Simon Müller ist Direktor Deutschland bei Agora Energiewende. Er leitet die Deutschlandarbeit von Agora zu übergreifenden Fragen der Energie- und Klimapolitik sowie in den Bereichen Strom, Wärme und Energieinfrastruktur.

Simon Müller ist Direktor Deutschland bei Agora Energiewende. Er leitet die Deutschlandarbeit von Agora zu übergreifenden Fragen der Energie- und Klimapolitik sowie in den Bereichen Strom, Wärme und Energieinfrastruktur.

Bild: © Agora Energiewende

Glauben sie, dass Stadtwerke den Wegfall der Einnahmen aus dem Gasgeschäft durch neue Wärmelösungen kompensieren können?

Man darf nicht vergessen, dass uns mit Erdgas in der Vergangenheit ein relativ günstiger Energieträger zur Verfügung stand. Heute ist die Situation eine völlig andere. Stadtwerke müssen neue Geschäftsmodelle entwickeln. Wie gut ihnen das gelingt, ist zunächst einmal offen. Kommunale Unternehmen haben aber sehr gute Startbedingungen: Stadtwerke genießen ein sehr hohes Vertrauen. Sie kennen die Situation vor Ort und können passgenaue Lösungen entwickeln. Gleichzeitig stehen sie vor wachsenden Herausforderungen und immer komplexeren Planungsaufgaben. Gerade kleinen Unternehmen würde ich raten, im Sinne der Ressourcenschonung, Kräfte zu bündeln und insbesondere bei komplexeren Themen eng miteinander zu kooperieren. Es hat keinen Sinn, wenn jedes Stadtwerk das Rad neu erfindet.

Das klingt sehr optimistisch.

Man sollte ehrlich sagen, dass Klimaneutralität hohe Investitionen erfordert. Dass Stadtwerke mit ihren Überschüssen im großen Stil wichtige kommunale Aufgaben finanzieren, wird in der Transformationsphase nicht mehr möglich sein. Das gehört zur Wahrheit einfach dazu. Umso wichtiger ist es, dass eine Debatte darüber startet, wie die Finanzierung dieser wichtigen kommunalen Aufgaben dauerhaft sichergestellt werden kann. Der steuerliche Querverbund wird das künftig nicht mehr finanzieren können.

Haben Sie einen Vorschlag?

Das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Insofern sind Bund, Länder und Kommunen gemeinsam gefragt. Die Wärmewende wird nur dann gelingen, wenn die Kommunen die nötigen Ressourcen haben – finanziell, aber natürlich auch personell.

Werden wir privates Kapital zur Finanzierung der Energiewende einsetzen müssen?

Auf jeden Fall. In anderen Bereichen, etwa bei Erzeugungsanlagen, ist das auch seit längerer Zeit gängige Praxis. Bei einer regulierten Infrastruktur wie den Netzen wird die Renditeerwartung privater Investoren allerdings zum Lackmustest. Bei der Mobilisierung von privatem Kapital für die Finanzierung der Netze sollte das oberste Ziel sein, dass die Netzentgelte dauerhaft bezahlbar bleiben. Nur wenn uns das gelingt, haben wir wirklich etwas gewonnen. Und natürlich sollten wir auch andere Möglichkeiten der Finanzierung in den Blick nehmen.

Welche sind das?

Die Möglichkeiten der Kommunen, im Rahmen der geltenden Finanzverfassung zusätzliche Mittel bereitzustellen, sind vielerorts noch nicht vollständig ausgelotet. Im Zentrum der Debatte stehen aktuell eher die eben genannten Möglichkeiten, über den Kapitalmarkt Investitionen zu ermöglichen. Aber erst wenn alle Optionen auf dem Tisch liegen, lässt sich sagen, welche am besten geeignet ist. Bei all dem sollten wir uns vor Augen führen, dass gerade die öffentliche Eigentümerschaft der Stadtwerke Quelle des großen Vertrauens von Bürgerinnen und Bürger in „ihre“ kommunalen Unternehmen ist. Meiner Meinung nach ist dieses Vertrauen das vielleicht wichtigste Kapital auf dem Weg zur Klimaneutralität.

