Der Gasverteilnetzbetreiber testet sein erstes Wasserstoff-BHKW aus.

Der Gasverteilnetzbetreiber testet sein erstes Wasserstoff-BHKW aus.

Bild: © malp/AdobeStock.com

Soll die Wärmewende gelingen, braucht Deutschland dazu alle klimaneutralen Energieträger, also Strom (aus Photovoltaik und Windkraft), Fernwärme, erneuerbare Energieträger (Solarthermie, Geothermie und Biomasse) und Wasserstoff für die Wärmeversorgung. Das ist das zentrale Ergebnis einer aktuellen Studie des Nationalen Wasserstoffrats (NWR). Das Gremium hat die Analyse bei den Fraunhofer-Institute für Solare Energiesysteme (ISE) sowie Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE) beauftragt. Ziel war, eine Analyse und Bewertung unterschiedlicher Dekarbonisierungspfade für den Wärmemarkt vorzunehmen. Mit ins Boot geholt wurden Verbände und Stadtwerke, die tiefe Einblicke in ihr Datenmaterial ermöglichten.

Die Forscher haben vier ausgewählte Versorgungsgebiete in den Blick genommen (Burg bei Magdeburg, Fellbach, Mainz und Westerstede), die strukturell sehr unterschiedlich sind. Wie Westenergie-Chefin Katherina Reiche, die zugleich Chefin des NWR ist, bei einem Pressetermin ausführte, wollen die Forscher mit diesem Bottom-up-Ansatz eine Forschungslücke schließen und Optionen für die effiziente Dekarbonisierung des Wärmesektors aufzeigen. Die Ergebnisse könnten durchaus auch als „Blaupause“ für die kommunale Wärmeplanung dienen.

Eine Lösung für alle gibt es nicht

Die Autoren der Studie hätten herausgearbeitet, dass es eine „One-Size-Fits-All-Lösung“ für den Wärmemarkt nicht gibt, führte Sebastian Herkel, Leiter der Abteilung Energieeffiziente Gebäude beim Fraunhofer ISE, aus. Transformationspfade müssten alle wesentlichen Technologien als mögliche Lösungsoption beinhalten, um für die lokal sehr unterschiedlich ausgeprägten Versorgungsaufgaben zu bestmöglichen Lösungen zu gelangen. „Dies muss mit verpflichtenden kommunalen Wärmeplanungen angegangen werden.“

Klar sei, dass es aufgrund der Komplexität und Heterogenität der Wärmeversorgung ein Bündel an Technologieoptionen brauche. Hauptlösungen sind nach Überzeugung der Forscher dabei Wärmepumpen, Wärmenetze, erneuerbare Wärme, aber auch Wasserstoff. Während der Ausbau von Wärmepumpen in allen Versorgungsgebieten die primäre Dekarbonisierungsstrategie in der Raumwärme sei, sichere der Einsatz von Wasserstoff das Erreichen der langfristigen Klimaziele (nach 2030) in der Industrie und Energieerzeugung (Fernwärme) ab.

Einheitliche Rahmenbedingungen für die kommunale Wärmeplanung

Katherina Reiche betonte im Pressegespräch, wie wichtig Vor-Ort-Analysen für die Wärmewende seien. Die Dekarbonisierungspfade der untersuchten Versorgungsgebiete variierten abhängig von den lokalen Gegebenheiten. Von entscheidender Bedeutung sei eine gute, auf umfangreichen Daten basierende kommunale Wärmeplanung. Bei der Erstellung von kommunalen Wärmeplänen sollten einheitliche Rahmenbedingungen zu technischen und ökonomischen Randbedingungen als Vorgaben fixiert und regelmäßig aktualisiert werden, waren sich die Teilnehmer des Pressetermins einig.

Jörg Bergmann, Leiter der Arbeitsgruppe Infrastruktur und Wärme des NWR, forderte einmal mehr, nun schnell mit dem Aufbau einer leistungsfähigen Wasserstoffinfrastruktur zu beginnen. Deutschland brauche zügig große Mengen günstigen Wasserstoffs: nicht nur für die Großindustrie, sondern auch für die an das Verteilnetz angeschlossenen Industrie- und Gewerbebetriebe sowie die (Fern-)Wärmeversorgung. 

