Die Eskalation in Nahost ließ auch in dieser Woche die Gasmärkte gehörig schwanken. Seit Konfliktbeginn haben sich die Spotpreise zeitweise auf bis zu 55 Euro pro Megawattstunde (MWh) verteuert. Aus fundamentaler Sicht ist der Markt eigentlich bearish. Ein Überblick.
Die Angst vor einem Flächenbrand in der Nahostregion hält die Märkte in Anspannung. Die Aufschläge, die auf dem Gasmarkt seit Beginn des Konflikts zu sehen waren, sind jedoch nicht fundamental begründet. Abhängig von der weiteren Entwicklung sind auch deutlich höhere Preise denkbar.
Erinnerungen an "Ever Given"-Havarie
Eine weitere Eskalation des Konflikts könnte zu Einschränkungen bei den Schiffspassagen durch den Suezkanal führen. Der Kanal verbindet das Rote Meer mit dem Mittelmeer und versorgt Europa mit Waren aus Fernost. Befürchtet wird auch eine Blockade der Straße von Hormus, die als Tür der öl- und gasreichen Golfstaaten zu den großen Weltmeeren gilt.
Auch wenn diese Szenarien derzeit unwahrscheinlich sind, werden Erinnerungen an die "Ever Given"-Krise im Jahr 2021 wach. Damals blieb das Containerschiff "Ever Given" im Suezkanal stecken und blockierte die für den Welthandel so wichtige Transportroute sechs Tage lang.
Elf Prozent der LNG-Lieferungen aus Katar
Sollte es zu Einschränkungen auf dem Suezkanal kommen, würde dies in Europa insgesamt zu einer Güterverknappung und damit möglicherweise zu Problemen bei Flüssigerdgas- oder LNG-Lieferungen aus Katar führen. Letzteres wäre insbesondere im Falle einer Blockade der Straße von Hormus der Fall. Zusätzliche Brisanz birgt, dass Katar als Unterstützer der Terrorgruppe Hamas gilt.
Katar hat in diesem Jahr bisher 145 LNG-Schiffslieferungen nach Europa verschifft. Sein Flüssigerdgasanteil in Europa liegt in diesem Jahr bislang bei elf Prozent. Damit ist das Land drittgrößter LNG-Lieferant für Europa – nach den USA und Russland.
Tamar-Gasfeld vorübergehend geschlossen
Der Marktanteil der Vereinigten Staaten beträgt bislang in diesem Jahr 43 Prozent. 551 LNG-Schiffslieferungen kamen von dort. Aus Russland stammten insgesamt 171 LNG-Schiffe. Das entspricht einem Marktanteil von 13 Prozent.
Durch die vorübergehende Schließung des israelischen Tamar-Gasfelds verringern sich derzeit die israelischen Gasexporte nach Ägypten um rund 30 Prozent. Die Auswirkungen durch eine geringere Verfügbarkeit von ägyptischem Flüssigerdgas in Europa sind aber eher marginal.
Katar-LNG: Belgien und Italien Hauptabnehmer
Ägypten hat in diesem Jahr bisher 21 LNG-Lieferungen nach Europa verschifft. Der ägyptische Anteil auf dem europäischen LNG-Markt beträgt zwei Prozent.
Die meisten katarischen LNG-Lieferungen gingen bisher in diesem Jahr nach Belgien und Italien. Am belgischen LNG-Terminal Zeebrugge wurden 39 LNG-Lieferungen gezählt. Nur Russland lieferte mit 48 Schiffslieferungen noch mehr Flüssigerdgas dorthin. Ebenfalls 39 Lieferungen gingen an italienische LNG-Terminals.
Weitere Importländer
Großbritannien importierte 19 LNG-Ladungen aus Katar, Frankreich 15, Polen 14 und Spanien 13.
Sollte Flüssigerdgas aus Katar in den nächsten Monaten in Europa ausbleiben, sind deutlich höhere Preisaufschläge auf dem Gasmarkt denkbar.
Fundamentaldaten bearish
Der Spotpreis am Handelsplatz TTF wäre ohne die Eskalation des Nahost-Konflikts womöglich in diesen Wochen auf 20 Euro pro MWh gesunken. Der Gasmarkt ist insgesamt gut ausbalanciert. Die Gasspeicher sind mit 98 Prozent Füllstand fast voll und das LNG-Angebot hat sich wieder deutlich erholt.
Die Pipeline-Lieferungen aus Norwegen und Algerien sind mit rund 3600 GWh pro Tag beziehungsweise 1100 GWh pro Tag stabil. Die Lieferungen aus Russland und Aserbaidschan mit 1050 GWh pro Tag beziehungsweise 400 GWh pro Tag erreichten in dieser Woche neue Jahreshöchststände.
LNG-Aussendungen in EU und Großbritannien
Die LNG-Aussendungen in EU und Großbritannien lagen zuletzt bei insgesamt 4300 GWh pro Tag und damit rund 1000 GWh pro Tag über dem Jahrestief vor rund vier Wochen.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Balticconnector: Wie wichtig ist die beschädigte Ostsee-Pipeline für Europa?"
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.