Welche Rolle spielt denn das Gasnetz Ihrer Meinung nach in der Zukunft? Gibt es eine Energiewende ohne Moleküle?

Moleküle und damit auch Teile vom Gasnetz spielen eine Schlüsselrolle für die Klimaneutralität. Die Politik muss nun mit aller Kraft den Wasserstoff-Hochlauf in Deutschland und Europa vorantreiben. Dazu gehört auch die Umrüstung von Teilen der bestehenden Infrastruktur. Die Industrie braucht große Mengen grünen Wasserstoffs für eine klimaneutrale Produktion. Aber zur Wahrheit gehört auch: Der Bedarf an Molekülen wird in den nächsten Jahren im Energiesystem mengenmäßig deutlich zurückgehen.

Das sieht nicht jeder so. Branchenverbände würden gerne künftig viel mehr Biogas in die Netze einspeisen.

Diesen sehr wertvollen Rohstoff sollten wir mit Augenmaß und zunächst einmal dort einsetzen, wo es keine gute Alternative gibt. Wird Biomasse auf Basis von Reststoffen für die Wärmeerzeugung genutzt, muss das nachhaltig sein und zu einer echten CO₂-Einsparung führen. Bäume hingegen brauchen zu lange, um nachzuwachsen und wieder CO₂ speichern zu können, um sie einfach zu verheizen.

Es fällt auf, dass Agora Energiewende für eine Stilllegung des Gasnetzes und nicht für einen Rückbau plädiert. Warum?

Wir sollten unsere Ressourcen dort einsetzen, wo es am sinnvollsten ist. Tiefbaukapazitäten werden dringend für den Ausbau von Wärmenetzen oder die Ertüchtigung von Stromnetzen benötigt. Bei der Klimaneutralität sind wir ohnehin in einem Wettlauf gegen die Zeit. Ohne Not Leitungen auszubuddeln, würde uns in diesem Wettlauf eher bremsen.

Wie optimistisch sind sie, dass die Ampel das Thema „Zukunft der Gasnetze“ doch noch in dieser Legislaturperiode angeht?

Ich glaube, dass das gelingen kann. Meine Hoffnung ist, dass auch die kommunalen Unternehmen engagiert Planungssicherheit einfordern. Sie brauchen dringend einen tragfähigen Rahmen, damit sie ihren Beitrag dazu leisten können, dass Deutschland kostengünstig und rechtzeitig klimaneutral wird.

Sollten Stadtwerke also einfach loslegen oder doch erst auf den großen Wurf der Regierung warten?

Kommunale Unternehmen sollten jetzt voranschreiten und der Politik gleichzeitig Rückmeldungen geben, wenn in der Praxis neue Probleme auftauchen, die regulatorisch gelöst werden müssen. Die große Aufgabe Wärmewende kann nur gelingen, wenn die Politik schnell mitbekommt, wo in der Umsetzung der Schuh drückt. Man darf nicht vergessen, dass alle Beteiligten hier Neuland betreten. Es ist unwahrscheinlich, dass die Politik jetzt einen Ordnungsrahmen entwirft, der die nächsten 20 Jahre Bestand hat. Wir brauchen einen Plan, mit dem man loslegen kann, der aber zugleich die Möglichkeit gibt, bei Bedarf flexibel nachzujustieren.

Die Fragen stellten Hans-Peter Hoeren und Ariane Mohl.

Weitere Fragen an und Antworten von Simon Müller lesen Sie in der August-Ausgabe der ZfK. Das Interview mit Müller ist Teil einer umfangreichen Titelgeschichte zur Zukunft der Gasnetze. Sie haben noch kein Abonnement? Dann bitte hier entlang!

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