Deutschlands größter Gasspeicher im niedersächsischen Rehden stellt Deutschlands Gasmarkt vor ein Rätsel. Warum ist die Anlage, die knapp ein Fünftel der deutschen Speicherkapazität insgesamt umfasst (43,7 TWh), am Anfang der Heizsaison zu nicht einmal zehn Prozent gefüllt?
Und warum wurde sie seit Tagen, konkreter seit 4. Oktober, nicht weiter befüllt? Mancher mag da bereits einen Zusammenhang erkennen zwischen den Anfang des Monats begonnenen Regierungsverhandlungen zwischen SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP und dem Einspeicherstopp in Rehden.
Baerbock gegen Betriebserlaubnis für Nord Stream 2
Denn den Speicher betreibt mit Astora eine Tochter des russischen Staatskonzerns Gazprom. Vor allem die Grünen aber stemmen sich gegen das Gazprom-Großprojekt Nord Stream 2, wollen die Inbetriebnahme der Ostseeleitung verhindern.
Im Interview mit der Funke-Mediengruppe plädierte Grünen-Chefin Annalena Baerbock einmal mehr, dafür, der Pipeline vorerst keine Betriebserlaubnis zu erteilen. Nach europäischem Energierecht müsse der Betreiber "ein anderer sein als derjenige, der das Gas durchleitet", sagte sie. "Solange das ein und derselbe Konzern ist, darf die Betriebserlaubnis nicht erteilt werden."
Putin wirbt für Nord Stream 2
Noch fehlen letzte Genehmigungen deutscher Behörden, damit Gas fließen kann. Und ohne ausstehende Zertifizierung wollen die Betreiber wohl nicht mit dem Gastransport starten. "Nord Stream 2 trifft alle notwendigen Vorkehrungen, um die Einhaltung geltender Regeln und Vorschriften zu gewährleisten", teilte die Nord Stream 2 AG am Mittwoch auf Anfrage mit. "Dazu gehört auch das deutsche Energiewirtschaftsgesetz (EnWG), das die EU-Gasrichtlinie in deutsches Recht umsetzt."
Das dürfte auch Russlands Präsident Wladimir Putin bewusst sein. Erst vergangene Woche warb er deshalb vor internationalem Publikum für eine rasche Inbetriebnahme der Pipeline.
Krischer: Speicherstand "besorgniserregend"
Die Lieferungen über diesen Weg würden zu einer Entspannung auf dem aufgeheizten Gasmarkt und zu einer Senkung der Preise führen, sagte er. Er bedauere, dass die "administrativen Barrieren" bisher nicht überwunden seien.
Dient der fast leere Gasspeicher in Rehden da nur als weiteres Druckmittel? Grünen-Energieexperte und Bundestagsabgeordneter Oliver Krischer hält den Speicherstand in Rehden jedenfalls für "besorgniserregend, gerade auch weil dort in den vergangenen Jahren nach meiner Kenntnis insbesondere Gazprom selbst sowie entsprechende Tochterfirmen Erdgas eingelagert haben", wie er schriftlich mitteilt.
Am 4. Oktober letzte Einspeicherung
Die leeren Gazprom-Speicher in Deutschland seien entweder bewusst herbeigeführt worden oder es könne nicht geliefert werden, fährt Krischer fort. "Beide Szenarien sind unschön."
Tatsache ist, dass zum letzten Mal am 4. Oktober zwischen 5 und 6 Uhr morgens Gas in den Speicher floss, wie Bewegungsdaten des Betreibers Astora zeigen. Seitdem wurde weder ein- noch ausgespeichert (Stand 20. Oktober, 10 Uhr).
Wartungsarbeiten in Jemgum
Für diese Unterbrechung hat Gazprom Germania auf ZfK-Nachfrage allerdings eine einfache Erklärung. In den vergangenen beiden Wochen seien jährliche Wartungsarbeiten an den technischen Anlagen durchgeführt worden, heißt es. Deshalb sei der Speicher für Kunden in diesen Zeiträumen nicht zur Verfügung gestanden.
Gleiches stehe nun dem anderen Astora-Speicher im niedersächsischen Jemgum bevor (Kapazität von 8,2 TWh). Auch dieser stehe Kunden in den beiden kommenden Wochen nicht zur Verfügung. Apropos Kunden: Die vorhandene Kapazität werde ohne Benachteiligung von Speicherkunden über die Auktionsplattform "Prisma" vermarktet.
Füllstand bundesweit bei 70 Prozent
Tatsächlich wurde nach Unternehmensangaben dort noch bis vergangenen Montag, 6 Uhr früh, Gas eingespeichert. Der Füllstand liegt aktuell bei knapp 83 Prozent.
Insgesamt beträgt der Füllstand aller deutschen Gasspeicher 70,6 Prozent. Der Füllstand in Jemgum ist also sogar höher.
Rehden zieht Schnitt nach unten
Anders sieht es dagegen aus, wenn der deutlich größere Gasspeicher in Rehden herausgerechnet würde. Dann läge Jemgum perfekt im bundesweiten Schnitt, der dann ebenfalls knapp 83 Prozent betrüge. (aba/dpa)



