Wladimir Putin bei einer Kranzniederlegung am Grab des Unbekannten Soldaten in der Nähe der Kremlmauer am 23. Februar.

Wladimir Putin bei einer Kranzniederlegung am Grab des Unbekannten Soldaten in der Nähe der Kremlmauer am 23. Februar.

Bild: © Alexei Nikolsky/Pool Sputnik Kremlin/dpa

Der russische Angriff auf die Ukraine hat Europas Gasmärkte erschüttert. Die Preise am Spotmarkt schossen am Donnerstag zwischendurch auf 120 Euro pro MWh, blieben damit aber noch deutlich unter dem Höchstwert im vergangenen Jahr. Der Frontjahreskontrakt erreichte mit 78 Euro pro MWh eine neue Höchstmarke.

Es herrsche große Unsicherheit über die zukünftige Gasversorgung und die langfristige Energiesicherheit Deutschlands nach dem Vertrauensbruch zu Russland, sagte Trader Stephan Hausl vom Thüga-Handelshaus Syneco im Gespräch mit der ZfK.

Mehr Gas über Velke Kapusany

Dabei erhöhten sich die Gasflüsse aus Russland beim slowakisch-ukrainischen Punkt Velke Kapusany sogar fast zeitgeich zu Beginn des Angriffs. Nord Stream 1 wurde weiterhin voll genutzt. Über das brandenburgische Mallnow dagegen kam – wie die Wochen zuvor – auch am Donnerstag kein Gas nach Deutschland.

Die Wetterprognosen hätten auf leicht-kalt und windarm gedreht, sagte Hausl. Zudem lägen die Gasspeicherfüllstände in Deutschland mittlerweile bei 28 Prozent und damit dreieinhalb Prozentpunkte unterhalb des Vorjahreswerts. "Das vereinfacht die Versorgungslage nicht."

"Auf das Schlimmste vorbereitet"

Deutsche Gasverbände und -unternehmen zeigten sich angesichts der russischen Attacke schockiert. "Wir sehen eine europäische Katastrophe", richtete Zukunft-Gas-Vorstand Timm Kehler per Pressemitteilung aus. Für Deutschland sei die Gasversorgung aber derzeit gesichert.

Selbes ließ EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verlauten. "Wir haben wochenlang daran gearbeitet, auf das Schlimmste vorbereitet zu sein", sagte sie. Dabei sei es auch darum gegangen, sicherzustellen, dass man unabhängig von jeglichem Druck durch russische Gaslieferungen sei. "Wir haben dieses Stadium erreicht."

LNG-Alternativen

Offenbar gibt es mehrere Länder, die in der Lage wären, ihre Flüssigerdgaslieferungen in die Europäische Union zu erhöhen.

Dabei soll es sich um Aserbaidschaen, Ägypten, Nigeria und auch Norwegen handeln.

Russland-Gas: VNG beruhigt

Unter Experten gilt es als eher unwahrscheinlich, dass Russland den Gashahn komplett zudreht. Auch der Leipziger Gasversorger VNG geht fest davon aus, dass das Land weiterhin liefere.

"VNG arbeitet mit ihren russischen Vertragspartnern bereits seit gut 50 Jahren zusammen", sagte der Vorstandsvorsitzende Ulf Heitmüller. Auch früher habe es immer mal wieder Phasen gegeben, in denen das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland auf politischer Ebene schwer belastet gewesen sei. Aber auch dann hätten die Russen ihre vertraglichen Verpflichtungen immer zuverlässig eingehalten.

Russland-Abhängigkeit

Ob Europa einen möglichen vollständigen Wegfall russischen Gases mit Blick auf den nächsten Winter kompensieren könnte, bleibt fraglich.

"Unter sonst gleichen Bedigungen, insbesondere was den Gasverbrauch betrifft, kann das russische Gas nicht komplett durch LNG ersetzt werden", sagte Marktanalyst Madjid Kübler vom Beratungsunternehmen Team Consult der ZfK. Möglich seien nur Verschiebungen. "Das heißt: Was die einen zusätzlich bekommen, muss an anderer Stelle an Liefermengen, sprich an Gaskonsum, gekürzt werden."

Nervöser Vertrieb

Die Folgen des russischen Angriffs machten sich am Donnerstag auch im Vertrieb bemerkbar. Als "gerade sehr turbulent" beschrieb der Chef eines kleinen Stadtwerks die Lage.

Nach ZfK-Informationen zogen zumindest bei einer Vertriebsplattform reihenweise Versorger ihre Angebote zurück. Die Eon-Tochter E wie Einfach bot am Donnerstagnachmittag auf dem Vergleichsportal Verivox für Berlin einen Verbrauchspreis von 13,44 Cent pro kWh. Das billigste Stadtwerkeangebot kam aus Potsdam. Der Verbrauchspreis hier: 10,73 Cent pro kWh.

EWE-Chef schließt weitere Aufschläge nicht aus

Noch vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine hatte EWE-Chef Stefan Dohler gesagt, dass er Preiserhöhungen für Strom und Gas nicht ausschließen könne. Dabei hatte der Konzern erst für April eine Preiserhöhung in der Grundversorgung bekanntgegeben. (Die ZfK berichtete.)

Der Manager hatte darauf verwiesen, dass Entspannung an den Energiemärkten nicht in Sicht sei. Einige Stunden später rollten russische Panzer tief in ukrainisches Territorium. (aba)

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