Das Bundesforschungsministerium macht Druck, dass eine ambitionierte nationale Wasserstrategie endlich auf den Weg kommt.

Das Bundesforschungsministerium macht Druck, dass eine ambitionierte nationale Wasserstrategie endlich auf den Weg kommt.

Bild: © Thomas/AdobeStock

Die am heutigen Mittwoch vom Bundeskabinett verabschiedete Nationale Wasserstoffstrategie (NWS) stößt in der Opposition, aber auch in der Branche auf ein geteiltes Echo. Dena-Chef Andreas Kuhlmann fordert eine zügige und konsequente Gestaltung des Markthochlaufs von Wasserstoff. Die avisierten fünf Gigawatt Elektrolysekapazitäten in Deutschland bis zum Jahr 2030 seien ein gutes erstes Ziel. "Dennoch ist bereits heute klar, dass diese fünf Gigawatt nur einen Bruchteil der bis zum Jahr 2030 erforderlichen Mengen an klimafreundlichen Wasserstoff in Deutschland erzeugen können", sagt Kuhlmann.

Angesichts der ambitionierten Ziele müsse nun mit einer zügigen Umsetzung begonnen werden. "Ganz vorne stehen dabei die im Konjunkturpaket avisierten Regelungen für die EEG-Umlage und die Realisierung der gegenwärtig im Wesentlichen über die Reallabore geplanten Projekte", so Kuhlmann.

Liebing: Stadtwerke nicht aus dem Blick verlieren

Von einem "richtigen Schritt" spricht VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing. Die Energiewirtschaft habe das Potenzial des Energieträgers Wasserstoff für den Klimaschutz und für den Technologiestandort Deutschland schon seit längerem erkannt. Viele Stadtwerke hätten bereits eigene Wasserstoffprojekte entwickelt oder hätten sie in der Planung. "Daher ist bedauerlich, dass die Wasserstoffstrategie kaum auf die dezentrale Wasserstofferzeugung eingeht. Hier bestehen erhebliche Möglichkeiten, regionale oder lokale Wasserstoffbedarfe zu decken und einen lokalen Beitrag zur Systemstabilität und Versorgungssicherheit zu leisten."

Hauptsächlich auf Importe zu setzen sei problematisch. "Beim Thema Wasserstoff dürfen wir nicht nur an Sahara und Rub al-Chali-Wüste denken, sondern auch an heimische Regionen wie Ruhrgebiet und Rheingau", erklärte Liebing.

Zu unkonkret seien die Themen Infrastrukturen und Wärmemarkt. "Hier kommt es jetzt darauf an, dass die Bundesregierung zügig Maßnahmen entwickelt, mit denen etwa Gasnetzbetreibern der öffentlichen Versorgung der Betrieb reiner Wasserstoffnetze ermöglichen würde oder die zeigen, wie das Klimaschutzpotenzial für Wasserstoff im großen Bereich der Wärmeversorgung gehoben werden kann. "Auch wenn der Wasserstoffready-Bonus für KWK-Anlagen ein erster guter Ansatz sei, brauche es ein umfassendes Konzept."

BDEW: Europäisch denken

Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, mahnte hingegen an, dass Thema Wasserstoff nun auch auf europäischer Ebene weiter voranzutreiben. "Um Importpotenziale erschließen zu können, ist eine frühzeitige Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Union wichtig. Die Bundesregierung sollte in ihrer EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte daher den Aufbau eines europäischen Wasserstoffprojektes forcieren." Dazu gehöre vor allem eine einheitliche Definition von grünen und dekarbonisierten Gasen und die Schaffung eines Handelssystems für diese Produkte, inklusive eines EU-weiten, transparenten Nachweissystems.

BDI: Ungenutzte Potenziale

Ungenutzte Möglichkeiten sieht Holger Lösch, der stellvertretende BDI-Hauptgeschäftsführer. Die Bundesregierung habe die Chance verpasst, das Potenzial des Straßenverkehrs für den Markthochlauf von Wasserstoff zu nutzen. "Dieses schwere Versäumnis ist kontraproduktiv angesichts der aufgrund der Corona-Pandemie eingeschränkten privaten und öffentlichen Investitionsmöglichkeiten."

Nach Auffassung des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz wiederum ist die NWS "eine gute Ausgangsbasis für eine klimaneutrale Wirtschaft 2050". Dabei spiele eine möglichst effiziente Verknüpfung der industriellen Wasserstoffproduktion mit den Stromnetzen eine entscheidende Rolle, sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Stefan Kapferer.

Tennet: Integrierte Infrastrukturplanung als Erfolgsfaktor

Ähnlich argumentiert Tennet. "Strom und Gas müssen sich in Zukunft gegenseitig ergänzen und die dafür benötigte Infrastruktur integriert geplant werden, um das Energiesystem zuverlässig und bezahlbar zu halten", sagt Tim Meyerjürgens, Geschäftsführer des Übertragungsnetzbetreibers. Gebraucht würden neben einer starken und gut ausgebauten Stromnetz-Infrastruktur auch saisonale Speicher und zusätzliche Transportlösungen wie sie das Gasnetz und Power-to-Gas bieten. "Das bringt die Sektorenkopplung voran und entlastet das Stromnetz." Aus Sicht des Netzbetreibers besteht bei der Umsetzung der Nationalen Wasserstoffstrategie hoher Zeitdruck. Man müsse nun schnell konkrete Projekte vorantreiben und brauche dazu Förderprogramme.

