Der Branchenverband Zukunft Gas zieht trotz der Preisturbulenzen auf den Weltmärkten ein positives Fazit des vergangenen Jahres. Trotz aller Herausforderungen habe sich gezeigt, dass das deutsche Gassystem funktioniere und in der Lage sei, Krisen zu überstehen, betonte Timm Kehler, Vorstand von Zukunft Gas, bei einer digitalen Pressekonferenz.
Gas stehe bei den Bundesbürgern nach wie vor hoch im Kurs. Im vergangenen Jahr lieferte Erdgas 26,7 Prozent der in Deutschland verbrauchten Primärenergie. Nur der Anteil von Mineral- und Heizöl (31,8 Prozent) ist größer. Zuwächse gab es laut Kehler sowohl beim Primärenergieverbrauch (+2,6 Prozent) als auch beim Erdgasverbrauch (+3,9 Prozent). Der Anteil der Erneuerbaren sei wiederum leicht rückläufig gewesen. Hier sieht Kehler Chancen für Erdgas – auch um nicht auf Stein- oder Braunkohle zurückgreifen zu müssen.
Neue Gaskraftwerke bauen
Kehler warb einmal mehr für den Bau neuer Gaskraftwerke. Allein bei der Stromerzeugung verringere der Fuel-Switch von Kohle zu Gas die CO2-Emissionen um durchschnittlich 65 Prozent, rechnete er vor. Der Zubau sei vor allem mit Blick auf den Strommarkt unverzichtbar. „Wird der Koalitionsvertrag umgesetzt, stehen uns ab 2030 nur noch Gaskraftwerke zur Verfügung, um die Versorgung zu sichern, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Damit das gelingt, werden bis 2030 in Deutschland 20 bis 30 Gigawatt neue Gaskraftwerkskapazität benötigt. Es bedarf eines Investitionsvolumens von ca. 30 Milliarden Euro“, so Kehler. „Daher fordern wir schon länger die Einführung eines Kapazitätsmarktes, indem nicht nur die produzierte Energie vergütet wird, sondern auch Versorgungssicherheit einen Preis hat.“
Die EU-Taxonomie habe zwar zu einem gewissen Rückenwind für Investitionen in Gas geführt, dennoch gebe es eine riesige Lücke zwischen dem tatsächlichen Bedarf und den aktuell geplanten Projekten. Hier gebe es Handlungsbedarf für die Politik, auch um zu verhindern, dass Investoren lieber im Ausland aktiv werden.
Deutsche setzen beim Heizen nach wie vor auf Gas
Während der Zubau von Gaskraftwerken noch stockt, wurde eine Rekordzahl an Gasheizungen installiert. So wurden 2021 etwa 653.000 neue Geräte installiert, ein Plus von 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Kehler blickt daher skeptisch auf das Vorhaben der neuen Bundesregierung, die ab 2025 für jede neu eingebaute Heizung den Betrieb mit mindestens 65 Prozent erneuerbare Energie vorsieht. „Diese Vorgabe stellt hunderttausende Haushalte vor unlösbare Aufgaben“, so der Zukunft Gas-Vorstand. „Vielmehr muss im Wärmemarkt die Dekarbonisierung des Energieträgers eingeleitet werden. Die Industrie wird schon bald Heizungen liefern, die mit Wasserstoff betrieben werden können. Doch wann der Brennstoff in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht, ist noch unklar.“ Bereits jetzt sei klar, dass die Wärmewende für die Bürger nicht unbezahlbar werden dürfe. Hier müsse die Politik dringend handeln und realistische Szenarien entwerfen.
Mit Blick auf die Preisexplosionen sagte Kehler, dass diese für die privaten Verbraucher dank konservativer Einkaufsstrategien und Langfristverträgen zumindest teilweise abgefedert werden konnten. „Die Branche verfolgt laufend die dynamischen und herausfordernden Entwicklungen auf den globalen Energiemärkten. Durch die aktuelle Situation wird die Bedeutung von Nachhaltigkeit, Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit erneut deutlich, die alle gewährleistet sein müssen. Gut diversifizierte Lieferquellen, Speicher sowie Pipeline- und LNG-Transportinfrastruktur sind entscheidend, um Engpässe auch in Zukunft vermeiden zu können“, erläuterte Gregor Pett, Executive Vice President Market Analytics, Market Solutions, Digital Trading Development and Operations bei Uniper.
Energie-Außenpolitik stärken
Timm Kehler plädierte für eine Stärkung der Energie-Außenpolitik Deutschlands. „Wir werden weiterhin Energieimporte benötigen, um unseren Bedarf zu decken. Dazu gehört auch die aktive Auseinandersetzung mit Erdgasimport-Infrastrukturen wie Pipelines und LNG-Terminals, um die wachsende Importlücke zu schließen.“ Es müsse nun darum gehen, strategische Partnerschaften auszubauen und fit für die Zukunft zu machen.
Lobend äußerte sich Kehler über die noch von der alten Bundesregierung vorgelegte Wasserstoffstrategie. Diese habe einiges in Gang gesetzt. In Deutschland seien zurzeit zahlreiche Wasserstoffprojekte in Betrieb, im Bau oder in Planung. „Die Branche ist aktiv an der Transformation beteiligt. Jetzt ist die Politik gefragt, durch die richtigen Gesetzesanpassungen den Weg für eine Wasserstoffwirtschaft zu ebnen. Das EU-Gasmarktpaket und die Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes haben bereits das Thema Transport in Angriff genommen, sind allerdings noch nicht praxistauglich. Unklar ist auch, ob die geplanten Regeln zur EU-Taxonomie nennenswerte Investitionen auslösen“, so Kehler. (amo)



