Sascha Müller-Kraenner, Chef der Deutschen Umwelthilfe, RWE-Chef Nikolaus Valerius, Dirk Biermann, COO von 50 Hertz, und Moderator Marc Oliver Bettzüge vom EWI Köln (v.l.)

Sascha Müller-Kraenner, Chef der Deutschen Umwelthilfe, RWE-Chef Nikolaus Valerius, Dirk Biermann, COO von 50 Hertz, und Moderator Marc Oliver Bettzüge vom EWI Köln (v.l.)

Bild: © Handelsblatt Energiegipfel

Von Ariane Mohl

Ist beim Wasserstoffhochlauf der Wunsch Vater des Gedankens? RWE-Chef Nikolaus Valerius sprach beim Energiegipfel des Handelsblatts in Berlin jedenfalls von einem deutlichen "Gap" zwischen dem, was von der Politik gewünscht wird und dem, was bislang umgesetzt wurde. Der Bau des Kernnetzes sei ein großer Fortschritt, zudem hätten es einzelne Projekte inzwischen in die Realisierung geschafft. "Insgesamt geht es aber viel langsamer voran als gedacht", so Valerius. Eine viel zu komplexe und kleinteilige Regulierung bremse den Hochlauf aus, erläuterte der Energiemanager und fragte rhetorisch in die Runde, für wen und zu welchem Zweck man eigentlich langwierige Debatten über die "richtige" Farbe des Wasserstoffs führe. In der Phase des Hochlaufs sei es wichtig, dass sich Erzeuger von Wasserstoff und Kunden finden und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Farbdebatten würden da nur stören. "Wir erschweren uns den Hochlauf selbst", so das bittere Fazit von Valerius.

Mehr Verlässlichkeit der Politik forderte auch Sascha Müller-Kränner, der Chef der Deutschen Umwelthilfe ein. Aus seiner Sicht braucht es vor allem eine klare Antwort auf die Frage, wo der Wasserstoff eingesetzt werden soll. Farbdebatten möchte auch er nicht führen: Für ihn ist klar: "Wir wollen dekarbonisieren." Deshalb müsse es grüner Wasserstoff sein. All das sei aber ohnehin nicht die entscheidende Frage: "Was wir brauchen, ist ein konsequenter Ausbau der Erneuerbaren." Gerade bei diesem für ihn zentralen Thema vernimmt Müller-Kraenner allerdings im Vorfeld der Bundestagswahl "widersprüchliche Signale".

Herausforderung für die Netze

Dirk Biermann, COO des Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz, schilderte eindrücklich, vor welchen Herausforderungen Netzbetreiber angesichts des Wasserstoffhochlaufs stehen. Sein Unternehmen plane so, dass die Elektrolyseure netzdienlich allokiert werden. Eine angedachte Elektrolyseursleistung von 60 Gigawatt sei "extrem viel". Das erfordere eine gute Planung – am besten bereits beim Bau der Anlagen. Über Baukostenzuschüsse, aber auch gezielte Förderung könne man dem Markt signalisieren, wo ein guter Standort für einen neuen Elektrolyseur sei. Für eine systemdienliche Elektrolyse und eine integrierte Netzplanung plädierten auch Müller-Kraenner und Valerius – schon alleine aus Kostengründen.

Uneins war sich die Runde bei der Rolle der Verteilnetze. Müller-Kraenners Position: Es sei richtig, das Kernnetz zu bauen, auch wenn es zu groß geraten sei. "Wir sollten uns jetzt aber nicht auf die Verteilnetze fokussieren. In der Fläche werden wir sie nicht brauchen." Es sei sinnvoll, sich auf einige wenige Großprojekte zu konzentrieren und genau zu überlegen, wo man Geld investiere.

Doppelstrukturen unvermeidbar

So dogmatisch wollte Valerius das nicht sehen. Auch er ist gegen eine flächendeckende Umrüstung der Verteilnetze. Aber überall dort, wo die Industrie Wasserstoff zur Dekarbonisierung braucht, müsse man aktiv werden. Zudem brauche der Umstieg von Erdgas auf Wasserstoff Zeit. Ohne die von Müller-Kraenner kritisierten Doppelstrukturen werde es nicht gehen – zumindest nicht in der Übergangszeit. Die Wasserstoffkunden bräuchten in der Transformation Sicherheit und Erdgas als Back-up, betonte er. Und man brauche eben auch blauen Wasserstoff und Technologien wie CCS, um den Wasserstoff überhaupt wirtschaftlich zu machen.  

Müller-Kraenner wiederum warnte vor der Verlängerung "fossiler Geschäftsmodelle". Ein Dorn im Auge sind ihm etwa die von dem möglichen künftigen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ins Spiel gebrachten 50 Gaskraftwerke – aus seiner Sicht, eine plakative Debatte ohne Substanz. Aber auch an CCS glaubt der Chef der Deutschen Umwelthilfe nicht – die Technologie sei viel zu teuer.

Auf die zentrale Rolle der Speicher ging Dirk Biermann ein. Es sei klar, dass Batteriespeicher alleine nicht reichen. Deutschland müsse zügig Wasserstoffspeicher bauen oder Erdgasspeicher umrüsten. Insgesamt sei er netzseitig ganz zufrieden mit der planerischen Koordination der Wasserstoffthematik. Offene Fragen gebe es etwa bei der "Platzierung" der Kraftwerke und den Speichern. Hier brauche es auch mit Blick auf die Netze eine ausgeglichene Verteilung.   

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