Die FNB Gas erneuerten ihre Forderung nach einer schnellen Anpassung des Rechtsrahmens für den Wasserstofftransport noch in dieser Legislatur. „Ohne Wasserstoffinfrastruktur keine Marktentwicklung“ erklärt Ralph Bahke, Vorstandsvorsitzender des FNB Gas.

Kehler: Nicht auf grünen Wasserstoff fokussieren

Von einem "Wendepunkt" und "Meilenstein" der deutschen Energiepolitik spricht Timm Kehler, Vorstand der Brancheninitiative Zukunft Erdgas.Die NWS zeige, dass sich die Bundesregierung von der Utopie der "Vollelektrifizierung" verabschiedet und stattdessen einen realistischen Zukunftsweg einschläge. Richtig umgesetzt, könne die Strategie Deutschland zum europäischen Wasserstoff-Drehkreuz machen. Nach Kehlers Einschätzung greift der aktuelle Plan bei der Erzeugung von Wasserstoff allerdings zu kurz.

Die Politik fokussiere zu stark auf grünen Wasserstoff. "Neben der Elektrolyse können aber auch Technologien genutzt werden, die aus Erdgas CO2-neutral Wasserstoff herstellen. Nur durch einen technologieoffenen Ansatz lassen sich die großen Mengen Wasserstoff, die wir zukünftig benötigen werden, zum besten Preis erzeugen. Wir hoffen daher, dass diese fahrlässige Verengung auf eine Erzeugungsroute noch korrigiert wird. Andernfalls droht Deutschland bei der Wasserstoffherstellung den Anschluss zu verlieren", warnt Kehler.

BUND: NWS als "Sackgasse"

Von einer "Sackgasse" spricht hingegen der BUND. Die NWS diene nicht dem Ziel, Deutschland schnellstmöglich in eine klimaneutrale Energieversorgung zu führen. Sie verstetige einen hohen Energieverbrauch, indem sie zentrale Anforderungen an Energiesparen und Energieeffizienz außer Acht lasse. Zudem mache sie Deutschland von Importen abhängig. Auch im Verkehr setze die NWS falsche Prioritäten: Aufgrund des hohen Stromverbrauchs bei seiner Herstellung könne Wasserstoff immer nur die zweit- oder drittbeste Lösung nach der direkten Stromnutzung sein, so der BUND.

"Deutschland wird absehbar und selbst verantwortet vor einer gigantischen Wasserstofflücke stehen. Der zusätzliche Ausbau erneuerbaren Stroms muss dringend und drastisch beschleunigt werden, um die Importabhängigkeit zu verringern", fordert Antje von Broock, Geschäftsführerin Politik und Kommunikation beim BUND. Der Ansatz einer grünen Wasserstoffstrategie sollte sein, die erneuerbaren Energien bis 2030 auf einen Anteil von 75 Prozent zu erhöhen. Zugleich müsse der Energieverbrauch drastisch gesenkt und die Erneuerbaren so effizient wie möglich eingesetzt werden. "Denn nur Wasserstoff, der auf der Grundlage erneuerbarer Energien hergestellt wurde, ist wirklich grün."

Kritik übt der BUND auch am übergangsweise vorgesehenen Einsatz von blauem Wasserstoff. Das Verfahren sei nicht gut für die Umwelt, teuer und ökonomisch nicht konkurrenzfähig. Auch im Verkehrssektor würden die Weichen falsch gestellt. Hier hätte die Politik auf Elektrofahrzeuge setzen sollen.

DUH: Bundesregierung verschärft Knappheit

Milder fällt das Urteil der Deutschen Umwelthilfe (DUH) aus. Der Fokus auf die Erzeugung von grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Energien zu setzen, sei richtig. Das Ausbauziel von fünf Gigawatt Elektrolyseleistung bis 2030 müsse aus klimapolitischer Sicht jedoch auf zehn Gigawatt in 2030 verdoppelt werden.

Weil grüner Wasserstoff ein rares Gut sei, dürfe er nur für die Bereiche eingesetzt werden, in denen es keine Alternative zu fossilen Energien gebe, wie zum Beispiel der Industrie, betont die DUH. Die Bundesregierung verschärfe die Knappheit von grünem Wasserstoff zusätzlich, indem sie Wind- und Solarenergie fortlaufend ausbremse.

Immer noch Streit über die "Farbe"

Das offene Hintertürchen für blauen Wasserstoff, das in der NWS enthalten sei, müsse geschlossen werden. Aus fossilem Erdgas basierender Wasserstoff dürfe nicht zu Einsatz kommen. Eine pauschale Befreiung der Herstellung von Wasserstoff von Steuern und Abgaben, wie zum Beispiel der EEG-Umlage, lehnt die DUH ab.

Zu einer anderen Einschätzung kommt Gunnar Groebler, Senior Vice President und Chef des Geschäftsbereichs Wind bei Vattenfall. Er sieht die NWS ausdrücklich als "grünes Programm" und als wichtigen Meilenstein für mehr Klimaschutz und Innovation. Die Bundesregierung habe die Weichen für die weitere Dekarbonisierung gestellt. „Es kann sich nun ein Markt für europäischen, grünen Wasserstoff entwickeln, der jedoch durch den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien flankiert werden muss. Nur grüne Elektronen aus Erneuerbaren liefern diesen grünen Wasserstoff“, so Groebler. (amo)

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