Die Gaspreise sind in den vergangenen Monaten steil nach oben gegangen.

Die Gaspreise sind in den vergangenen Monaten steil nach oben gegangen.

Bild: © Andreas Baumer

Der Ausstieg aus dem Erdgas wird in Deutschland nicht so schnell gehen wie erhofft. Nach neuen Berechnungen könnte der Gesamtverbrauch von aktuell 740 Terawattstunden (TWh) bis 2030 auf lediglich 690 bis 720 Terawattstunden zurückgehen – deutlich geringfügiger als die Prognose aus dem Netzentwicklungsplan, die von einem Erdgasbedarf von 550 bis 650 Terawattstunden ausgeht. Der schleppende Umstieg auf Wärmepumpen in Haushalten und Gewerben sowie vor allem der höhere Erdgasbedarf für die Stromproduktion und Fernwärmeerzeugung sind die wichtigsten Gründe für den geringen Rückgang der Nachfrage. Dies geht aus dem neuen Energiewendeindex der Unternehmensberatung McKinsey & Company hervor. 

"Deutschland wird voraussichtlich noch länger auf Erdgas angewiesen sein als angenommen", lässt sich Thomas Vahlenkamp, Senior Partner im Düsseldorfer Büro von McKinsey, in einer Mitteilung zitieren. Dies ergeben Berechnungen entlang der drei Verbrauchssektoren Haushalte und Gewerbe (45 Prozent Anteil am Gasverbrauch), Industrie (30 Prozent) und Kraftwerke (25 Prozent).

In Summe wird im Segment Haushalte, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen bis 2030 ein Rückgang der Erdgasnachfrage um 35 bis 45 TWh auf etwa 285 bis 295 TWh erwartet. 2023 betrug der Erdgasbedarf von Haushalten und Gewerbe etwa 330 TWh. Davon entfielen ungefähr 230 TWh auf die fast 20 Millionen Wohnungen in Deutschland, die mit Gas beheizt werden – knapp die Hälfte aller Haushalte im Land. Gewerbe, Handel und Dienstleistungen (GHD) verbrauchten rund 100 TWh, die ebenfalls überwiegend für Raumwärme und Warmwasser genutzt wurden. 

Wärmepumpenziele nicht erreichbar

Selbst bei einer Beschleunigung der derzeit schleppenden Absatzentwicklung von Wärmepumpen – 2024 wurden nur 193.000 verbaut – ist das Ziel von 6 Millionen installierter Wärmepumpen 2030 aus Sicht der Studienautoren schwer realisierbar. Auch die hohe Wärmepumpenquote im Neubau reiche nicht aus, um die Ausbauziele zu erreichen.

Derzeit heizen knapp 14 Prozent der Haushalte mit Fernwärme. Mittelfristig sollen jährlich rund 100.000 Gebäude neu an Wärmenetze angeschlossen werden. Das Ziel erscheint nach Einschätzung von McKinsey realistisch, nachdem 2023 erstmals diese Schwelle überschritten worden ist. Zugleich geht das Beratungshaus allenfalls von einer moderaten Abkehr von der Gasheizung aus. Bis 2030 prognostiziert McKinsey einen Rückgang des Gasbedarfs um 25 bis 30 TWh im Vergleich zum Basisjahr 2023, zusätzliche 10 bis 15 TWh könnten demnach durch Energieeffizienzmaßnahmen erreicht werden. 

Im Industriesektorwurden 2023 rund 215 TWh Erdgas verwendet – vor allem zur Erzeugung von Prozesswärme, bei der Erdgas über 40 Prozent aller eingesetzten Endenergieträger ausmacht. Insgesamt erwarten die Studienautoren einen Rückgang des industriellen Gasbedarfs um 45 bis 55 TWh bis 2030. Die Nachfrage im Industriesektor würde damit auf 160 bis 170 TWh sinken.

Mehr Gas durch Fernwärmeausbau und Verstromung

Ein Nachfrageschub ist laut der Analyse hingegen durch die vermehrte Strom- und Fernwärmeerzeugung durch Erdgas zu erwarten. Wurden 2023 noch 140 TWh Erdgas zur Strom- und 55 TWh zur Fernwärmeerzeugung genutzt, könnte sich dieser Wert auf 170 bis 175 TWh (Stromerzeugung) und 75 bis 80 TWh (Fernwärme) erhöhen. Infolge des Kohle- und Kernkraftausstiegs muss laut der Analyse in der Stromerzeugung mehr Gas herangezogen werden, da die erneuerbaren Energien aufgrund ihrer Volatilität und des schleppenden Ausbaus den Bedarf nicht allein werden decken können.

Die Verfasser der Studie plädieren angesichts der neuen Zahlen dafür, die Gasnachfrage realistisch abzuschätzen. Hierzu sei eine klare Analyse der Fakten und Nachfrageentwicklungen erforderlich. Zudem gelte es, die Gasversorgung auf sichere Füße zu stellen, auch um neue Preisspitzen für Erdgas zu vermeiden. Klare Aussagen treffen die Verfasser der Analyse auch mit Blick auf die Infrastruktur. Das Gasnetz sollte nicht vorschnell "abgewickelt" werden.Auch bei längerfristig sinkendem Erdgasbedarf könne es noch von großem Nutzen sein, zum Beispiel bei der Umwidmung von Pipelines auf den Transport von Wasserstoff oder CO2 zur Abscheidung und Speicherung. (amo)

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