinteressen profiliert. Am ersten Tag, so schilderte der Fachjournalist Heiko Lohmann, gab es bereits Gerüchte über seine Entlassung, aber er war noch in Essen präsent. Am zweiten Tag fehlte er, und weitere Gerüchte besagten, er sei nach Moskau zitiert worden. Am dritten Tag kam die offizielle Bestätigung einer Trennung mit Wirkung zum Folgetag. In drei Zeilen Pressemitteilung, auch ohne Dank.
- Nachrückende Russen – in Königs Fall Dmitrij Kotulskij, dieser schon wieder ersetzt von Lawrentij Piljagin (insoweit ist das Wingas-Impressum falsch), für Möhring Slawa Margulis – sind zwar unauffällig und öffentlichkeitsscheu, aber auch keine politischen Versorgungsfälle, sondern exzellente Fachleute auf ihrer Karriereleiter. In Kassel und Berlin können sie zumeist auch gut Deutsch.
- Die Verschwiegenheit trägt mitunter gespenstische Züge: Am Freitag war weder die Wingas-Zentrale noch die Wingas-Pressestelle telefonisch erreichbar. Eine Mail wurde dann von Gazprom Germania beantwortet: eben "kein Kommentar".
ZfK-Quelle: "HNA"-Bericht "Quatsch"
"Quatsch" – das ist der Kommentar einer anderen ZfK-Quelle direkt zu dem "HNA"-Bericht. Klar sei nur, dass der komplizierten Gazprom-Konzernstruktur in Westeuropa mit mehreren Töchtern mehrerer russischer Muttergesellschaften in London, Berlin, Wien und Kassel eine Reorganisation bevorstehe. Der Standort Kassel stehe nicht zur Disposition. Mehr könne man schlicht noch gar nicht wissen, hieß es.
Die Kasseler Lokalzeitung will auch schon erfahren haben, die Wingas zentralisiere ihre drei Kasseler Standorte auf die Zentrale am Königstor (im Bild). Demnach würden 40 Mitarbeiter eines anderen Büros der Wingas nachrücken sowie die 50 Beschäftigten der Speichertochter Astora. Gazprom Germania auch dazu - nicht allzu überraschend: "Kein Kommentar." (geo)



