Die Gerüchte um ein mögliches Comeback der Ostseepipeline Nord Stream 2 haben neue Nahrung bekommen. Wie jetzt bekannt wurde, wendete der hoch verschuldete Pipelinebetreiber Nord Stream 2 AG eine Insolvenz ab.
Das Gericht im Schweizer Kanton Zug genehmigte den Nachlassvertrag, der die Sanierung durch einen Schuldenschnitt möglich macht. Andernfalls wäre nach Schweizer Recht der Konkurs verhängt worden, was einem deutschen Insolvenzverfahren entspricht. Nord Stream 2 gehört dem russischen Staatskonzern Gazprom und hat seinen Sitz im Kanton Zug.
US-Interesse an Nord-Stream-Pipeline
Großgläubiger wie die westeuropäischen Energiekonzerne Engie, OMV, Shell, Uniper und Wintershall einigten sich am 30. April auf einen Nachlassvertrag, wie das Gericht mitteilte. Weil dagegen noch Beschwerde eingelegt werden kann, erteile es keine weiteren Auskünfte. Die Großgläubiger dürften erhebliche Abschläge auf ihre Investitionen in Kauf genommen haben. Sie hatten Milliardenbeträge investiert. Um den Nachlassvertrag wurde zweieinhalb Jahre gerungen. Der Bau der Pipeline kostete knapp zehn Milliarden Euro.
Hartnäckig halten sich Spekulationen darüber, dass US-Investoren Interesse an einem Einstieg beim Pipelinebetreiber haben. Genannt wird etwa der wohlhabende US-Geschäftsmann und Unterstützer von US-Präsident Donald Trump, Stephen P. Lynch. Dem "Wall Street Journal" sagte er, der Kauf sei eine einmalige Gelegenheit, die Energieversorgung Europas unter amerikanische und europäische Kontrolle zu bringen. Die Idee ist, russisches Gas durch eine dann amerikanische Pipeline nach Europa zu pumpen. Lynch ist seit 20 Jahren in Osteuropa und Russland tätig.
Wirrungen der Nord-Stream-2-Pipeline
Der Pipelinebetrieb könnte Teil einer amerikanisch-russischen Vereinbarung zur Beilegung des Ukraine-Kriegs werden. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte im März im staatlichen Fernsehen gesagt: "Über Nord Stream wird gesprochen." Die US-amerikanischen Vermittlungsbemühungen sind allerdings zuletzt ins Stocken geraten, ein Waffenstillstand zwischen Ukraine und Russland scheint nicht in Sicht.
Kurz vor dem russischen Überfall auf die Ukraine hatte der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) im Februar 2022 das Zertifizierungsverfahren von Nord Stream 2 gestoppt. Im darauffolgenden Herbst wurde eine der der beiden Pipelinestränge unter offiziell noch ungeklärten Umständen beschädigt.
Im Februar dieses Jahres teilte das Ministerium mit, dass es über eine etwaige leitungsgebundene Lieferung von russischem Gas keine Gespräche mit Russland führe. Hinter den Kulissen wurde allerdings gemunkelt, dass man einem US-Eigentümer die Wiederinbetriebnahme und Zertifizierung der Pipeline im Fall des Falls nur schwer verweigern könne.
Russisches Gas weiter im europäischen Energiemix
Derzeit kommt russisches Erdgas nur noch über die Turkstream-Pipeline und Flüssigerdgaslieferungen nach Europa. Nach Angaben des Analysehauses Ganexo beträgt der russische Anteil am europäischen Gasmix im laufenden Jahr rund zwölf Prozent. Zuletzt kündigte die EU-Kommission an, russische Energieimporte bis 2027 komplett stoppen zu wollen.
Wie wirtschaftlich eine Inbetriebnahme der Nord-Stream-Stränge für den Transport von Erdgas wäre, ist in der Energiebranche umstritten. Gasmarkt-Analyst Heiko Lohmann ist skeptisch. "Gaswirtschaftlich sehe ich keine Zukunft für die Nord Stream 2 als Erdgaspipeline", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Wenn es überhaupt einen fairen Frieden zwischen Russland und der Ukraine gibt, mit vermittelt von der EU, dann könnten russische Gaslieferungen Teil der Zukunft sein. Aber da würde man die Pipelines durch die Ukraine und Polen nutzen. Die benötigten Mengen wären dann so, dass man die Nord Stream 2 gar nicht braucht." (aba/dpa)