Regulatorik anpassen, um Investitionen zu ermöglichen

Matthias Lenz, Geschäftsfeldleiter Netzplanung und Netzbetrieb beim Fraunhofer IEE, führte aus, dass die Netzbetreiber endlich Investitionssicherheit benötigen. Die Studie zeige, dass die Verteilnetzbetreiber sofort mit einer spartenübergreifenden, multimodalen Zielnetzplanung für Strom-, Gas- und Wärmenetze beginnen müssen. Dazu brauche es aber einen sinnvoll abgepassten regulatorischen Rahmen. Mindestens ebenso wichtig sei ein enger Austausch zwischen Versorgern, Kommunen und Unternehmen bei der kommunalen Wärmeplanung.

Im Fokus der Analyse steht auch die Bezahlbarkeit der Wärmewende für den Kunden bzw. die volkswirtschaftliche Kosteneffizienz. Erstellt wurde die Studie in einem Zeitraum, in dem infolge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine die Energiepreise explodierten.  Das habe für eine neue Dynamik in der Debatte über die Wärmeversorgung geführt, so Katherina Reiche. „Wir müssen effiziente und nachhaltige Lösungen schaffen, die gleichzeitig auch sozial fair sind. Dabei gilt: Die Wärmewende findet lokal statt. Jede Kommune, jeder Stadtteil ist anders. Um dieser Komplexität und Individualität vor Ort gerecht zu werden, bedarf es eines dezentralen Betrachtungsansatzes.“

Verteilnetzbetreiber in den Startlöchern

Florian Feller, Vorsitzender der Initiative H2vorOrt, sieht sich durch die Ergebnisse der Studie bestätigt. Die Energiewende müsse zur Situation vor Ort passen und dafür sorgen, dass neben Klimaneutralität auch weiterhin ein hohes Maß an Versorgungssicherheit gewährleistet sei. „Die Gasverteilnetzbetreiber legen mit dem GTP ein solides Fundament für die kommende kommunale Wärmeplanung. Viele von ihnen sehen erste Transformationen von Gas- zu Wasserstoffnetzen bereits in den nächsten acht Jahren. Großflächige Umstellungen werden in den 2030er Jahren erwartet.“

Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen, fordert die Bundesregierung auf,offene Fragen der Regulierung zeitnah und transformationsfreundlich zu regeln. Gas- und Wasserstoffnetze müssten als infrastrukturelle Einheit gedacht und entsprechend gemeinsam reguliert und finanziert werden. „Wichtig für eine erfolgreiche Transformation ist insbesondere, dass sich die Bundesregierung nun auf europäischer Ebene klar gegen das von der Europäischen Kommission vorgeschlagene Unbundling von Gas- und Wasserstoffnetzen ausspricht.“

Am Gasnetz scheitert es nicht

Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des DVGW, ist überzeugter denn je, dass der Einsatz von Wasserstoff in der kommunalen Wärmeplanung ein notwendiger Hebel für die Klimaneutralität Deutschlands ist. „Das heutige Erdgasnetz ist größtenteils wasserstofftauglich. Mit Investitionen in Höhe von rund 50 Milliarden Euro können wir seine komplette H2-Readiness erreichen.”

BDEW-Chefin Kerstin Andreae macht sich für eine intensivere Förderung für die Wasserstofferzeugung – sowohl durch zentrale großtechnische Anlagen, aber genauso wichtig durch kleinere dezentrale Anlagen – sowie den Aus- und Umbau der notwendigen Infrastruktur stark. „Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen vereinfacht, Hemmnisse für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien abgebaut werden. Denn ein forcierter Erneuerbaren-Ausbau ist zwingende Voraussetzung für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft.“

Regeln und Standards etablieren

Zudem müssten Regeln und Standards für einen wettbewerblichen Wasserstoffmarkt festgelegt werden. Basis dafür seien unter anderem eine einheitliche Definition von erneuerbaren und dekarbonisierten Gasen und die Schaffung eines Handelssystems für diese Produkte, inklusive eines EU-weiten, transparentes Herkunftsnachweissystems. (amo)

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